28.06.2006 · ACE-Hemmer in der frühen Schwangerschaftszeit führen zu teilweise erheblichen Mißbildungen. Doch nicht nur in den ersten drei Monaten birgt diese Behandlung gegen hohen Blutdruck Risiken für das ungeborene Kind.
Von Nicola von LutterottiDie Behandlung Schwangerer mit gängigen Medikamenten gegen hohen Blutdruck, sogenannten ACE-Hemmern, birgt auch in den ersten drei Monaten erhebliche Risiken für das ungeborene Kind. Zu diesem Ergebnis sind Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten gekommen. Bislang war man der Meinung, diese Hochdruckmittel könnten dem Ungeborenen erst zu einem späteren Zeitpunkt gefährlich werden. Wie nun aber Forscher um William Cooper von der Vanderbilt University in Nashville (Tennessee) herausgefunden haben, wiesen auch jene Kinder häufiger schwere Mißbildungen auf, die während der embryonalen Phase mit ACE-Hemmern in Berührung gekommen waren.
Die Untersuchung stützte sich auf die Daten von knapp 30.000 Kindern. Mehr als 400 der in dem Register aufgelisteten Jungen und Mädchen waren im Mutterleib früh einem Mittel gegen Bluthochdruck ausgesetzt gewesen, in rund der Hälfte der Fälle einem ACE-Hemmer. Wie die Forscher im „New England Journal of Medicine“ (Bd.354, S.2443) ausführen, schienen die ACE-Hemmer - nicht jedoch die anderen blutdrucksenkenden Medikamente - die Kindesentwicklung erheblich zu behindern.
Fehlbildungen an Herz und zentralem Nervensystem
Denn rund neun Prozent der Babys, deren Mütter während der ersten drei Schwangerschaftsmonate ein solches Mittel eingenommen hatten, wiesen schwere Fehlbildungen, meist des Herzens und des zentralen Nervensystems, auf; bei den übrigen Neugeborenen betrug dieser Anteil demgegenüber ungefähr drei Prozent und war somit nur etwa ein Drittel so hoch.
Auf welche Weise die ACE-Hemmer das Ungeborene schädigen, ist noch nicht genau erforscht. Diese Medikamente senken den Blutdruck, indem sie die Bildung eines Kreislaufregulators - des die Gefäße verengenden Botenstoffs Angiotensin - unterdrücken. Beim Ungeborenen scheint Angiotensin jedoch auch noch andere Aufgaben zu erfüllen. Wie verschiedene Beobachtungen nahelegen, spielt das Hormon unter anderem bei der Organentwicklung eine wichtige Rolle.
Gefahr durch ACE auch zu späterem Zeitpunkt
Die amerikanischen Wissenschaftler sehen darin den möglichen Grund dafür, daß der Kontakt mit ACE-Hemmern in der frühen Entwicklungsphase, wenn die Organe des Ungeborenen heranreifen, derart verheerende Folgen haben kann. Aber auch zu einem späteren Zeitpunkt darf die Schwangere keine ACE-Hemmer einnehmen. Denn dann erhöht sich die Gefahr anderer Geburtsdefekte, etwa solcher der Niere und der Lunge.
In einem Kommentar zu den jüngsten Ergebnissen zeigte sich der kanadische Forscher Jan Friedman von der Abteilung für Medizinische Genetik der Universität in Vancouver (British Columbia) schockiert darüber, daß man über die schädlichen Einflüsse von ACE-Hemmern auf das ungeborene Leben erst derart wenig weiß. Das sei deshalb so schwerwiegend, weil diese Medikamente zu den am häufigsten verordneten Hochdruckmitteln zählten. Ähnliche Wissenslücken bestünden allerdings auch im Hinblick auf einen Großteil der anderen Medikamente gegen erhöhten Blutdruck.