25.06.2003 · Am Gakkel-Rücken unter dem antarktischen Eis drückt sich Erde auf drei verschiedene Weisen auseinander. Diese Meßergebnisse des Forschungsschiffes „Polarstern“ stellen die gängige Theorie in Frage.
Am Gakkel-Rücken schieben sich Europa und Amerika auseinander. An dem rund 1.800 Kilometer langen und bis zu 3.000 Meter hohen unterseeischen Gebirgszug mißt das Forschungsschiff des Alfred-Wegener-Institutes (Awi), „Polarstern“ zusammen mit dem amerikanischen Forschungseisbrecher „Healy“, wie viel und wie neuer Meeresboden entsteht. Die in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Nature“ publizierten Ergebnisse von Messungen aus dem Jahr 2001 stellen die gängige Theorie der Krustenbildung in Frage.
Denn in unterschiedlichen Teilgebieten des Rückens zeigt der Gakkel-Rücken ganz unterschiedliche Strukturen. So entdeckten die beiden Forschungsschiffe in einem Bereich zahlreiche kleine Vulkane, aus denen die Magma regelrecht herausbrodelt. In einem anderen Gebiet fanden sie gar keine Vulkankegel vor. Dort drückt das Magma bereits tiefer im Boden die Erdkruste auseinander
und bildet neuen Meeresboden. Der dritte Bereich schließlich weist Querrücken auf, die fast ebenso hoch sind wie das Gebirge selbst. Gesteinsproben, die von Bord beider Schiffe aus genommen wurden, zeigten sehr unterschiedliche und untypische chemische Zusammensetzungen in den verschiedenen Gebieten des Gebirges. "Mit diesen Ergebnissen müssen die Vorgänge, die bei der Bildung neuer ozeanischer Kruste ablaufen, neu überdacht werden. Entweder müssen die Modelle überarbeitet werden oder der Gakkel-Rücken stellt einen vollkommen neuen Typ von mittelozeanischem Rücken dar", sagt Wilfried Jokat, Geophysiker und Arbeitsgruppenleiter am Awi.
Der Gakkel-Rücken liegt auf halbem Wege zwischen Spitzbergen und dem Nordpol. Er gehört zum mittelatlantischen Rückensystem, das in der Laptewsee vor Sibirien beginnt und sich am Nordpol vorbei zwischen Grönland und Spitzbergen den Atlantik hinunter bis zur Antarktis erstreckt. Hier findet die eigentliche Kontinentalverschiebung statt: Europa (Afrika) und Amerika entfernen sich jährlich um einige Zentimeter von einander. Die Kontinentalverschiebung wurde am 6. Januar 1912 erstmals von Alfred Wegener, dem Namensgeber des AWI, propagiert. Der Gakkel-Rücken zeigt mit etwa einem Zentimeter pro Jahr die langsamste Spreizungsbewegung dieser Art auf der Welt. Er ist deshalb ein wichtiger Prüfstein für wissenschaftliche Modelle.