23.06.2010 · Vor 50 Jahren kam die erste Antibabypille auf den Markt. Damit erfüllte sich sukzessive Freuds Traum, Geschlechtstrieb und Fortpflanzung voneinander zu trennen. Seither sind Frauen Männern fast gleichgestellt.
Von Peter-Philipp SchmittAm Anfang waren zwei Frauen: Katharine McCormick hatte sich einen Namen als Suffragette gemacht, die bereits 1909 für die Rechte ihrer unterdrückten Leidensgenossinnen auf die Straße gegangen war. Später wurde sie zu einer Philanthropin. Sie hatte jung reich geheiratet und wollte ihr Geld im Alter zum Wohle des weiblichen Teils der Bevölkerung einsetzen. Margaret Sanger wiederum, von Beruf Krankenschwester, hatte Anfang des vorigen Jahrhunderts begonnen, sich für Geburtenkontrolle zu interessieren. Ein Antrieb war vermutlich ihre Mutter: Die gläubige Katholikin war 18 Mal schwanger gewesen, nur elf ihrer Kinder überlebten. Sie starb 1896, gerade 48 Jahre alt, an Tuberkulose und Gebärmutterhalskrebs.
Die beiden schon eher betagten Frauenrechtlerinnen McCormick und Sanger trafen 1951 auf einer Party in New York auf den Wissenschaftler Gregory Pincus, der sich unter anderem mit künstlicher Befruchtung einen Namen gemacht hatte. Ihn fragte Margaret Sanger unverblümt, was es wohl kosten würde, eine sichere Empfängnisverhütung für Frauen zu entwickeln. Pincus soll gestutzt haben, bevor er antwortete: 125 000 Dollar würden wohl zunächst genügen. Neun Jahre später hatte Katharine McCormick rund zwei Millionen Dollar aus ihrem Vermögen für die Entwicklung der ersten Antibabypille ausgegeben. Am 23. Juni 1960 kam sie in Amerika unter dem Namen Enovid auf den Markt.
Erfüllung eines Menschheitstraums
Damit erfüllte sich ein Menschheitstraum – von Frauen wie Männern gleichermaßen. Schon Sigmund Freud hatte erkannt, dass es die größte Befreiung des Menschen wäre, wenn es gelänge, Geschlechtstrieb und Fortpflanzung voneinander zu trennen. Naturgewollt im Leben einer Frau sind durchschnittlich 15 Schwangerschaften. Doch selbst wenn eine Frau in früheren Zeiten so viele Kinder zur Welt gebracht hatte, überlebten fast nie mehr als sieben bis zehn. Hungersnöte, Krankheiten, aber auch ganz private Gründe hatten dazu geführt, dass seit Jahrtausenden mehr oder meist doch weniger erfolgreich Empfängnisverhütung betrieben wurde.
Ein erster entscheidender Schritt auf dem Weg zur Pille war letztlich die Entdeckung der Sexualhormone Ende des 19. Jahrhunderts und wenig später die Erkenntnis, dass man mit ihnen das Heranreifen weiterer Eizellen wie bei einer Schwangerschaft blockieren kann. 1938 wurde dann erstmals das Hormon Östrogen künstlich hergestellt.
Das beliebteste Verhütungsmittel
Noch ehe die Pille überhaupt offiziell eingeführt war, nahmen sie in der Studienphase schon eine halbe Million Frauen ein, bis 1964 waren es dann vier Millionen. Fünfzig Jahre nach ihrer Markteinführung haben sich mindestens 200 Millionen Frauen das Hormonpräparat verschreiben lassen, weitere 200 Millionen auf der ganzen Welt wünschen sich einen Zugang zu dem Verhütungsmittel, wie die amerikanische Organisation „Women Deliver“ mit Sitz in New York schreibt. Würde man ihnen den Zugang zur Pille ermöglichen, so gäbe es jedes Jahr 50 Millionen ungewollte Schwangerschaften weniger, was mindestens 150 000 Frauen das Leben retten würde.
In Deutschland, wo Schering im Jahr 1961 das erste Präparat mit dem vielsagenden Namen Anovlar („kein Eisprung“) auf den Markt brachte, ist die Pille heute das beliebteste Verhütungsmittel. 55 Prozent der Zwanzig- bis Vierundvierzigjährigen verhüten regelmäßig mit einer Tablette, die Östrogen und Gestagen in unterschiedlicher Zusammensetzung enthält. Bei den Zwanzig- bis Neunundzwanzigjährigen sind es nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sogar 72 Prozent. 87 Prozent der vierzehn- bis siebzehnjährigen Mädchen geben an, schon einmal die Pille als Verhütungsmittel genutzt zu haben. Hauptgrund dafür: Sie gilt als besonders sicher, wenn die Einnahme konsequent und täglich erfolgt. So liegt der sogenannte Pearl-Index bei unter 1,0 – was nichts anderes heißt, als dass von 100 Frauen, die ein Jahr lang mit dem Hormonpräparat verhütet haben, nicht einmal eine Frau schwanger wird. Zugleich gilt die Pille vielen Frauen inzwischen als Möglichkeit, die Menstruation dauerhaft zu verhindern, was Ärzte aber nicht unbedingt begrüßen.
Eine Befreiung, wie sie Freud vorhergesehen hatte
Die Pille, die von vielen als die erste „Lifestyle-Droge“ überhaupt angesehen wird, hat maßgeblich die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mitgeprägt. Allerdings erfüllten sich nicht alle Hoffnungen: Ursprünglich gingen die Befürworter dieses Empfängnisverhütungsmittels davon aus, es könnte so gut wie alle sozialen und politischen Probleme dieser Welt lösen, besonders diejenigen, die eng mit dem rasenden Bevölkerungswachstum verknüpft sind. Dem war nicht so. Allerdings kam es zu einer Befreiung, wie sie Freud vorhergesehen hatte, jedoch fast nur in den Industrienationen. Noch in den Sechzigern stiegen die Zahlen der Abiturientinnen und erfolgreichen Akademikerinnen geradezu sprunghaft. Hatten zuvor viele Mädchen die Schule wegen einer ungewollten Schwangerschaft abbrechen müssen, konnten sie sich nun dank der Pille ganz auf Beruf und Karriere konzentrieren. Zugleich wurden die Mütter immer älter. Inzwischen gilt vielen das Spätgebären als großes Problem, genauso wie der massive Geburtenrückgang in vielen westlichen, besonders europäischen Staaten.
Die Pille hatte von Anfang an viele Gegner. Männer befürchteten, ihre Frauen könnten zu selbständig werden. Die Kirche glaubt bis heute, die Pille befördere den Geschlechtsverkehr vor der Ehe, was sie sicherlich tut, und die Promiskuität. Darum wurde das Präparat anfangs auch nur an verheiratete Frauen mit mehreren Kindern abgegeben. Papst Paul VI. wandte sich in seiner Enzyklika „Humanae Vitae“ ausdrücklich gegen die Pille als Verhütungsmittel, als „Medikament für Zyklusstörungen“ bei Frauen wurde sie hingegen akzeptiert. Mediziner warnten und warnen vor massiven Nebenwirkungen (Übelkeit, Gewichtszunahme, Blutungen, Thrombose): Heute weiß man, dass etwa Raucherinnen, die regelmäßig die Pille einnehmen, ein zehnfach höheres Risiko haben, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall in jungen Jahren zu erleiden.
Verhütung bis heute eher Frauensache
Auch wenn mit der kleinen Tablette viel in Sachen Emanzipation erreicht wurde. Eine Ungerechtigkeit ist geblieben: Für die Verhütung ist bis heute vor allem die Frau verantwortlich. Die wissenschaftliche Arbeit an einer „Pille für den Mann“ ist gescheitert und wurde eingestellt. Allerdings lassen sich gerade Familienväter zunehmend auch sterilisieren. Um sich sowohl vor einer ungewollten Schwangerschaft als auch vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen zu schützen, wählen zudem immer mehr junge Menschen eine sinnvolle Doppelstrategie: Pille und Kondom.
Die Antibabypille ist lediglich ein Werkzeug
Horst Trummler (Vandale6906)
- 23.06.2010, 09:58 Uhr
Der richtige Zeitpunkt für Geschlechtsverkehr
Anton Seidel (ase)
- 23.06.2010, 11:39 Uhr
@ Horst Trummler (Vandale6906)
Bernadette Friese (Bernadette2009)
- 23.06.2010, 12:36 Uhr
Verhütung für das dumme Volk
Ingo Hertrich (hertrich)
- 23.06.2010, 12:48 Uhr
Die liebe Kirche
Andreas Zaum (Ferdinandez2)
- 23.06.2010, 13:52 Uhr
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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