21.06.2005 · „Die Familien zerfallen und es ist preisgünstiger“: Auf einer Informationsreise zur Feuerbestattung von Essen ins Krematorium im niederländischen Venlo.
Von Katrin Hummel, Essen/VenloKarl Schumacher, 54 Jahre alt, trägt eine schwarze Polyesterkrawatte, ein graues Sakko, eine schwarze Hose und braune Schuhe. Für seine Verhältnisse ist das bunt: "Ich muß ja heute keine Trauerkleidung tragen! Das ist ja keine Trauerfeier, sondern eine Informationsveranstaltung", erklärt der Bestattungsunternehmer. Auf einem Schild, das von innen gegen die Windschutzscheibe des blauen Doppelstockbusses gelehnt ist, steht zu lesen: "Informationsfahrt Krematorium Venlo". Außerdem: "Feuer-, Anonym- und Erdbestattungen, niedrige Preise, Erledigung aller Formalitäten".
Im Bus, der jetzt vom Essener Hauptbahnhof ins niederländische Venlo fahren wird, sitzen 71 Leute. Schumachers Tante Christa ist gerade dabei, von jedem Fahrgast 12,50 Euro zu kassieren. Das ist günstig, sagt Schumacher, denn die Leute können nicht nur das Krematorium besichtigen, dort umsonst Kaffee trinken und Kuchen essen, sondern vorher auch noch einen Stadtbummel durch Venlo machen und günstig einkaufen: Kaffee, Käse und so weiter. Er hat das eigens so organisiert, "um die Besichtigung mit angenehmen Begleitumständen zu verbinden". Kaffeefahrt ins Krematorium, so könnte man sein Angebot zusammenfassen. Schumacher lächelt und sagt: "Daß wir in der Gruppe anreisen, nimmt den Stress aus der Sache raus. Gemeinsamkeit macht stark." Als der Bus rollt, greift er sich das Mikrofon und hält eine kleine Rede zum Thema Kremation. Es geht darin im wesentlichen um die Tatsache, daß die Kremation im Vergleich zur Erdbestattung an Beliebtheit gewinne, insbesondere in den Städten.
Die „Streuwiese“ hinter dem Krematorium
Ein Mitarbeiter Schumachers hat seinen korpulenten Körper in einen schwarzen Nadelstreifenanzug mit goldenen Streifen gekleidet und trägt dazu glänzende Lackschuhe, vier Goldringe, ein Goldkettchen, eine goldene Brosche, außerdem ein weißes Einstecktüchlein mit Spitzen und eine schwarze Sonnenbrille. Er nimmt, während Schumacher weiterredet, neben einer Frau Platz, die deutlich jünger als die andern Fahrgäste ist und alleine an der Fahrt teilnimmt. Vorsichtig versucht er herauszufinden, ob sie als Spionin eines anderen Bestattungsunternehmers dabei ist. Als das nicht der Fall zu sein scheint, erzählt er freimütig, daß Schumacher für seine Mitbewerber ein rotes Tuch ist: "Die neiden ihm seinen Erfolg. Wenn die nur seinen Namen hören, stellen sich denen schon die Nackenhaare auf, und sie bekommen einen puterroten Kopf."
Grund dafür ist, daß Schumachers Unternehmen nicht zuletzt aufgrund der von ihm seit einem Jahr durchgeführten Informationsfahrten so groß geworden ist, daß er die gleichen Leistungen inzwischen nach eigenen Angaben für weniger Geld anbietet. Mehrere hundert Leichname aus Nordrhein-Westfalen sind in den vergangenen zwölf Monaten in seinem Auftrag in Venlo eingeäschert worden, danach haben die meisten Angehörigen die Asche der Verstorbenen auf der "Streuwiese" des Krematoriums verstreut. In Kürze wird der Essener Unternehmer, der jetzt schon knapp fünfzig Mitarbeiter beschäftigt - die Sargträger nicht mitgerechnet-, sieben weitere Filialen im Ruhrgebiet eröffnen.
„Ich möchte meine Asche verstreuen lassen“
Neben dem Wunsch, den eigenen Kindern die aufwendige oder teure Grabpflege nicht zumuten zu wollen, sind für viele Fahrgäste in der Tat die in den Niederlanden niedrigeren Kosten für eine Einäscherung der Grund für die Teilnahme. "Das ist in Venlo billiger wie in Duisburg", sagt etwa ein siebzigjähriger ehemaliger Polier mit buschigen Augenbrauen, der zu seiner schwarzen Lederweste eine schwarze Schirmmütze mit dem Schriftzug "MIR" trägt. "Und außerdem wird gesagt, man kann dann die Urne mitnehmen und braucht sie nicht zu beerdigen." Ein ebenfalls 70 Jahre alter pensionierter Lehrer für Latein, Geschichte und Sozialwissenschaften meint: "Ich möchte meine Asche verstreuen lassen, ich brauche für mich keinen Ort der Erinnerung. Ich lebe da aber in einer durchaus größeren Differenz mit meiner Frau Gemahlin." Dann erzählt er von der Familiengruft in Recklinghausen. "Da liegen schon vier drin, und Platz ist darin noch für sechs weitere."
Schumacher sagt: "Es kommt ja bei den meisten Leuten alles zusammen: Die Familien zerfallen, und es ist preisgünstiger." Dann erzählt er, daß die Stadt Essen bereits Friedhofsfläche aufgegeben hat, weil sich immer weniger Menschen beerdigen ließen. Ihm persönlich sei es letztlich egal, wie sich seine Kunden entschieden: "Ich bin da wertneutral. Eine Einäscherung in Essen ist mir genauso lieb wie eine Verbrennung in Venlo." Was ihn allerdings stört, ist der in Deutschland herrschende Bestattungszwang: Man muß die Asche der Verstorbenen hierzulande bestatten, während das etwa in den Niederlanden nicht vorgeschrieben ist.
„Das ist eine politische Entscheidung“
"Da muß man doch mal drüber nachdenken dürfen", sagt Schumacher, "ob das weniger würdevoll ist, wenn jemand die Urne in seinem Keller auf einen Altar stellt, als wenn die bei Schnee und Hagel auf dem Friedhof ist." Zwar gebe es inzwischen auch auf deutschen Friedhöfen einige Streufelder. Doch sei eine Einäscherung mit anschließendem Verstreuen dort viel teurer als etwa in Venlo. "Das ist eine politische Entscheidung, daß man es zwar erlaubt, aber praktisch unmöglich macht", glaubt er, "das war doch früher in Norwegen auch so: Da durfte man seinen Hund zwar mitnehmen, wenn man in den Urlaub fuhr. Aber der mußte dann dort die ganze Zeit in Quarantäne bleiben."
Der Bus nähert sich dem Krematorium. Schumacher greift noch mal zum Mikrofon: "Ein Hinweis für die, die mal mit den eigenen Kindern oder so eine Fahrt ins Krematorium machen wollen: Das ist ganz leicht zu finden." Der Mitarbeiter im Nadelstreifenanzug raunt: "Er bricht ein Tabu, dadurch, daß er das macht. Viele Leute glauben ja immer noch, sie kommen hier zu zwölft auf den Grill, und am Ende würde von der Masse jedem ein Häufchen Asche in die Urne getan."
„Er ist schwer krank, es kann jeden Tag sein“
Der Bus fährt auf einem schmalen Sträßchen durch einen Mischwald. Rechts ist ein Friedhof, vorne ein flacher weißer Backsteinbau, umgeben von einem Park. Vorsichtig steigen die Fahrgäste aus. Die meisten sind um die siebzig Jahre alt. Eine Frau schiebt ihren Mann im Rollstuhl vor sich her, in seiner Nase steckt ein Schlauch. Ein anderer Mann wird von seiner Tochter und seiner Enkelin begleitet. Er hat drei Herzinfarkte hinter sich und ist am Tag zuvor erst aus dem Krankenhaus entlassen worden. Den Vertrag mit Schumacher hat er schon unterschrieben. Seine Tochter sagt: "Er ist schwer krank, es kann jeden Tag sein."
Am Eingang des Krematoriums stehen zwei Angestellte. Sie verteilen Prospekte, dann kommt die Gruppe in eine Art Hotellobby mit türkisgelben Sesseln und kleinen Stehtischen. Schumacher deutet im Raum umher und sagt: "Das finden Sie in keinem deutschen Krematorium. Die sind alle 1930 gebaut, und die Angehörigen werden unten im Keller empfangen."
Trauerhalle mit Videoleinwand
Als alle auf der Toilette waren, werden die Besucher in die Trauerhalle mit Videoleinwand geführt. Es läuft eine Konzertaufnahme von Orffs "Carmina Burana". Der Gesang braust über die zehn Stuhlreihen hinweg, die auf einem spiegelnden schwarzen Fliesenboden stehen. Der Geschäftsführer, Jos Bergsma, tritt ans Rednerpult und berichtet, daß er 2500 Einäscherungen im Jahr hat, davon 1500 aus Deutschland. Der Mann mit der Schirmmütze fragt nach den Kosten, aber Bergsma vertröstet ihn auf später. Auf Nachfrage sagt er dann noch, daß die Urnen nicht verplombt sind, wenn sie den Angehörigen ausgehändigt werden. Und, ja, es sei also prinzipiell möglich, die Asche auszutauschen, bevor man die Urne in Deutschland beisetze.
Dann geht es vorbei an zwei blauen Wischmops zu einem knisternden Ofen, vor dem zwei geschmückte Särge stehen. Wenn man um den Ofen herumgeht, gelangt man in einen Raum, in dem die Asche aufgefangen und gemahlen wird. Die Reisegruppe darf einen Blick - allerdings einen ungläubigen - auf das werfen, was nach der Verbrennung von einem Körper übrigbleibt: Poröse weiße Knochenreste, poröses braunes Knochenmark, sogar Gelenke sind noch zu erkennen, dazwischen liegen die großen Sargnägel, die vom Personal herausgefischt und in einem großen Behälter gesammelt werden. Einige Knochen sind stark grün verfärbt. Das seien Medikamentenrückstände, erklärt ein Angestellter. Die Besucher ertragen den Anblick mit Fassung. Eine Dame erkundigt sich, ob man hier auch erfahren könne, wie man seinem Leben mit irgendeiner Pille vorzeitig ein Ende setzen könne.
„Ich will auf jeden Fall in meinen Garten“
Der Mann mit der Schirmmütze hat derweil den Mitarbeiter Schumachers in eine Ecke gezogen und sagt: "Ich will auf jeden Fall in meinen Garten, hinterher, wenn ich hier war." Er will wissen, ob das wirklich möglich sei. Es folgen umständliche Erklärungen. Von einer Gesetzeslücke ist die Rede und davon, daß kein Mensch darauf achte, was mit der Asche geschehe. Und irgendwann, als die Gesellschaft schon die Streuwiese mit den weißen Aschespuren und vielen frischen Blumen gesehen hat und vor einer Urnenwand steht, sagt der Mitarbeiter schließlich: "Es gibt wahrscheinlich eine Menge Leute, die die Urne zu Hause im Garten haben." Der Mann mit der Schirmmütze blickt auf die Urnenwand: "Kostenfrage, ungefähr?"
Hinterher, bei Kaffee und Sandkuchen, erklärt ihm der pensionierte Lehrer, daß er nicht die Holländer, sondern Schumacher nach den Preisen fragen muß, "weil die Holländer ihm ja nicht das Geschäft verderben wollen". Bei Schumacher ist zu erfahren, daß eine Einäscherung inklusive Transport nach Venlo 1250 Euro kostet. Der ehemalige Polier nickt und blickt sich um. "Ist ja auch alles neu hier, vernünftig gemacht, überall derselbe Stein für die Mauern und dieselben Fugen..."
Katrin Hummel Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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