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Winzer in Chile „Wir haben keine Angst, uns mit Franzosen zu messen“

 ·  Aurelio Montes Senior und Junior gehören zu den bekanntesten Winzern Chiles. Mit F.A.S.-Redaktuer Peter Badenhop trafen sie sich zu einer Weinprobe mit chilenischen und deutschen Weinen.

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© Montes Der halbrunde Fasskeller mit seinen 800 französischen Barriques ist das Herzstück der Apalta-Kellerei im Colchagua-Tal.

Meine Herren, Sie haben im rechten Glas Ihren Sauvignon Blanc Leyda und im linken einen deutschen Sauvignon Blanc vom Weingut Winter in Rheinhessen. Was sagen Sie zu den beiden Tropfen?

Senior: Ziemlich interessant, die unterschiedlichen Stile.

Was meinen Sie?

Senior: Der deutsche Sauvignon hat weniger fruchtige und florale Noten, dafür mehr Mineralität und eine gewisses Salzigkeit. Er ist sehr elegant, sehr schön. Unser Chilene dagegen ist nicht ganz so raffiniert und ausgefeilt, hat dafür aber viel Zitrusfrucht und Frische.

Ist das die typisch Alte und Neue Weinwelt?

Senior: Ja, es geht in die Richtung. In Chile ist es wegen der Bodenbeschaffenheit schwer, diese Art von Mineralität zu erzielen. Dafür bekommen wir in unserem Küstenklima aus dieser Traube Weine mit einem sehr expressiv fruchtigen Geschmacksprofil.

Junior: Ich finde, unser Chilene ist ein aufregender, geradezu explosiver Tropfen, während der deutsche Wein ernster und schwieriger ist, dafür aber auch mehr Alterungspotential hat. Unseren Sauvignon Blanc sollte man trinken, solange er seine jugendliche Frische hat. Um ehrlich zu sein, suchen wir in Chile immer nach Böden, die uns ein bisschen mehr Mineralität geben - ohne die typische Fruchtigkeit zu überspielen.

Senior: Wie die Neuseeländer, so lieben auch wir Chilenen - und vor allem unsere Kunden - diesen starken fruchtbetonten Ausdruck, diesen typischen Neue-Welt-Stil, könnte man sagen. Und den verlieren unsere Tropfen, wenn man sie zu lange lagert.

Welche Rolle spielt Sauvignon Blanc in Chile?

Senior: Also, im Grunde ist Chile ein Rotweinland. Unser Unternehmen exportiert etwa 70 Prozent Rote und 30 Prozent Weiße, und das Verhältnis gilt mehr oder weniger für das ganze Land. Und unter den Weißweinen hat der Sauvignon Blanc in den vergangenen Jahren den Chardonnay langsam eingeholt. Daneben gibt es noch geringe Mengen Viognier, Gewürztraminer und sogar Riesling, aber die spielen keine kommerzielle Rolle.

Dann ist es jetzt Zeit für zwei Chardonnays: im rechten Glas Ihren Montes Alpha Chardonnay, im linken einen Deutschen vom Weingut Karl Haidle in Württemberg.

Senior: Unser Chardonnay ist Jahrgang 2010 und noch ein bisschen verschlossen. Die Barrique-Noten sind da, aber noch nicht genug integriert. Ja, und dann hat er diesen für Chardonnays aus der Neuen Welt charakteristischen, buttrigen Ton, der so wunderbar mit den tropischen Fruchtnoten reagiert. Das ist sehr typisch für Chile.

Junior: Unser Wein ist typisch für die Neue Welt, der deutsche aber nicht für die Alte Welt; mit seiner relativ deutlichen Säure und seiner Mineralik verwirrt er mich ein bisschen.

Ist Chardonnay nicht sowieso ein Wein von gestern?

Senior: Der Boom ist vielleicht vorüber, und es gibt nicht nur in Amerika längst eine ABC-Bewegung, sprich „Anything but Chardonnay“. Und doch ist er im amerikanischen Markt noch immer die Traubensorte Nummer eins und auch für uns nach wie vor sehr wichtig.

Und bei den Roten?

Senior: Cabernet Sauvignon, der König der Könige!

Sie haben vorhin vom Export gesprochen. Welchen Anteil hat der an Ihrem Geschäft?

Junior: Wir exportieren 95 Prozent unserer Produktion, und in der gesamten Branche in Chile sind es etwa 70 Prozent.

Trinken die Chilenen selbst denn keinen Wein?

Junior: Doch, aber wir sind nur 15 Millionen Leute und produzieren mehr, als wir trinken können.

Senior: Und die Chilenen trinken insgesamt weniger. Als ich meinen Universitätsabschluss gemacht habe, lag der Durchschnittsjahresverbrauch bei 50 Liter je Einwohner, jetzt sind es nur noch 15 Liter.

Junior: Aber dafür ist die Qualität heute besser. Die Leute trinken weniger, aber hochwertigere Weine.

Das ist bei uns in Europa nicht anders. Es stellt sich aber doch die Frage, warum ein Weintrinker in Deutschland einen Wein kaufen sollte, der auf der anderen Seite der Erdkugel produziert wird.

Senior: Die Antwort ist ganz einfach: weil wir das beste, unschlagbarste Preis-Leistungs-Verhältnis haben. Weine der Qualität, wie wir und viele andere chilenische Produzenten sie bieten, kosten in Frankreich oder Italien das Doppelte oder Dreifache.

Und wie machen Sie das?

Senior: Es beginnt mit den Bodenpreisen. Die sind in Südamerika generell viel niedriger als in Europa, wo es eigentlich kein ungenutztes Land mehr gibt. Der zweite Faktor ist das noch immer deutlich niedrigere Lohnniveau bei uns. Viel wichtiger aber ist unsere isolierte geografische Lage, die dazu geführt hat, dass es bei uns keinen der Schimmelpilze gibt, die Winzern in Europa so viele Schwierigkeiten machen. Das sorgt dafür, dass unsere Kosten der Traubenproduktion nur etwa halb so hoch sind wie in der Alten Welt.

Junior: Zudem sind die Energiekosten bei uns erheblich geringer.

Senior: Ja, und wir sind nicht so gierig wie die anderen, unsere Margen sind sehr gering. (lacht)

Ja, ja, das sagen alle! Darauf sollten wir noch ein Glas trinken.

Senior: Oh ja. Wie wäre es mit unserem Alpha Syrah?

Gut, aber im linken Glas gibt es dazu einen deutschen Vertreter vom Weingut Ziereisen in Baden.

Senior: An diesen beiden kann man sehr gut verdeutlichen, was Alte und Neue Welt unterscheidet: Der deutsche Syrah ist herb und würzig und hat eine gewisse Erdigkeit, typisch Europa. Im chilenischen kann man dagegen die Sonne förmlich riechen, er ist vollmundig, breit und voller dunkler Frucht. Man könnte sagen: Er hat richtig große Brüste. Und das ist typisch Neue Welt.

Kaufen die Leute deshalb Weine aus Chile? Weil sie einen besonderen Stil haben, und nicht nur wegen des Preises?

Senior: Ja, es ist wohl eine Kombination. Aber Geschmack und Charakter sind Teil des Qualitätsbildes.

Gibt es denn so etwas wie einen eigenen chilenischen Stil?

Junior: Das ist nicht so leicht zu beantworten, denn der Terroir-Gedanke hat sich auch in Chile längst durchgesetzt, und das bedeutet, dass es viele unterschiedliche Stile gibt, abhängig vor allem von den Böden. Aber im Großen und Ganzen kann man schon eine Richtung ausmachen, die sich vielleicht am besten mit den Stichworten vollmundig, fruchtig und frisch beschreiben lässt.

Dann können wir jetzt auch Ihren Cabernet Sauvignon Alpha ausschenken.

Senior: Allerdings! Und welchen deutschen haben Sie vorbereitet?

Es ist der Altum von Heinrich Vollmer in der Pfalz.

Junior: Wow! Ich bin wirklich beeindruckt: Die Würze, die Noten von schwarzen Beeren, die Tannine, die Mineralität, die Säure: so muss ein Cabernet Sauvignon riechen und schmecken. Kaum zu glauben, dass der aus Deutschland stammt.

Senior: Ja, es ist ein sehr guter Cabernet. Unser Wein hat ein bisschen mehr Farbe und mehr Körper und ist vielleicht einen Tick runder, aber dafür hat der deutsche eine sehr gute Balance und ist wunderbar lang. Beeindruckend.

Ich muss jetzt mal ein bisschen politisch werden: Hat sich das Ende der Militärdiktatur von Augusto Pinochet 1990 auf den Weinbau in Chile ausgewirkt?

Senior: Der Aufbruch begann schon Ende der Achtziger, aber mit der Demokratisierung ist dann alles förmlich explodiert - vor allem für den Export war es wie ein plötzlicher Frühling. Im Gegensatz zu Argentinien übrigens, wo nach dem Ende der Militärjunta praktisch nichts passiert ist, weil die Argentinier schon immer den meisten Wein selbst getrunken haben.

Und welche Rolle haben Weinmacher aus dem Ausland für die Entwicklung in Chile gespielt?

Senior: Leute wie Miquel Torres aus Spanien und eine Reihe von Franzosen und Amerikanern haben mit Investitionen die chilenische Wein-Revolution in den späten Achtzigern mit ausgelöst. Aber sie haben wenig für die Weiterentwicklung getan und am Ende oft sehr enttäuschende Weine gemacht. Wir bei Montes dagegen haben von Anfang an daran geglaubt, dass man in Chile nicht nur günstige Massenweine, sondern auch Tropfen von höchster Güte produzieren kann. Und im Gegensatz zu vielen anderen chilenischen Weinmachern hatten wir keine Angst, uns mit den Franzosen, Italienern und Amerikanern zu messen.

Hierzulande steht Chile immer noch für einfache Konsumweine.

Senior: Ja, es ist eine Herausforderung, die Leute davon zu überzeugen, dass sie auch richtig gute Tropfen von uns bekommen können. Aber das ist heute viel einfacher als vor 25 Jahren. Ich erinnere mich an ein Treffen mit einem Händler in New York, dem wir damals unsere Weine für den amerikanischen Markt anbieten wollten. Der hatte eine kleine Sanduhr auf dem Tisch. Die hat er umgedreht, als ich hereinkam, und hat gesagt: „Sie haben drei Minuten!“ Ich sage Ihnen, das war ein Albtraum.

Junior: Heute hat Chile zwar bei vielen immer noch den Ruf eines Massenproduzenten, ist aber zumindest ein international anerkanntes Weinland.

Montes ist inzwischen einer der größten Produzenten in Chile.

Junior: Nicht bei der Menge, aber beim Umsatz gehören wir zu den großen fünf. Wir bewirtschaften 800 Hektar und verkaufen sechs Millionen Flaschen im Jahr. Das macht uns im internationalen Vergleich zu einer Art Mittelständler.

Das hört sich für deutsche Ohren etwas seltsam an.

Junior: Gut, aber wir fühlen uns immer noch unseren Anfängen verpflichtet und produzieren mit viel Handarbeit und persönlichem Einsatz. Inzwischen machen wir auch Weine in Argentinien und Kalifornien. Aber das Konzept ist unverändert.

Senior: Wenn Sie mögen, erzähle ich Ihnen jetzt noch eine schöne Geschichte, und wir machen dazu eine Flasche Carménère auf.

Gern, aber dazu habe ich kein deutsches Pendant.

Senior: Das hätte mich auch überrascht, denn Carménère ist eine chilenische Besonderheit. Die Sorte stammt eigentlich aus dem Bordeaux, kam aber schon vor der europäischen Reblauskatastrophe Mitte des 19. Jahrhunderts nach Chile. In Frankreich wurde die Sorte dann während der Plage fast vollständig zerstört und geriet in Vergessenheit - und in Chile hielten die Leute sie für Merlot. Im Ernst: Wir haben das erst vor gut zwanzig Jahren herausgefunden. Bis dahin haben auch wir einen Merlot produziert und verkauft, der gar keiner war. Wir haben für diesen Wein internationale Preise und Anerkennung bekommen, aber keiner hat gemerkt, dass es gar kein Merlot war, auch wir nicht.

Dann müssen sich Carménère und Merlot aber sehr ähnlich sein.

Junior: Nicht einmal das. Und wissen Sie, Merlot erntet man bei uns Mitte März, Carménère aber erst im Mai. Und es hat trotzdem niemand gemerkt.

Senior: Erst als wir Mitte der neunziger Jahre einen französischen Sorten-Experten eine DNA-Analyse haben machen lassen, ist alles rausgekommen. Und heute exportieren wir unseren Carménère in alle Welt. Probieren Sie mal.

Ja, gern. Hm, mich erinnert er ein bisschen an Pinotage.

Senior: Oh Gott, sagen Sie das nicht! Pinotage schmeckt wie verbranntes Gummi, widerlich!

Ähm, ich meine die kräuterigen, würzigen Noten, die ich auch im Carménère finde.

Junior: Ja, da sind sich die beiden Sorten schon ähnlich. Aber der Carménère hat neben diesen Rosmarin-, Thymian- und Pfeffernoten auch eine schöne, volle Beerenfrucht. Er ist ein guter Begleiter für kräftig gewürzte Speisen.

Gestatten Sie mir noch eine letzte Frage: Wie kriegen Sie es eigentlich hin, dass der neue Jahrgang Ihrer Weine immer ein halbes Jahr vor den entsprechenden deutschen Weinen auf dem Markt ist?

Senior: Wissen Sie, es gibt Leute, die sagen, es liege daran, dass Chile auf der Südhalbkugel liegt. Aber der wahre Grund ist natürlich ein anderer: Wir sind einfach besonders talentierte Weinmacher.

Die Fragen stellte Peter Badenhop.

Quelle: F.A.S.
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