16.01.2011 · Zehn Monate ohne Fleisch, Eier, Milch und Kartoffeln - die Schriftstellerin Karen Duve hat es ausprobiert. Noch vor einem Jahr hätte sie sich kaum als politischen Menschen bezeichnet. Jetzt hat sie eine Mission.
Von Julia SchaafEs gibt Rührei mit Zwiebeln und frischer Paprika. Ein gebratenes Etwas, das nach Schnitzel aussieht und Schnitzel heißt, dank Curryketchup auch geschmacklich an Schnitzel erinnert, aber nicht aus Fleisch, sondern aus Weizeneiweiß besteht. Wer mag, bekommt einen Rest sanft scharfe Kürbissuppe vom Vortag. Karen Duve bestreicht Toast mit eifreier Mayonnaise. Sie drückt zwei Scheiben Tomaten in die Creme, rote Paprika und ein Pilzschnittchen, schneidet Schnittlauch vom Topf und würzt mit Pfeffer und Salz. „Es ist ja nicht so, dass man Mangel leiden muss, nur weil man nicht am Untergang der Welt beteiligt sein will“, sagt die Neunundvierzigjährige. Dann beißt sie in ihr Brot.
Karen Duve ist es gewohnt, dass ein neues Buch von ihr die Medien interessiert. Als Schriftstellerin (zuletzt: „Taxi“) zählt sie zu den Etablierten der deutschen Gegenwartsliteratur. Interviews gehören da zum Geschäft, und Duve sagt von sich, dass sie als Verkäuferin in eigener Sache bereitwillig die Avon-Beraterin gebe, um sich für ihre Produkte ins Zeug zu legen. Bloß: Soviel Duve war nie. Sonntag bei „Anne Will“, anschließend drei Tage Fernsehteams im Haus, Freitag zur nächsten Talkshow nach Köln. Ihr neuer Titel ist noch keine zwei Wochen alt und schon in den Bestsellerlisten: „Anständig essen“. Untertitel: „Ein Selbstversuch.“
Die Schriftstellerin hat ein Buch geschrieben, das ihr Leben verändert hat. Zehn Monate lang hat sie ihr Essverhalten immer strengeren moralischen Standards unterzogen. In der ersten Phase kaufte sie ausschließlich Bioprodukte. Anschließend ernährte Duve sich fleischlos. Später ließ sie auch alle anderen Tierprodukte weg. Am Schluss kam nur noch auf den Teller, was die Natur freiwillig hergibt, weil es die Pflanze nicht zerstört, Erbsen, Äpfel und Nüsse etwa. Kartoffeln und Möhren waren tabu.
„Schön war das insgesamt nicht“
Diese Extremphase als „Frutarierin“ bezeichnet Duve rückblickend als die schwierigste ihres Experiments: weniger wegen der Eintönigkeit im Speiseplan als der damit verbundenen Isolation. Gleichzeitig war es für sie die größte Überraschung, sich ausgerechnet in dieser Zeit am besten zu fühlen: so voller Energie. Fragt man Karen Duve aber nach der schönsten Erfahrung des vergangenen Jahres, antwortet sie ohne zu zögern: „Schön war das insgesamt nicht.“ Während sie sich tagsüber gewissermaßen hauptberuflich mit den Bedingungen moderner Massentierhaltung beschäftigte, plagten sie nachts Albträume. Die Bilder von schlecht betäubten Kühen, die kopfunter an Förderbändern hängend, schreien, weil sie noch bei Bewusstsein sind, während ihnen die Beine abgesägt werden, gehen ihr nicht mehr aus dem Kopf.
Dann fällt ihr der Schlüsselmoment ein, von dem sie heute sagt: „Es hat so einen Ruck durch mein Leben gegeben.“ Das war die Nacht, in der sie mit radikalen Tierschützern in eine Hühnerfarm einstieg, um die Zustände dort zu filmen. Karen Duve ist keine Abenteurerin. Nie würde sie schwarzfahren oder Kriminalität romantisieren. Heilfroh war sie, als sie die Halle mit den geschundenen Biohühnern wieder verlassen hatten, ohne erwischt worden zu sein. Trotzdem war sie mit sich im Reinen. Gerade weil sie getan hatte, was ihrer Meinung nach getan werden musste – obwohl es verboten war. „Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was man Tieren meiner Meinung nach zumuten darf, und dem, was unser Staat erlaubt“, sagt Karen Duve. Und: „Es kann mir niemand abnehmen, selbst zu entscheiden, was gut und was böse ist.“ Sie wirkt fröhlich und aufgeräumt; nicht einmal ansatzweise so herb wie im „Anne-Will“-Gemenge mit Vertretern der Fleischlobby. Sie sagt, ihr Leben habe an Intensität gewonnen.
Das Huhn Rudi wohnt zu Reha-Zwecken in der Küche
Früher war Duve weder Gesundheitsapostel noch Teil der Gourmetfraktion. Um am Schreibtisch auf Touren zu kommen, trinkt sie bis heute am liebsten Cola. In einer Blechdose auf dem Küchentisch liegen amerikanische Schokoladen-Cookies sowie die Reste einer Tüte Lakritze. Noch immer holt sie sich ihr Essen gern beim Thailänder (nur Gemüse, obwohl sie die Version mit Huhn leckerer findet). Oder es gibt Spaghetti mit vegetarischer Bolognese aus dem Glas (anstelle der Grillpfanne aus der Tiefkühltruhe – und die mochte sie wirklich gern). Kochen war nie ihr Ding. Zeit, während derer andere Leute in der Küche hantieren, verbringt sie lieber lesend.
Aber Karen Duve mag Tiere, und wer ihre Bücher kennt, weiß das längst. Ihr Haus in der Märkischen Schweiz, eine gute Autostunde nordöstlich von Berlin, beherbergt eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft. Die große Wiese im Garten dient größtenteils als Koppel für ihr Pferd, das Maultier und den zwergponygroßen Maulesel. Den Rest des Rasens bekommen demnächst die Hühner. Zwei plüschige Kater streifen durchs Haus. Und dann ist da Rudi, das Huhn, das sie aus der Biofarm befreit hat, weil es mit gebrochenem Bein im Käfiggitter hing. Seitdem wohnt es zu Reha-Zwecken in der Küche.
Duve zersäbelt mit dem Brotmesser Möhren, um die Kürbissuppe zu verfeinern: Als eine Scheibe auf den Boden springt, galoppiert Rudi über die Fliesen und pickt zu. Duve und Huhn posieren für Fotos auf dem Plüschsofa: Unendlich zart greift sie den gefiederten Körper und hebt Rudi von ihrem Schoß auf die Armlehne. Dabei ist Duve das, was man einen zupackenden Typ nennen würde. Die Eier in der Pfanne zerschrubbt sie im Nu zu Krümeln.
So nervig die fundamentalistischen Auswüchse, so plausibel die Konsequenzen
„Ich habe ja vorher kein anderes Wertesystem gehabt“, sagt Karen Duve. „Ich hatte gar keins. Ich habe einfach nicht nachgedacht.“ Wenn die Nachrichten aus ihrem tischgroßen Flachbildfernseher die neueste Wendung im Dioxinskandal vermelden, freut sie sich über jedes Stück Fleisch, das sie im vergangenen Jahr nicht gegessen hat. Die Überschwemmungsbilder aus Australien nimmt sie als Beleg, dass der Klimawandel unweigerlich in die Katastrophe mündet. Alles nur eine Frage der Zeit, glaubt Duve. Jede Avon-Beraterin wäre froh über so mächtige Argumente. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer hat mit seiner vielbeachteten Recherche über die Abgründe der Fleischproduktion den Boden bereitet. Die „Zeit“ hat daraufhin den Vegetarismus, einst Ernährungsprinzip von Sonderlingen, zum Lifestyle-Trend der Intelligenz umdeklariert. Karen Duve sagt: „Ich glaube, die Zeit ist reif.“
Dabei ist es egal, ob die Argumentation beim Klima anhebt, weil die globale Massentierhaltung – laut Duve – mehr Treibhausgase verursacht als das Transportwesen der gesamten Welt. Oder ob jemand – wie Duve – generell Mitgefühl mit Tieren einfordert, weil sie es anmaßend findet, den Mensch zur Krone der Schöpfung zu verklären, der anderen Lebewesen die Bedürfnisse abspricht. Letztlich, sagt Duve, gingen alle Argumente in dieselbe Richtung, und je länger man von ihrem Selbstversuch liest, je nerviger man auch die fundamentalistischen Auswüchse findet, umso plausibler werden doch die Konsequenzen, die sie zieht. Duve sagt: „So, wie es um die Welt bestellt ist, ist es eigentlich nicht mehr legitim, Fleisch zu essen.“
Cookies von Rewe
Biofleisch ist übrigens keine Alternative. (Duve: „Da Bio boomt, sind die Biolandwirte nicht mehr allesamt vollbärtige Idealisten, die ihre Schweine tätscheln, sondern es gibt auch dort Profitmaximierer, die gesetzliche Spielräume bis zum Anschlag ausreizen.“) Auf Käse, Joghurt, Quark und Milch, Eiprodukte sowie Ledersachen will sie ebenfalls mit minimalen Ausnahmen verzichten (wegen der Haltungsbedingungen, der Ausbeutung, wegen Qual und Tod).
Deshalb befinden sich in Duves nagelneuem Kühlschrank nur noch Eier, die ihre Hühner gelegt haben (bei allem Verständnis für Veganer, die aus Prinzip selbst diese ablehnen – „aber ich habe es nicht so mit Prinzipien“). Die Kürbisse, die im Windfang lagern, sind auf dem Misthaufen hinten im Garten gewachsen.
Die Biotomaten stammen aus dem „Rewe“-Supermarkt. Ebenso das blütenweiße „American Sandwich“ der No-Name-Marke „Ja!“, bewusst kein Buttertoast, nicht einmal bio, aber laut Zutatenliste vegan. Wobei Duve nicht ergründet hat, was „Säureregulator Natriumdiacetat“ bedeutet. Die Cookies sind auch von „Rewe“. Da hat sie die Zutatenliste nicht studiert. Bloß nicht nachlesen, wie viel Ei- und Milchpulver da schon wieder verarbeitet sind. Augen zu und durch.
Keineswegs misanthrop
Paprika in Bioqualität bekommt sie im Eine-Welt-Laden in Strausberg, gut 15 Kilometer entfernt, während die einzige eifreie Mayonnaise, die es mit konventionellen Produkten aufnehmen kann, nur in den Biomärkten Berlins zu finden ist. Die kauft sie, wenn sie sowieso in der Stadt zu tun hat. Außerdem, wie sie pflichtschuldig anmerkt, lässt sie den Ford Kombi in Strausberg stehen und nimmt die S-Bahn. Wegen der CO2-Bilanz.
Im Hintergrund des Raumes knallt es in unregelmäßigen Abständen. Rudi scharrt in seinem umgebauten Meerschweinchenkäfig herum, hat seinen Futternapf umgestoßen und meißelt die Körner jetzt einzeln auf. Duve öffnet eine Dose Katzenfutter. Qualfleisch, sagt sie selbst. Aber die Bioversion komme einfach nicht an.
Man würde vermuten, dass diese Frau mit Tieren aufgewachsen ist. Dass eine, die sich aus freien Stücken für die Abgeschiedenheit des Landlebens entschieden hat, zu jener Sorte Tierfreund gehört, die Hunden und Katzen den Vorzug gibt, weil sie mit Menschen fremdelt. Auch der misanthropische Blick in „Taxi“ spräche für diese These. Alles falsch. Duves Eltern – der Vater arbeitete für ein Pharmaunternehmen, die Mutter war Hausfrau – wollten keine Haustiere, maximales Zugeständnis an die mittlere Tochter war ein Hamster. Und Reitunterricht, der anno 1970 vor allem mit Drill und Demütigung zu tun hatte. Auf eine einsame Insel würde Duve dann doch lieber einen Menschen als ein Tier mitnehmen – wegen der Diskussionen. Aber sie sagt auch: „Ich hatte nie das Gefühl, dass Tiere etwas grundsätzlich anderes sind als ich.“
Jetzt hat sie eine Mission
Noch vor einem Jahr hätte Karen Duve sich kaum als politischen Menschen bezeichnet. Jetzt stört es sie nicht, wenn sie im Fernsehen statt als „Schriftstellerin“ als „Tierschützerin“ eingeführt wird. Zwar hat sie sich in der Vergangenheit immer mal wieder zu Wort gemeldet und mit ätzendem Ton und kristallklarer Logik über Prostitution, Feminismus oder Religion geschrieben. Einzelfälle, sagt Duve. In den frühen Achtzigern, als andere gegen Atomkraft protestierten, stand Duve in Diskotheken herum und versuchte, maximal cool zu wirken, „zwischen New Wave und Punk, und davon die Vorstadtversion“. Anschließend lebte sie zwölf Jahre mitten in Hamburg, schlief am Tag, saß nachts im Taxi und kultivierte den eigenen Menschenhass. Nur die anderen fuhren Soli-Touren für Nicaragua.
Jetzt hat die Schriftstellerin eine Mission. Je mehr sie jemanden schätzt, um so schwerer fällt es ihr, den Mund zu halten, wenn der andere Fleischberge verspeist. Aber das bringt ja nichts. In Erinnerung bliebe nur, dass sie das gemeinsame Mahl ruiniert. Also sitzt sie einfach mit am Tisch und isst, wie sie es für ethisch richtig hält. Dann merkt der andere vielleicht von selbst: Jeder hat die Wahl.
Julia Schaaf Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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