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Stadt-Imker Die Bienen checken im Waldorf ein

 ·  In New York schwirren viele Ideen herum. David Garcelon, Chef-Koch im Waldorf-Astoria, brachte Bienen auf die Dächer der Stadt - und versorgt so das Hotel mit frischem Honig.

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© Fricke, Helmut Im zwanzigsten Stock: Waldorf-Chefkoch David Garcelon sieht nach dem Gemüse und den Bienen

„Bee Alert!“ Der Aufkleber auf der Tür zum Dachgarten des Hotels Waldorf Astoria lässt keine Zweifel: Hier kann es gefährlich werden. „Das sind liebe Tiere“, meint David Garcelon. „Aber wenn man unvorsichtig ist, dann können Bienen schon gefährlich werden. Daher bitte keine leuchtenden Kleidungsstücke, keine offenen langen Haare.“

David Garcelon erfüllt diese Forderungen schon von Berufs wegen. Als „Director of Culinary“ des Hotels mit der Hausnummer 301 an der Park Avenue in Manhattan trägt er heute Morgen mal wieder Weiß. Die Haare unter der Haube sind kurz. Und wenn er den tierischen Bewohnern des Hotels richtig nahe kommen möchte, trägt er Imkeranzug mit Astronautenkapuze.

Die Bienen fühlten sich gleich wohl

Denn der Chef von 148 Köchen ist nun auch Hobby-Imker. Als er vor genau einem Jahr vom Hotel Fairmont York in Toronto ins Waldorf Astoria wechselte, machte er mit dem Cheftechniker, den er noch aus seinem alten Hotel kannte, erst mal einen Rundgang. Und als sie auf die Dachterrasse kamen, schwirrte ihnen gleich die Idee im Kopf herum, hier oben ein paar Bienenkörbe aufzustellen und Gemüsebeete anzulegen - ganz so, wie sie es im Fairmont auch schon gemacht hatten.

Sie riefen den wohl einzigen hauptberuflich tätigen Imker der Stadt an. Andrew Coté, Chef der „New York City Beekeepers Association“, kam, sah und zweifelte: „Zuerst dachte ich, der Dachgarten läge zu hoch und der Wind wäre zu stark.“ Aber der Imker, der bis vor zwei Jahren japanische Literatur unterrichtete, bevor er sein Hobby zum Beruf machte, stellte sechs Körbe auf - und die Bienen fühlten sich gleich wohl. Sie fliegen die Park Avenue hinauf, biegen irgendwo in den Sechziger-Straßen links zum Central Park ab, und die meisten kommen nach getaner Arbeit auch wieder. Sie produzieren Honig, vermehren sich und genießen womöglich die Aussicht von hier oben: durch die Lexington Avenue zum Chrysler Building oder die 50. Straße hinab zu Roosevelt Island.

Auf den Dächern von New York: Dem Himmel ganz nah

Dort übrigens, auf der Insel im East River neben der Insel Manhattan, wohnt David Garcelon. Als Kanadier aus New Brunswick hat der 46Jahre alte Chef - ebenso wie sein frankokanadischer Bienenberater Andrew Coté - einen Hang zur Natur. Und damit liegen die beiden hier in New York gerade richtig. Die zum Park umgestaltete High-Line-Trasse in Chelsea, die Fußgängerzonen am Broadway, die Fahrradwege an den Avenues, die Urban-Gardening-Fans in Harlem und die schon mehr als 600000 neuen Bäume der Initiative „million trees NYC“: New York gibt sich für Bewohner und Besucher einen neuen Anstrich. Die Bienen passen gut ins noch graue Bild von einer grünen Stadt.

Außerdem ist das Stadt-Imkern zum Trend geworden, auch in Deutschland, so auf dem Dach der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Mitte in Hannover, am Turm des Berliner Doms, auf dem Museum für Moderne Kunst in Frankfurt oder dem Hotel Vier Jahreszeiten in München. Die Initiatoren können sich als umweltbewusst darstellen, weil sie ein „ökologisches Bewusstsein“ schaffen, die Menschen „für Umweltthemen sensibilisieren“, kurz: marketinggerecht summen und brummen können. Und die Imker nutzen das städtische Ambiente, um vom Image der alten Männer loszukommen: Die Zielgruppe der Bienen sind plötzlich auch Hipster und Frauen.

„Schwärme ohne Ende“

Andrew Coté, der im Jahr 2010 die Legalisierung der privaten Bienenzucht in New York erreichte, möchte das Imkern nun in Kursen auf einem Dachgarten anbieten: „Die Hausbesitzer zögern aber noch. Kann ich verstehen, bei all den Anwälten hier in der Stadt...“ Nachfrage gibt es genug für den Mann, der nach eigenen Angaben mindestens 16 Stunden am Tag arbeitet: „Viele sind fasziniert von den Bienen, die ja auch wunderbar sind, geradezu magisch.“

Manchem Bienenzüchter geht die Begeisterung sogar schon zu weit. „In diesem Sommer gab es Schwärme ohne Ende“, sagt Bettina Utz aus Regensburg, die bei New York lebt, zu den Gründern der „Beekeepers Association“ gehört und stets ausgebuchte Kurse für Nachwuchs-Imker gibt. „Da bekommen viele Leute Angst, und das kann uns nicht recht sein.“

Im Waldorf passen die „honeybees“ zur Hauspolitik, Produkte aus der näheren Umgebung zu verarbeiten - die allernächste Umgebung ist eben das 20.Stockwerk. Hier lässt Garcelon vom Gärtner Gemüse, Gewürzpflanzen und Blumen anbauen. Und hierher kommen er und seine drei Kollegen, die Coté geschult hat, immer wieder, um nach den Tieren zu schauen, die den Chefkoch in der nun zu Ende gehenden Saison erst viermal gestochen haben.

Honig wurde zum „health issue“

Der amerikanische Präsident, der in diesem Jahr schon zweimal im Waldorf übernachtet hat, konnte zwar den Honig noch nicht probieren. Aber die Aktion des Chefkochs ist in einer Linie mit der Küchenpolitik von Michelle Obama. David Garcelon holt sein iPhone hervor und zeigt Bilder vom Bienenstock hinterm Weißen Haus, wohin er mit anderen Chefköchen geladen war. In Amerika ist der Honig auch zum „health issue“ geworden. In einem Land, in dem sich der Zucker überall aufdrängt, in einer Stadt, in der Bürgermeister Michael Bloomberg nun übergroße Softdrink-Becher verbietet, kann man Honig gut bewerben - schließlich ist er ernährungsphysiologisch besser als raffinierter Zucker.

Auf dem Waldorf-Dach liefern die rund 70000 Exemplare in einem Stock - insgesamt also sind es Hunderttausende - immerhin schon ein bisschen Honig. 50 Kilogramm haben sie hier oben im Juni geerntet, ebenso viel werden es wohl in diesem September sein. „Man kann ihn für viele Gerichte nutzen“, sagt David Garcelon, der mit seiner Mannschaft die Waldorf-Restaurants „Peacock Alley“, „Bull and Bear Steakhouse“ und „Oscar’s Brasserie“ bedient sowie den Rund-um-die-Uhr-Service für 1400 Zimmer. „Wir benutzen ihn zum Beispiel für Gebäck oder Speiseeis, für Saucen zu Pilzgerichten, Hühnchen oder Salaten. Insgesamt brauchen wir 500Kilogramm Honig im Jahr fürs ganze Hotel. In diesem Jahr bekommen wir von den Bienen schon 100 Kilogramm. Irgendwann sollen sie 300 Kilogramm liefern, also den Großteil unseres Bedarfs.“

Noch ist von den Tieren aber nicht viel zu sehen. Es ist zehn Uhr am Morgen, die Sonne hängt noch hinter den Hochhäusern, und es ist noch kühl. Mit der Zeit krabbeln sie heraus aus den weißgestrichenen Kästen, die schon mit der Skyline bemalt und teils mit Namen versehen sind. Mit der Sonne werden sie dann emsig.

Aber alles halb so schlimm, keine Gefahr: „Es ist einfacher, mit Bienen zu arbeiten als mit Menschen“, sagt Coté, den seine Dekanin an der Universität einst davon abhielt, in seinen Seminaren zu viel über Bienen zu philosophieren, und den seine Studenten davon abhielten, ein Menschenfreund zu bleiben. Trotz der Begeisterung sieht der einzige New Yorker, der sich hauptberuflich von Honig ernährt, die Grenzen des Wachstums: „In Manhattan, wo schon viele Leute Bienen halten, wird es langsam eng“, meint Coté, der selbst an der Lower East Side lebt. „Die Zukunft der New Yorker Bienen liegt in der Bronx und auf Staten Island.“ Zu schade, dass es da noch kein Waldorf Astoria gibt!

Von der Honigbiene lernen

Die Biene ist eine Angelegenheit für Spezialisten, Hobbyisten und Wissenschaftler. Das allgemeine Publikum hört von ihr, wenn, wie jüngst, ein neuerliches Bienensterben vermeldet wird. Doch das eigentliche Problem ist der Schwund an Imkern. Laut dem Hallenser Biologen Robin Moritz, dem Präsidenten der Europäischen Gesellschaft für Bienenforschung, gab es vor dem Mauerfall in West- wie Ostdeutschland jeweils rund eine Million Bienenvölker. Diese Zahl hat sich halbiert.

Sie sank mit der Bevölkerung, insbesondere im Osten Deutschlands, aber auch Europas. Sorgen um die Biene machen sich Moritz und seine Kollegen dennoch wenig. In dieser Woche trafen sich in Halle 450 Fachleute aus 52 Ländern, um über die Bienen zu sprechen. Vor fast 40 Jahren bekam Karl von Frisch den Medizin-Nobelpreis für die Erforschung der Honigbiene verliehen.

Seitdem stehen die individuellen Verhaltensmuster und die Organisation der Bienenvölker im Zentrum des Interesses der Zoologen, Biologen und inzwischen auch Neurologen. In Halle ging es auch um das Hirn der Bienen. Nach dem Genom, das 2005 entschlüsselt wurde, kennen die Forscher heute jede einzelne Nervenzelle. Die Biene wurde ein wichtiges Referenzmodell für die Erforschung des Denkens und Verhaltens, nicht nur in der Tierwelt. In der Tradition Aristoteles’ fragen die Forscher die Bienen: Wozu braucht man einen König? Und was ist Altruismus? (stsch.)

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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