Wenn Dieter Greiner seine unterirdischen Kammern öffnet, werden selbst die erfahrensten Schatzsucher sentimental. Drei Jahre ist es her, da lud der Geschäftsführer der Hessischen Staatsweingüter einige der angesehensten Weinkritiker der Welt ins Refektorium von Kloster Eberbach im Rheingau. An zwei Tagen ließ er hundert Jahrgänge Riesling entkorken - vom frischen 2009er bis zur ehrwürdigen 1846er Steinberger Auslese. Noch heute schwärmen die Geladenen von einem „weinhistorischen Moment“.
Auch für Greiner war die Jahrhundertprobe einzigartig. Im kleineren Rahmen erlebt er solche Momente aber immer wieder, das nächste Mal in ein paar Wochen beim Rheingau-Gourmet-Festival. Dort wird er bei einem „Weltraritäten-Dinner“ wieder einige Schätze aus dem Eberbacher Keller ausschenken: Spätlesen, Auslesen, Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen aus dem hochgelobten Jahrgang 1953.
Das wird nicht nur die zahlungskräftigen Gäste, die immerhin jeweils 1350 Euro für den Abend hinblättern, begeistern. Es festigt vor allem den Ruf von Greiners Arbeitgeber als Weingut von Weltruf - eine Werbebotschaft, die für die Staatsweingüter von besonderer Bedeutung ist. Denn sie sind mit rund 250 Hektar Anbaufläche nicht nur der größte Weinbaubetrieb Deutschlands, sondern auch im Besitz des Landes Hessen - was von vielen Seiten immer wieder kritisiert und in Frage gestellt wird.
Es gibt mehr als ein Dutzend staatliche Weingüter
Der einzigartige Raritätenkeller hin, die bei Experten wohlgelittenen aktuellen Jahrgänge her - die zentrale Frage der Kritiker lautet: Warum muss ein Bundesland in eigener Regie Wein produzieren? Nicht wenige im Land und vor allem im Rheingau, in dem Kloster Eberbach die Keimzelle des Weinanbaus war, fordern in regelmäßigen Abständen die Privatisierung der Hessischen Staatsweingüter, zu denen insgesamt sechs einzelne Domänen im Rheingau und an der Hessischen Bergstraße gehören.
Dabei ist die Landesregierung in Wiesbaden längst nicht die einzige, die sich ein eigenes Weingut leistet. Auch alle anderen Bundesländer, in denen Reben angebaut werden, keltern ihre eigenen, staatlichen Tropfen, von Rheinland-Pfalz (Weinbaudomänen Oppenheim und Trier sowie Staatsweingüter Bernkastel-Kues, Neustadt und Bad Kreuznach) über Baden-Württemberg (Staatsweingüter Weinsberg, Freiburg, Meersburg und Karlsruhe-Durlach) und Bayern (Hofkeller Würzburg) bis zu Sachsen (Schloss Wackerbarth) und Sachsen-Anhalt (Kloster Pforta).
Es sind mehr als ein Dutzend Weinmacher, die in hoheitlichem Auftrag trockenen Riesling, süffigen Müller-Thurgau, vollmundigen Lemberger oder feinen Spätburgunder keltern. Einige gelten allgemein als gute und solide Erzeuger. In den regelmäßig in Magazinen und Führern veröffentlichten Bestenlisten tauchen allerdings nur die wenigsten von ihnen auf. Die meisten Staatswinzer schlagen sich kaum besser als das Gros der zahllosen Genossenschaften in den 13 deutschen Anbaugebieten. Sonderlich erfreut sind die privaten Produzenten über die mit Steuergeld finanzierte Konkurrenz dennoch nicht.
Manchmal hilft die Privatisierung
Staatliche Weinbaudomänen haben in Deutschland eine lange Tradition. Schon Karl der Große ließ um das Jahr 800 eigene Güter einrichten. Manche der heutigen Betriebe gehen auf die Säkularisierung von Kirchenbesitz im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert zurück, andere wurden später als Muster- und Lehrweingüter etabliert, um moderne Produktionsmethoden in der Winzerschaft zu verbreiten.
Noch heute werden die meisten Staatsgüter - zumindest offiziell - zu Forschungs- und Schulungszwecken oder als Vorbildbetriebe bewirtschaftet. Zudem spielt die Bewahrung der Tradition in vielen Fällen eine gewisse Rolle, auch bei den Kommunen, die heute noch eigene Weingüter unterhalten: die Finanzmetropole Frankfurt zum Beispiel, Landeshauptstädte wie Wiesbaden, Mainz und Stuttgart, aber auch Kleinstädte wie Bensheim, Alzey, Lahr oder Klingenberg. Das größte kommunale Weingut Deutschlands, Schloss Ortenberg in Baden mit seinen 45 Hektar Rebfläche, ist gar als Zweckverband organisiert.
Viele frühere Staatsdomänen sind in den vergangenen Jahrzehnten, vor allem in den Neunzigern, privatisiert worden. Manche fielen seither nicht weiter auf, andere erzielten solide, aber im Grunde regional begrenzte Erfolge wie zum Beispiel die frühere rheinland-pfälzische Versuchsanstalt Kloster Marienthal an der Ahr, die von 2004 an in den alten Ruinen aus dem Jahr 1137 zu einem modernen Weingut mit Gutsausschank umgestaltet wurde, das von den Winzergenossenschaften Dagernova und Mayschoß-Altenahr sowie den privaten Weingütern Brogsitter und Meyer-Näkel gemeinsam betrieben wird.
Erfolg kostet Geld
Einzigartig ist der im Vergleich dazu geradezu kometenhafte Aufstieg der ehemaligen Königlich-Preussischen Weinbaudomäne Niederhausen-Schloßböckelheim. Das 1902 als Riesling-Musterbetrieb erbaute Gut an der Nahe ist innerhalb von nur drei Jahren in die Liga der deutschen Spitzenweingüter aufgestiegen. Die neuen Besitzer Jens Reidel und Christine Dinse und ihr junger Kellermeister Karsten Peter haben mit der früheren Domäne, die mit 30 Hektar in Spitzenlagen ausgestattet ist, seit der Übernahme 2009 für Furore gesorgt.
Die Weine - fast ausschließlich Rieslinge - fanden sofort großen Anklang bei Kritikern und Kunden, und erst vor ein paar Wochen ist Gut Hermannsberg, wie der Betrieb seit 2010 heißt, in das Branchen-Ranking der hundert besten Weingüter Deutschlands aufgenommen und vom Gault-Millau-Weinführer zum „Aufsteiger des Jahres“ ausgerufen worden.
So viel Erfolg hat viel Geld gekostet. Wie viel genau, das will Reidel, der sein Vermögen als Finanzinvestor gemacht hat, nicht sagen. Aber dass hohe Beträge in die Sanierung der alten Gebäude und vor allem in den Bau des hochmodernen, neuen Kelterhauses geflossen sind, ist kaum zu übersehen. „Es war von Anfang an als langfristiges Engagement geplant - nicht als kurzfristige Investition“, sagt Reidel. „Ich erwarte keine normale Rendite - aber kommerzieller Erfolg ist schon gewollt.“ Dass sich der innerhalb von so kurzer Zeit einstellen würde, sei allerdings weder geplant noch absehbar gewesen.
Hessen denkt nicht an Verkauf
Warum das Land Rheinland-Pfalz, das den maroden Betrieb im Jahr 1998 verkauft hat, nichts aus dem Potential des Weingutes mit seinen Toplagen gemacht hat? Für Reidel und seine Frau liegt die Antwort auf der Hand: „Beamte können nicht so flexibel und unabhängig agieren.“ In einer ausführlichen Chronik, die Christine Dinse zur Geschichte der Domäne verfasst hat, beschreibt sie, wie übertriebene Reglementierung, bürokratische Strukturen, zögerliche Entscheidungen und nicht zuletzt der starke Einfluss der Landespolitik zum schleichenden Niedergang des Staatsweingutes führten. „Das kann ein privater Investor mit einem talentierten Weinmacher wie Karsten Peters viel besser“, sagt sie.
Finanzkräftige und geduldige Geldgeber wie Reidel und Dinse wären auch für manch andere Landesdomäne, die ihre besten Tage hinter sich hat, ein Segen - allerdings sind sie sehr schwer zu finden.
Für Dieter Greiner und die Hessischen Staatsweingüter sind solche Investoren ohnehin kein Thema. Denn dort bleibt man angesichts der Erfolge der privaten Konkurrenz ganz gelassen. Greiner und die Landesregierung sehen ihren traditionsreichen Betrieb weiterhin als Flaggschiff des Rheingaus, das dabei hilft, die Rieslinge des Gebietes weltweit zu vermarkten.
Von Privatisierung ist keine Rede. Wie schon sein Vorgänger und CDU-Parteifreund Roland Koch, der inzwischen den Aufsichtsrat des Landesbetriebes führt, hegt auch der amtierende Ministerpräsident Volker Bouffier keinerlei Pläne dieser Art. Schon gar nicht angesichts der Zahlen, die die Staatsweingüter im vergangenen November veröffentlicht haben: 2011 hat die GmbH einen Überschuss von 90 000 Euro erwirtschaftet - drei Jahre früher als im Geschäftsplan vorgesehen. Da freut sich sogar Bouffiers Finanzminister.
Kommerzieller Erfolg
Anna Menz (Anna_Menz)
- 16.01.2013, 09:57 Uhr