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Geschlechterdebatte : Der Imperativ des Gefühls

  • -Aktualisiert am

Emotionen pur - Taktgefühl war gestern Bild: Nora Klein

Es ist das schwere Erbe der Romantik: Immerzu glauben wir, Emotionen zeigen zu müssen. Dabei hätten wir Besseres zu tun.

          So viel Gefühl war nie: Als der Politiker Christian von Boetticher im vergangenen Sommer die Affäre mit einem Teenager gestand und zurücktrat, ließ er Tränen kullern; "schlichtweg Liebe" sei das gewesen. Na, dann kann doch eigentlich niemand was dagegen einwenden, oder? Das Feuilleton für seinen Teil debattierte gerade erst und einmal mehr die Frage, ob der moderne Mann am Ende nicht doch zu weich geworden sei; diese Debatte muss offenbar alle zwei bis drei Jahre sein, weil dann eine neue Generation ins liebestüchtige Alter kommt.

          Der Wandel ist unübersehbar: Ein Konrad Adenauer, der um ein 16 Jahre altes Mädchen weinte, schiene uns heute unvorstellbar. Tarzan, der beleidigt aufstampfte, nur weil ihm eine Liane gerissen ist? Klingt nicht sehr wahrscheinlich. Und ein Mafiaboss, der zur Therapeutin geht? Den gibt es auch erst seit den "Sopranos". "Der Pate" war noch aus völlig anderem Draht gestrickt.

          Wer Gefühle „verdrängt“, muss zur Therapie

          Dabei springt der Befund, nur mit dem Mann sei etwas nicht in Ordnung, nur er sei zu gefühlsduselig, zu kurz. Der Imperativ ist breiter, allgemeiner: Dass man Gefühle haben soll und sie vorzeigt, gilt heute als ausgemacht. Wer Gefühle "verdrängt" oder "in sich hineinfrisst", muss zur Therapie. Die Emotion ist zur Währung geworden, besonders die "authentische", und das nicht nur im Zirkus der Aufmerksamkeitsökonomie. Wir sprechen ständig davon, dass wir uns einander mehr öffnen müssten, und reden selbst mit Zugbekanntschaften über die Schmerzen in unseren Herzen.

          Das war nicht immer so. Gefühle im modernen Sinne sind wie die romantische Liebe eher ein Krümel auf dem Zeitstrahl der Menschheitsgeschichte. Die Gefühle verdanken ihren Aufstieg vor allem der bürgerlichen Selbsterfindung. Mit Hilfe von echten Gefühlen wollten sich die Bürger absetzen von der Maskenhaftigkeit und falschen Höflichkeit des Adels. Der kalten Vernunft der Aufklärung sollte etwas entgegentreten und der Glaube an die Allmacht Gottes durch die Suche nach der mystischen Tiefe im eigenen Selbst ersetzt werden.

          Der Begriff "Gefühl", ursprünglich auf das mechanische Befassen und Begreifen rein äußerlicher Gegenstände bezogen, wurde erst im 19. Jahrhundert zu einem Ausloten von Bewusstseinszuständen - eine Tugend, die eigens trainiert werden sollte, durch Tagebuchschreiben und Brieffreundschaften. Überhaupt, der Innenraum des Kopfes und die Vorstellung, dort könnte sich Interessantes abspielen - beides ist eine relativ junge Erfindung. Erst mit dem Kampf des Bürgers gegen die adelige Ständegesellschaft wurde auch die Empfindsamkeit zum höchsten Ausdruck von Individualität und Authentizität, einer Disziplin, in der es einander bald auch zu übertreffen galt.

          Frauen bedienten den Schnellkochtopf - und ihre Emotionen

          Anders gesagt: Liebe und Gefühle waren für die, die sonst nichts besaßen, sich aber auch einmal besser fühlen wollten. Gefühlsarbeit wurde traditionell eher den Frauen übertragen. In der Regel verfügten sie über keinen Besitz - sie bedienten schließlich den Schnellkochtopf und ihre Emotionen.

          Zu Beginn wurde der Gefühlsaufstieg auch keineswegs kritiklos hingenommen. Im 18. Jahrhundert gab es vehemente Einwände gegen die "alberne Empfindeley" und "die Seuche der Empfindsamkeit"; davon zeugen Lexika aus dieser Zeit. Und Gustave Flaubert bewies immerhin noch Selbstironie genug, seine Madame Bovary erst durch die Lektüre von Romanen dazu anzuregen, ihrerseits ein aufregendes Liebesleben führen zu wollen.

          Heute lässt man aus Liebeskummer ganze Semester fahren und betrinkt sich wochenlang mit saurer Miene in Neuköllner Wohnzimmerkneipen - und zwar völlig ironiefrei. Niemand wird abraten, wenn einer loszöge, schon mit 28 eine Paartherapie zu besuchen - um endlich zu lernen, wie man sich von seiner Freundin trennt. Lady Gaga weint, weil sie sich "immer noch als Verliererin fühlt" - die Fans reißen ihr die Platten aus den Händen.

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