28.04.2009 · Die Schweinegrippe verunsichert die Menschen auch in Europa. Weil inzwischen eine Pandemie befürchtet wird, werden alle Verdachts- oder mild verlaufenden Fälle virologisch untersucht. Zehn Antworten auf zehn Fragen zeigen, dass die Welt nicht untergeht.
Die Schweinegrippe verunsichert die Menschen auch in Europa. Weil inzwischen eine Pandemie befürchtet wird, werden alle Verdachtsfälle virologisch untersucht. Zehn Antworten auf zehn Fragen zeigen, dass die Welt nicht untergeht.
1. Schweinegrippe, Mexikanische Grippe - wie heißt sie nun richtig?
Fachleute glauben, dass der Name Schweinegrippe in die Irre führt – schließlich handelt es sich um ein humanes Influenzavirus, das von Mensch zu Mensch übertragen wird. „Nordamerikanische Grippe“ wäre offenbar zu lang oder ebenfalls diskriminierend. Also beschlossen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Europäische Union (EU) am Dienstag, von der „Neuen Grippe“ zu sprechen. Das hat auch landwirtschaftspolitische Gründe, schließlich sollen die Menschen weiterhin Schweinefleisch verzehren und nicht den Schweinezüchtern schaden.
2. Warum gibt es in Mexiko so viele tödlich verlaufende Fälle, während das Virus überall sonst einen weitgehend harmlosen Krankheitsverlauf zur Folge hat?
Dabei kann es sich durchaus um einen statistischen Scheineffekt handeln. Niemand weiß, wie viele milde Fälle der Schweinegrippe es bisher in Mexiko gegeben hat. Es ist durchaus möglich, dass Tausende Erkrankte gar nicht zum Arzt gegangen sind oder mit „Lungenentzündung“ diagnostiziert wurden. Nur den am schwersten Erkrankten wurden Speichel- oder Blutproben entnommen, die dann zur Untersuchung an Laboratorien in Winnipeg und Atlanta geschickt wurden. Weil aber inzwischen eine Pandemie befürchtet wird, werden in anderen betroffenen Ländern alle Verdachts- oder mild verlaufenden Fälle virologisch untersucht. Entsprechend höher ist dort der Anteil an „leichten“ Erkrankungen. Sollte es sich um ein solches rein statistisches Missverhältnis handeln, wäre das eine gute Nachricht. Demnach gäbe es viel mehr leichte als schwere Erkrankungen – und die neue Schweinegrippe wäre weniger gefährlich als angenommen.
3. Was kann die Europäische Union gegen die Ausbreitung der Krankheit tun?
Die EU hat in der Gesundheitspolitik keine Zuständigkeit zur Angleichung der Rechtsvorschriften der 27 Mitgliedstaaten. Der Vertrag von Nizza verpflichtet sie aber dazu, die Länder im Streben nach einem „hohen Gesundheitsschutzniveau“ zu unterstützen. Daher koordiniert die Europäische Kommission derzeit als Hüterin der EU-Verträge in Zusammenarbeit mit dem in Stockholm ansässigen Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) den Austausch von Daten und Erkenntnissen der Mitgliedstaaten zur Ausbreitung. Am Donnerstag werden die EU-Gesundheitsminister in Luxemburg darüber beraten, was sie gemeinsam zur Überwachung, Diagnose und Behandlung der Krankheit sowie zur Vorbeugung unternehmen können - zum Beispiel die Empfehlung, nicht in bestimmte Gebiete zu reisen. Schon an diesem Mittwoch will Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou mit Vertretern der Pharmaindustrie über den Stand der Vorräte von Medikamenten sowie die rasche Bereitstellung eines Impfstoffs sprechen. „Die Situation sollte nicht unterschätzt werden“, sagte die EU-Kommissarin am Dienstag. „Es gibt aber keinen Grund zur Panik.“
4. Kann man sich über Zubereitung oder Verzehr von Lebensmitteln infizieren, zum Beispiel von gebratenem oder auch rohem Schweinefleisch wie Hackepeter?
Die Schweinegrippe wird wie die saisonale Influenza durch Tröpfcheninfektion übertragen. Das Virus muss also inhaliert werden, Staub kann ebenfalls den Erreger enthalten. Eine Infektion über Zubereitung oder Verzehr von Lebensmitteln kann so gut wie ausgeschlossen werden, wenn bestimmte Hygienemaßnahmen beachtet werden. Selbst roher Hackepeter birgt keine Gefahr. Und wer Fleisch bei der Zubereitung zwei Minuten lang auf mindestens 70 Grad Celsius erhitzt, schützt sich sicher vor Erkrankungen, die durch Mikroorganismen übertragen werden. Dazu zählen nicht nur Viren, sondern auch Bakterien wie Salmonellen oder Listerien. Besonders wichtig: Händewaschen.
5. Wann spricht man von einer Pandemie?
Sobald die Pandemische Warnphase 6 nach der Einteilung der WHO erreicht ist. Im Nationalen Pandemieplan heißt es dazu: „Eine Influenzapandemie ist unter dem Aspekt des allgemeinen Krisenmanagements eine lang anhaltende, länderübergreifende Großschadenslage.“ Dann wäre die zur Bewältigung verfügbare Infrastruktur überfordet, und die Schäden sind derart nachhaltig, „dass die Lebensgrundlage zahlreicher Menschen gefährdet oder zerstört wird“.
6. Was bedeutet die Pandemische Warnphase 4 für Deutschland?
Im Nationalen Pandemieplan ist festgelegt, wann welche Maßnahmen ergiffen werden. Sobald die WHO die Warnphase 4 erklärt hat, sollte im Bundesgesundheitsministerium ein interner Krisenstab einberufen werden, der Kontakt zu den Ländern und der EU hält sowie einem gemeinsamen Krisenstab von Bundesgesundheitsministerium und Bundesinnenministerium zuarbeitet sowie auch einer interministeriellen Koordinierungsgruppe. Da es aber bislang keine Schweinegrippefälle in Deutschland gibt und die Koordination zwischen den Behörden so gut klappt, wurde bislang noch kein Krisenstab eingerichtet. Mit einer Ausnahme: Rheinland-Pfalz hat schon einen.
7. Gibt es genügend Grippemedikamente?
Die Bevorratung ist Ländersache. Ob alle 16 Bundesländer tatsächlich 20 Prozent ihrer Bevölkerungen, wie vom RKI empfohlen, versorgen können, ist nicht klar. Am Dienstag teilten Berlin, Bayern, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und das Saarland mit, dass sie rund 20 Prozent ihrer Einwohner mit Grippemitteln versorgen könnten. Nordrhein-Westfalen mit seinen 18 Millionen Bürgern hält sogar Medikamente im Wert von 67 Millionen Euro für rund ein Drittel seiner Einwohner bereit. Krankenhäuser und Apotheken haben zudem weitere antivirale Arzneimittel eingelagert.
8. Wer versorgt die Bevölkerung mit antiviralen Arzneimitteln?
Im Pandemiefall werden die schon seit einigen Jahren bevorrateten antiviralen Arzneimittel wie Tamiflu und Relenza von den Bundesländern aus den Lagern abgerufen. Über die normalen Vertriebswege werden pharmazeutische Großhändler die Medikamente verteilen und gebrauchsfertig machen. Ein Teil der Mittel ist Pulver, das erst zubereitet werden muss. Ärzte verschreiben dann die Medikamente, die wie üblich in Apotheken und Krankenhäusern ausgegeben werden.
9. Wer wird zuerst geimpft?
Sobald der Impfstoff zur Verfügung steht, sind die Länder für die Impfung zuständig. Grundsätzlich wird die Bevölkerung nach Altersjahrgängen geimpft. Die Reihenfolge der Jahrgänge wird so gewählt, dass eine möglichst geringe Krankheitslast und Sterblichkeit zu erwarten ist. Medizinisches und öffentliches Personal ist unentbehrlich. Das heißt, Polizisten und wohl auch Soldaten sowie Krankenschwestern und Ärzte werden bevorzugt geimpft.
10. Womit müssen Passagiere an deutschen Flughäfen im Pandemiefall rechnen?
Flugreisende können das Virus besonders schnell über Kontinente hinweg übertragen. Daher müssen sie mit besonderen Kontrollen rechnen. Der Pandemieplan zählt zum Beispiel ein „Screening von Passagieren“ auf, die „räumliche Trennung“ von Verdachtsfällen, aber auch Grenzschließungen und Flugverbote.