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Absichtliche HIV-Infektionen Eine Art von Todessehnsucht

Plötzlich ist Aids wieder ein Thema: Die „No Angels“-Sängerin Nadja Benaissa soll einen Partner infiziert haben. Vereinzelt gibt es sogar Menschen, die bewusst angesteckt werden wollen. Sie nennen sich „Pozzer“ - von „jemanden positiv machen“. Was treibt sie an?

© REUTERS Vergrößern Homosexualität, Leichtsinn und mehr - ein schwer erklärbares Phänomen. Doch es existiert

„Endlich!“, dachte Richard, als er im Sommer 2006 erfuhr, dass er sich mit HIV angesteckt hatte. „Ich war froh, erleichtert, glücklich, euphorisch“, erinnert er sich an den Moment nach der Diagnose. Jahrelang hatte er russisches Roulett gespielt, bewusst versucht, sich anzustecken. Er schlief ohne Kondom mit Männern, die er flüchtig über das Internet kannte. Von denen er wusste, dass sie positiv waren. Von denen er hoffte, dass sie ihm das Virus geben würden. Er tat es erst aus Fatalismus und weil die Todesgefahr reizte. Und schließlich aus unendlicher Liebe.

„Bug chaser“ nennen sich Suchende wie Richard (Name geändert), die sich absichtlich mit HIV infizieren wollen. „The gift“, das Geschenk, heißt das Virus in der Szene zynisch – und wer es absichtlich weitergibt, adelt sich zum „gift giver“. In Deutschland nennen sich diese Leute auch „Pozzer“ von „pozzen“ – jemanden „positiv machen“. Eine bizarre Sprache hat sich da in einer Nische innerhalb der Schwulenszene entwickelt, von der umstritten ist, ob sie groß genug ist, um überhaupt als Szene zu gelten: Es gibt kaum belastbare Statistiken, obwohl sich Sexualforscher und Soziologen damit beschäftigen. Nur in einem sind sie sich einig: Das Phänomen existiert – und mit dem Internet breitete es sich aus.

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„Safer Sex: niemals“

Auch Richard entdeckte erst vor sechs Jahren, dass es mit Web-Foren viel einfacher wurde, Sex-Abenteuer zu erleben. Nach und nach merkte er, dass er auf härteren Sex stand. Auf Schmerz. Auf Leder. „Diese sehr männlich markante Welt mit ihren muskelbepackten Kerlen zog mich völlig in ihren Bann.“ Sex ohne Kondom fand er nun „vom Gefühl her einfach geiler“. Noch ein paar Jahre zuvor war er bei seinen ersten Affären mit Männern vorsichtig gewesen, hatte immer auf geschütztem Sex bestanden.

Doch nun schrieb er bei der Suche nach Sexpartnern im Internet in seine Profilmaske: „Safer Sex: niemals“. „Ich hatte beschlossen, dass ich positiv werden wollte, weil ich wegen meiner sexuellen Vorlieben eines Tages sowieso positiv werden würde. Also bin ich zu einer Mischung aus Offensive und Verteidigung meiner Gefühle übergegangen.“ Langsam sehnte sich Richard nach dem Virus, war auf der Suche nach dem „finalen Schuss“. Er empfand „eine Form der Todessehnsucht“, verspürte einen Kick, wenn er Sex mit Männern hatte, die potentiell tödliche Erreger in sich trugen.

„Wir wussten, dass wir eine Grenze überschritten hatten“

Erstaunlich genug: Trotz etlicher Dates infizierte er sich zunächst nicht. Vielleicht hätte der Reiz der Gefahr irgendwann nachgelassen. Vielleicht hätte er seine fatalistische Lebenseinstellung noch einmal revidiert. Vielleicht wäre er irgendwann wieder zu Safer Sex zurückgekehrt. Doch dann traf er Robert (Name geändert). Und verliebte sich Hals über Kopf. „Wir sahen uns in die Augen und wussten beide: ‚Der ist es!‘“ Es wurde die Liebe seines Lebens. „Wir waren die beiden Königskinder“, schwärmt Richard noch heute, drei Jahre später. Doch wie in jedem Märchen stand etwas zwischen ihrer Liebe – es war ihr unterschiedlicher HI-Status.

Denn Robert war positiv. Aber er wollte seinen neuen Partner auf keinen Fall anstecken. Richard belastete die Kluft zwischen schwerkrank und kerngesund. Er wollte Robert so nah wie möglich sein. Körperlich. Seelisch. Er fand den Gedanken romantisch, sich anzustecken: ein lebenslanges, verbindendes Schicksal – ohne Kompromisse, Diskussionen, Rücksichten. „Es war, als ob es noch das Einzige war, das fehlte, damit wir zusammenkommen können.“ Nach langen Gesprächen setzte sich Richard durch, und Robert ließ das Kondom weg. „Wir wussten, dass wir eine Grenze überschritten hatten“, erinnert sich Richard. Mit einer unumkehrbaren Folge: Er wurde positiv. Endlich, aus seiner Sicht.

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