Bio oder nicht Bio? Da scheiden sich die Geister. Wir nennen Ihnen acht Argumente – vier für, vier gegen Bio. Entscheiden Sie selbst.
Pro
Warum sich Bio lohnt
Bio-Produkte enthalten weniger Pestizide, sind besser für die Umwelt und besser im Geschmack.
1. Bio enthält weniger Pestizide
Es ist das größte Pfund, mit dem die Bio-Branche wuchern kann: Konventionell erzeugte Lebensmittel enthalten mehr Pestizide als biologische - und das belegt sogar die neue Studie aus Stanford. Streit gibt es allerdings in der Frage, wie schädlich Pestizide für den Menschen sind. Für die einen gehören sie zusammen mit Blei, Quecksilber, Chrom, Arsen und Radionukliden zu den gefährlichsten Umweltgiften der Welt - so steht es im „World’’s Worst Polluted Places Report 2010“ der privaten amerikanischen Umweltorganisation „Blacksmith Institute“. Vergiftungen, Krebs und Hirnschäden bei ungeborenen Kindern könnten eine Folge sein. Die anderen behaupten, die geltenden Grenzwerte seien so niedrig, dass wir uns keine Sorgen machen müssten. „Alle zugelassenen Stoffe wurden vorher bewertet, Höchstmengen wurden festgelegt“, sagt Ursula Banasiak vom Bundesinstitut für Risikobewertung. Was freilich nicht erforscht ist: Was passiert, wenn man gleichzeitig einen ganzen Cocktail unterschiedlicher Pestizide durch die Nahrung aufnimmt? Allein im Apfelanbau werden mehrere Fungizide, Insektizide und Herbizide verwendet. Der Umweltmediziner Klaus-Dietrich Runow vom Institut für Umweltkrankheiten sagt: „Es gibt beunruhigende Studien über die sich potenzierenden Effekte von Rückständen, die am zulässigen Limit liegen.“ Wer auf Nummer Sicher gehen will, kauft also zu Recht im Bio-Laden.
2. Bio ist besser für die Umwelt
Eine Umfrage bei Regenwürmern würde eindeutige Ergebnisse liefern. „Bio“ und „öko“, das steckt schon im Begriff, ist besser für Natur und Umwelt. Weil der Boden atmet und mit Humus versorgt ist, nimmt er mehr Wasser auf und erodiert weniger. Weil auf den Anbau von Getreide Kleegras und Kartoffeln folgen, ist Fruchtbarkeit von Dauer. Das Trinkwasser bleibt sauber, wenn weder Pestizide noch Nitrate gespritzt werden. Und wo mehr Blattläuse leben, gibt es mehr Insekten und mehr Vögel, die wiederum häufiger mehr Eier ausbrüten: Ein Hoch auf die Artenvielfalt. Der ewige Stachel der Kritik gilt dem Flächenverbrauch, weil die Erträge der Biobranche um zwanzig Prozent niedriger liegen. Woher, fragen Agrarforscher, soll das Land kommen, um die wachsende Weltbevölkerung ökologisch zu ernähren? Durchschnittswerte, entgegnet Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau in der Schweiz: Ein Drittel der Bio-Betriebe könne mit den Konventionellen mithalten. „Das zeigt das Potential, das wir haben.“ Afrikanische Kleinbauern könnten ihre Erträge mit Öko-Methoden außerdem beträchtlich steigern - ohne in den Teufelskreis aus High-Tech-Saatgut, Kunstdünger und Verschuldung zu geraten. Das ist nachhaltig.
3. Biofleisch enthält weniger Killerkeime
Die Entwarnung zuerst: Wenn Sie gesund sind, kann Ihnen gar nichts passieren, selbst wenn Sie Fleisch essen, das mit mulitresistenten Keimen belastet ist. Anders sieht es aus, wenn Sie ein schwaches Immunsystem haben. Dann können solche Keime Blutvergiftungen, Harnwegsinfekte oder Lungenentzündungen auslösen, gegen die konventionelle Antibiotika nicht mehr helfen. Und wie wahrscheinlich ist es, dass Ihr Fleisch solche Keime enthält? „Sehr wahrscheinlich, weil diese Keime fast überall sind“, sagt Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Stichproben von Umweltverbänden haben ergeben, dass mehr als die Hälfte der konventionell erzeugten Geflügelstücke damit belastet sind, und auch auf Rindfleisch und Schweinefleisch kommen sie häufig vor. Man könnte das ändern, sagt Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle. Dazu müsste man „den Antibiotika-Einsatz in der industriellen Tierhaltung drastisch verringern. Dann gäbe es mittelfristig weniger tödliche Keime in Krankenhäusern.“ Wenn Sie Bio-Fleisch kaufen, ist die Gefahr, dass das Fleisch diese Keime trägt, geringer. Die Tiere werden deutlich seltener mit Antibiotika behandelt. Durch Ihr Kaufverhalten können Sie also steuern, wohin die Reise geht.
4. Bio schmeckt besser
Der Bio-Bauer unseres Vertrauens verkauft Kirschtomaten, die schmecken so süß wie Kirschen - sofern es zuvor heiß und sonnig war. Im Urlaub in Südfrankreich haben wir ähnlich schmeckende Tomaten aber auch schon im Supermarkt gefunden. Schmeckt Bio also besser? Die Forschung liefert widersprüchliche Ergebnisse, was damit zusammenhängen könnte, dass in vergleichenden Studien oft an rein konventionelle Produkte gewöhnte Käufer befragt werden. Die haben sich nach Angaben von Guido Ritter, Professor für Oecotrophologie an der Fachhochschule Münster, in vielen Fällen schon an Geschmacksverstärker und Aromatisierung gewöhnt, so dass sie den ursprünglichen Geschmack vieler Produkte, wie er in Bio-Ware vorkommt, nicht mehr als solchen erkennen. Ritter ist indes überzeugt: „Bio schmeckt, gerade weil es weniger Zusatzstoffe hat, häufig besser.“ Das liegt auch daran, dass bei Bio-Fleisch und Biogemüse schon bei der Auswahl der Sorten mehr auf den Geschmack als auf Optik, Ertrag, Lager- und Transportfähigkeit geachtet wird. Wenn aber ein konventionell arbeitender Bauer auf Tierhaltung, Sorten und Anbau achtet, wird kein Unterschied zu Bio zu schmecken sein.
Contra
Warum das Bio-Prädikat unnütz ist
Alles Quatsch: Bio ist nicht gesünder, auch bei Bio muss man aufs Kleingedruckte achten und auch Bio-Schweine leiden.
1. Bio ist nicht gesünder
Ein Apfel ist ein Apfel ist ein Apfel, und nur weil der Obstbauer seinem Baum mit verklärtem Öko-Blick beim Wachsen zuschaut oder auf Pestizide verzichtet, ändert sich nicht das genetische Programm einer Pflanze, das am Ende über den Vitamingehalt der Frucht entscheidet. Wenn also Wissenschaftler der Universität Stanford diese Woche auf Basis einer Meta-Studie verkündeten, Bio-Produkte seien nicht gesünder als konventionell erzeugte Lebensmittel, ist das keine Überraschung. Wer im Ökoladen kauft, weil er tatsächlich Kartoffeln mit mehr Nährstoffen will, ist - sorry - naiv. Es gibt zwar Untersuchungen, dass Bio-Erzeugnisse gut zehn Prozent mehr sekundäre Pflanzenstoffe enthalten, die auch dem menschlichen Körper nützen, weil sie Alterungsprozesse verlangsamen. Keiner weiß jedoch, ob das einen Einfluss auf die Lebensdauer hat - vielleicht ein paar Wochen, haben Forscher aus Newcastle berechnet, bei konsequenter Öko-Kost. Eine Pille Vitamin A oder C am Tag hat mindestens denselben Effekt. Überhaupt garantiert das Niveau der landwirtschaftlichen Produktion im 21. Jahrhundert, dass Lebensmittel alles enthalten, was der Mensch braucht; Mängel sind eine Folge schlechter Verarbeitung. Insofern ist die Frage, ob Bio gesünder ist, eigentlich irrelevant. Das größte Ernährungsrisiko sind ohnehin zu viel Fett und Zucker.
2. Bio fühlt sich nur gut an
Wir wechseln unseren Stromanbieter. Wir entscheiden uns für den teuren Mitnehmkaffee aus fairem Handel und tragen T-Shirts von American Apparel. Wir kleiden unsere Babys in Öko-Baumwolle, züchten auf dem Balkon Tomaten und - natürlich - kaufen wir Bio-Eier. Bio-Schokolade. Bio-Pizza. Und Mango-Lassi in Bio-Qualität. Warum? Wir fühlen uns gut. Wir haben ein gutes Gewissen. Wir sehen uns im Einklang mit den Menschen um uns herum, die genau so sind wie wir. Und wir merken gar nicht mehr: Eigentlich geht es nur um uns. Um einen Lebensstil, der Genuss und Geschmack für deutlich mehr Geld mit einem Gefühl der Exklusivität versieht, das uns schmeichelt. Wir sind Egoisten. Schlimmer noch: Die moralische Überlegenheit, durch das eigene Konsumverhalten Gutes zu tun, wirkt wie ein Freibrief für besonders unmoralisches Handeln. Das belegt jedenfalls Nina Mazar mit ihrem Forschungsteam von der Universität Toronto, die ihre Testpersonen zunächst im Bio-Laden einkaufen ließ. Bei den Aufgaben, die es dann zu erfüllen gab, waren Bio-Kunden deutlich eher bereit, zu lügen und zu stehlen, als Probanden, die konventionelle Produkte eingekauft hatten. Mazar resümiert: „Bio-Produkte machen uns nicht notwendigerweise zu besseren Menschen.“
3. Auch bei Bio ist das Kleingedruckte wichtig
Azorubin, Chinolingelb oder Gelborange S - das hört sich schon so an, als sei es ungesund. Ist es auch. Wassereis oder Bonbons, in denen es enthalten ist, müssen die Aufschrift „Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen“ tragen. In Bio-Lebensmitteln sind solche Zusatzstoffe verboten, statt 320 sind bei Produkten mit dem sechseckigen staatlichen Bio-Siegel nur 50 Zusatzstoffe zugelassen, bei den Erzeugnissen mit Verbandssiegel von Bioland oder Demeter sogar noch deutlich weniger. Und Gentechnik oder die Bestrahlung von Nahrungsmitteln mit ionisierenden Strahlen zur Entkeimung und zur Verlängerung der Haltbarkeit sind bei Bio-Produkten gar nicht erlaubt. Doch auch Bioprodukte, vor allem die mit dem Sechseck, können Substanzen enthalten, die laut Verbraucherorganisation „Foodwatch“ problematisch sind. Bei staatlichem Bio erlaubt ist beispielsweise Carrageen, das im Tierversuch zu Geschwüren und Veränderungen im Immunsystem führte, und auch Nitritpökelsalz, aus dem sich im menschlichen Magen krebserregende Nitrosamine bilden können. Und wenn in der Bio-Branche auch vollkommen auf den Geschmacksverstärker Glutamat verzichtet wird: Die Zugabe von Hefeextrakt ist generell erlaubt, und der enthält ebenfalls Glutamat. Bio essen, und alles ist gut? So einfach ist es nicht.
4. Auch Bio-Schweine müssen leiden
Wenn vier Wiener Würstchen in Bioqualität beim Discounter 1,49 Euro kosten, stellt man sich besser nicht vor, wie es den Schweinen vorher ergangen ist. Oder man denkt an die Bilder, die in einer ARD-Reportage vom Montag zu sehen waren: Schweine in Kastenständen aufgereiht, kupierte Schwänze, eine Sau mit Ferkeln ganz ohne Stroh. „Das ist schlichtweg nicht zulässig“, sagt Friedrich Lettenmeier, Vorsitzender von „Abcert“, Deutschlands größter Kontrollstelle für Bio-Produkte. Nun hat es in der Ökobranche immer Skandale gegeben: Der Reiz zu betrügen wächst, wo es viel zu verdienen gibt. Der Tierfreund aber muss sich grundsätzlich fragen, ob ihm die Standards der Fleischerzeugung, die das staatliche Bio-Siegel garantiert, genügen. Schließlich lautet das Hauptmotiv des deutschen Bio-Kunden „artgerechte Tierhaltung“. Was heißt es dann, wenn die deutschen Bio-Mindeststandards deutlich mehr Mastschweine pro Hektar erlauben als die Bio-Anbauverbände? Und selbst ein Demeter-Stall muss sich rechnen und kann deshalb nicht nur Streichelzoo sein: Konsequente Tierliebe macht Vegetarier. Bei aller Kritik an Billig-Bio sind konventionelle Würstchen übrigens keine Alternative. Oder, wie Kontrolleur Lettenmeier sagt: „Da liegen Welten dazwischen.“
Bio nicht nur f. Esselite, auch für die Armen, der liebe Gott
ißt auch nur Bio!
Gerhard Storm (gerhardstorm)
- 16.09.2012, 06:11 Uhr
Der Glaube zählt
Klaus Letis (odysseus_8)
- 13.09.2012, 11:11 Uhr
Ökologische Landwirtschaft ist einziger (Aus-)Weg
Wolfram-Asmund Sattler (VeganHuman)
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"Sind sie ein Bio-Typ ?"
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Kein Vergleich
Manfred Gerber (bienenwabe)
- 13.09.2012, 08:14 Uhr