07.11.2008 · Wo war früher die deutsch-deutsche Grenze? Ein Radweg-Führer des Europa-Abgeordneten Michael Cramer hilft bei der Erinnerung: 19 Jahre nach der Wende kann man den Todesstreifen mit dem Rad abfahren und sich so ein Stück Geschichte erstrampeln.
Von Anno HeckerWie kommt man, bitte, nach Pferdsdorf? „Geradeaus und dann beim Grenzübergang links.“ Grenzübergang? Nein, so schnell geht die Orientierung nicht verloren in einem Dorf zwischen Fulda und Erfurt, mitten in Deutschland. Die Grenze steckt also doch noch in den Köpfen, 19 Jahre nach dem Fall der Mauer. „Gott sei Dank“, sagt Michael Cramer. Er ficht glühend für den Wiederaufbau oder Erhalt dessen, was die Menschen 40 Jahre trennte, Familien, Freunde, angeblich Feinde. Cramer ist für Zäune, Wachtürme, Gräben, Betonmauern, das ganze Einsperr-Programm der DDR. Nur eben nicht als Hilfsmittel einer Diktatur, sondern als Stütze für das kollektive Gedächtnis in der Demokratie. „Nur wer seine Vergangenheit kennt“, sagt der Europa-Abgeordnete für Die Grünen/EFA, „wird die Zukunft meistern.“
Auf dem Rad in die Vergangenheit
Die Vergangenheit ist fast komplett abgerissen worden, plattgewalzt von der Freude, steinerne Zeugen einer furchtbaren Zeit endlich aus dem Weg räumen zu können. Den Rest übernimmt die Natur. Moose kletterten am Türmchen - links auf dem Weg nach Pferdsdorf - hoch. Die Fenster sind geborsten, das Geländer auf dem Dach verrostet. Form und Höhe erinnern an einen Schlauchturm jeder halbwegs gerüsteten Freiwilligen Feuerwehr. Was aber soll das Bauwerk mitten auf dem Acker? Es sind diese Fragen, die Cramer beflügeln, die ihm Hoffnung geben, Deutschland werde die Teilung und ihre Überwindung nicht vergessen.
So hat er fröhlich in die Pedale getreten, von der Ostsee bis zur tschechischen Grenze, und dabei penibel einen „deutsch-deutschen Radweg“ aufgezeichnet, eine gut 1200 Kilometer lange Tour, die Bewegungslust und Geschichtsbewusstsein der Deutschen vereinen kann: eine Radwanderung durch idyllische Landschaften mit besonderen Grenz-Erfahrungen. „Wir radeln“, sagt Cramer, „auf dem Todesstreifen.“
Wo war noch mal die Mauer?
Das kleine Türmchen bei Pferdsdorf ist aus Beton, viereckig, DDR-Standard in den Achtzigern für die Überwachung vor allem der eigenen Bürger, fast unverwüstlich, wohl zu teuer, es abzureißen. Und zu wertvoll als eines der wenigen greifenbaren Relikte. „Ein Drittel der Berliner Bevölkerung wusste zehn Jahre nach dem Fall der Mauer nicht, wo sie gestanden hat“, sagt Cramer.
Wer also kann noch begreifen, dass sich vor dem Türmchen (“BT-11, quadratisch“) auf dem Acker von heute einst ein Kolonnenweg, eine Lichttrasse, ein Kontrollstreifen, ein Kfz-Sperrgraben und ein Grenzzaun befanden? Dass dahinter eine Führungsstelle, ein Beobachtungsbunker, Hunde-Laufanlagen, ein Grenzsignal- und Sperrzaun II installiert, Selbstschussanlagen montiert und Splitterminen-Felder angelegt waren? Dass die SED schon 1952 Zwangsumsiedlungen anordnete, Tausende „unzuverlässige Elemente“ aus der fünf Kilometer breiten Sperrzone umsiedelte - im Namen ihrer „Aktion Ungeziefer“? Cramer diktiert Veränderungen für die nächste Auflage seines Tourenbuchs: „Radweg für einen Kilometer geteert.“ Touristen, die ihm folgen, sollen auf alles vorbereitet sein: „Vor zwanzig Jahren wären wir hier erschossen worden.
Nicht nur Leid und Tod
Ein paar Kilometer hinter Pferdsdorf steht ein amerikanischer Panzer wie ein Symbol für die Bedrohung vor zwei Dekaden. Der stählerne Koloss reckt seine Kanone immer noch gen Osten. Schulkinder betasten die schweren Ketten, während die stellvertretende Direktorin der Gedenkstätten-Stiftung „Point Alpha“, Stefanie Hergert, dem Radwanderer Cramer dankt: „Unsere Einbindung in den Deutsch-Deutschen Radweg ist ein Geschenk.“ Keine 200 Meter lagen zwischen dem westlichsten Ausguck des Warschauer Paktes und dem der Nato: Die Klassenfeinde schauten sich in die Augen.
Heute kann man sich ausruhen, Würstchen essen und im Vorbeiradeln ein Stück deutscher, europäischer Geschichte erfahren. „Und zwar nicht nur die tragische von Leid und Tod“, sagt Cramer, „sondern auch den wunderbaren Teil der friedlichen Revolution, die Überwindung der Teilung.“
„Ich bin nicht tot“
Etwa die Geschichte des DDR-Bewohners Bernhard F., der in den siebziger Jahren in der Nähe von Point Alpha den Weg in die Freiheit suchte, an einem Weihnachtsabend. Er setze auf geringere Überwachung, auf menschliche Regungen der Posten. Aber die Selbstschussanlage war nicht auf Weihnachten programmiert. F. blieb vor den Augen der machtlosen Amerikaner liegen und wurde vom Westen für tot erklärt.
Die Junge Union einer benachbarten hessischen Gemeinde stellte zur Erinnerung ein großes Birkenkreuz auf. Mitte der neunziger Jahre klingelte das Telefon bei den Hütern der Gedenkstätte: „Ich bin nicht tot“, sagte F. quicklebendig und doch erfreut über das Zeichen, dass man ihm zu Ehren gesetzt hatte.
Gemeinsame Erinnerung
Es steht noch, weil der größte Kampf um Point Alpha gewonnen wurde - nach der Wende. Statt der Natur überließ man den Posten Menschen, die mit dem Gedenken zu Gedanken anstiften wollen. Schulklassen aus ganz Deutschland versuchen, am Point Alpha eine Vorstellung von dem Ausmaß der Trennung und damit von der gewaltigen Kraftanstrengung für die Wiedervereinigung zu gewinnen.
Die Einsichten, die viele aus den Überresten gewonnen haben, führten zu echter Auseinandersetzung. Schüler eines thüringischen Gymnasiums fassten Stasi-Akten des Zeitzeugen F. in eine Leseform, stellten die mechanische Geheimdienstsprache dem Schicksal des Menschen gegenüber. „Schüler suchen Zeitzeugen und interviewen sie“, berichtet Stefanie Hergert. „Die Schulen aus Ost und West befruchten sich bei solchen Aktionen.“
100 000 Besucher zählt die Stiftung pro Jahr. Es könnten mehr werden, nicht nur Radwanderer. Interesse zeigten zuletzt sogar Menschen, die bei Grenzerfahrungen eher an ihre maximale Tritt- und Herzfrequenz denken. Radprofis wie Patrick Sinkewitz, der geläuterte Doper aus Fulda. „Wenn ich mit Kollegen hier in der Region trainiere, dann wollen sie immer eines wissen: Wo ist die Grenze?“