22.06.2003 · Kaum volljährig und schon in der Schuldenfalle. Berater und Erzieher schlagen Alarm. Junge Leute geben lieber Geld aus, als zu sparen.
Von Thomas Schmitt"Umgang mit Geld", sagt Joachim Hofmann-Göttig, "beginnt ab der ersten Stunde des Erziehungsprozesses. Kleinkinder, die kaum rechnen können, müssen schon lernen: Milch und Honig fließen nicht von alleine." Die Erfahrung, daß Sparen und Ausgeben zwei Seiten einer Medaille sind, sollte sich durch die gesamte Schulzeit ziehen, sagt der Staatssekretär im Mainzer Kultusministerium: "Wir können die Kinder nicht unvorbereitet mit 18 ins Leben entlassen - und rums fliegen sie auf die Nase." Genau das jedoch passiert - immer öfter.
"Jung, lässig und pleite?" Keine Frage für die Stuttgarter Bürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch: "Schuldnerberater, Pädagogen und Eltern registrieren eine zunehmende Schuldenbereitschaft Jugendlicher und junger Erwachsener." Bereits mit frühen Schulden würden die Weichen für eine spätere Überschuldung gestellt. Stuttgart bemüht sich daher um mehr Prävention in den Schulden.
Konsum auf Pump
Minderjährige Jugendliche bekommen zwar ohne die Hilfe der Eltern keine Kredite. Trotzdem haben sie Schulden, wie das Münchner Institut für Jugendforschung (IJF) herausgefunden hat (Grafik). Im Schnitt waren es bei gut 500 Befragten 370 Euro. Hochgerechnet auf die Altersgruppe, wären das 100 Millionen Euro.
Eltern und Freunde tragen in frühen Jahren bevorzugt zum Konsum auf Pump bei. Richtig hoch schnellt die Verschuldung dann mit der Volljährigkeit. So registriert das Kreditinformationsbüro Schufa: "Immer mehr junge Bundesbürger geraten in die Schuldenfalle." Der Einstieg ist häufig das Handy. Schufa-Chef Rainer Neumann sagt: "Junge Handy-Besitzer gehen relativ sorglos mit der Bezahlung ihrer Gebühren um. Zum anderen fordern scheinbar die Netzbetreiber nach den Boomjahren offene Rechnungen bei säumigen Zahlern stärker ein."
Verschuldung - ein gesellschaftliches Phänomen
Mittlerweile rangiert das Handy schon auf Platz drei unter den Gründen für Verschuldung. Nur Auto oder Mofa sowie Möbel liegen davor, stellen die Münchner Forscher fest. "Viele unterschätzen, was eine Kurzmitteilung (SMS) kostet", weiß Karin Fries vom IJF. Das stellen auch Schuldenberater immer wieder fest, wenn Jugendliche mit Rechnungen von 500 Euro oder mehr zu ihnen kommen und nicht weiterwissen.
Wie kommt es soweit - selbst bei Minderjährigen? "Formal betrachtet laufen solche Verträge allesamt auf die Eltern", sagt der Oldenburger Jugendforscher Professor Armin Lewald. In Wirklichkeit spiele sich der Konflikt also zwischen Eltern und Kindern ab. "Und in der Regel unterliegen die Eltern. Das gilt für Kleidung wie für andere statusträchtige Konsumgüter." Mit siebzehn lebt es sich so super, mit achtzehn "schlägt das wie eine Falle zu", sagt Lewald. An die Stelle spendabler Eltern trete etwa der Dispo-Kredit der Bank. Das lehrt: "Großzügigkeit bei der Finanzierung von Konsum kommt wieder aus den Taschen anderer Leute." Warum auch nicht? Verschuldung ist ja ein gesellschaftliches Phänomen. "Wir haben einen sehr gefährlichen Wertewandel", konstatiert der Betriebswissenschaftler Claus Gerberich, ein Professor mit Managementerfahrung. Der Staat und große Unternehmen handeln nach dem Motto: "Wir können Geld aufnehmen, wie wir wollen, wir verbraten das Geld." Und dann? "Einfach eine Kapitalerhöhung. Das sehen Jugendliche und nehmen es sich zum Vorbild."
Kinder an der Macht!
Schließlich die ständige Berieselung. Kinder und Jugendliche seien eine mit Millionenaufwand umworbene finanzkräftige Zielgruppe; ein zukünftiger Markt, dessen Markenpositionierung zu einem möglichst frühen Zeitpunkt angestrebt werde, beschreibt dies die Autorin Lucia Reich in ihrem Buch "Jung, lässig und pleite". Das beginnt bei anderthalbjährigen Mädchen, die wissen, was zu ihrer Puppe "Baby Born" gehört. Dreijährige können die Logos von McDonald's oder Aldi zuordnen. Und bei den Sechs- bis Vierzehnjährigen haben "fast 60 Prozent bei Süßwaren bereits eine Lieblingsmarke", stellt das IJF fest. Absoluter Favorit: Milka.
Kinder an der Macht! Quengeln, betteln, nerven und immer geschickteres Argumentieren, um Interessen durchzusetzen - Eltern können ein Lied davon singen und werden öfter weich, als sie eigentlich wollen. Staatssekretär Hofmann-Göttig hält dagegen: "Wir müssen unseren Kiddies beibringen, daß Geld nicht an den Bäumen wächst, sondern aus Arbeit kommt", sagt der Bildungspolitiker. "Geld ausgeben ist schön, aber es zu verdienen ist noch schöner."