Wieder ist ein Weinjahr zu Ende gegangen, wie es nicht im Buche steht. Und wieder hat es vielerorts Weine hervorgebracht, von denen nach Jahren noch die Rede sein wird. Denn in vielen Weingütern, die auf die Erzeugung von Qualitätsweinen spezialisiert sind, hat ein „goldener Oktober“ kühnste Erwartungen übertroffen.
Der Menge nach ist die Ernte oft geringer ausgefallen als in den Jahren zuvor, so daß nicht nur Winzern wie Andreas Barth (Niederfell/Kanzem) das alte Wort vom „neidischen Herbst“ über die Lippen kommt. Die Güte der Moste indes läßt erwarten, daß vor allem die Rieslinge des Jahrgangs 2005 zu den besten zu zählen sind, die seit Jahrzehnten gekeltert wurden.
Ein guter Jahrgang folgt auf den anderen
Doch wieder mochte der Vegetationsverlauf des Jahres 2005 keiner Regel folgen - wie spiegelverkehrt die Rede von einem „Ausnahmejahrgang“ fast schon banal wirkt. So mag sich das Klima in Mitteleuropa gewandelt haben oder nicht; sicher ist nur, daß die Zeiten schon lange zurückliegen, in denen hierzulande schlechte, gute und mäßige Jahrgänge einander in unberechenbarem Rhythmus abwechselten. Schon seit Beginn der neunziger Jahre folgt ein guter bis sehr guter Jahrgang auf den anderen.
Gleichwohl ist auch das Urteil „gut“ für einen Jahrgang mit Vorsicht zu betrachten. Denn der Weinbau erstreckt sich vom Bodensee im Süden bis an die Ahr im Norden, die Saar im Westen und die Elbe im Osten über so verschiedene Klimazonen, daß des einen Freud mitunter des anderen Leid ist. Im eher trockenen Franken etwa freut man sich grundsätzlich mehr über Regen als etwa im eher niederschlagsreichen Rheingau. Und ein sonniger September wird dort um so lieber gesehen, wo frühreife Traubensorten auf die Lese warten, während die Winzer, die mittlerweile auf der ganzen Welt mit Riesling-Weinen Furore machen, auf jeden Sonnenstrahl in der zweiten Oktoberhälfte hoffen.
Auch innerhalb der einzelnen Regionen, ja im selben Ort sind Hoffnungen und Sorgen mitunter sehr verschieden. Der Reifeprozeß der Trauben variiert nicht nur je nach Sorte, sondern auch je nach Bodenstruktur und Kleinklima. So mag sich in dem einen Weinberg früh im Herbst Fäulnis ausbreiten, wenige hundert Meter entfernt aber lassen Exposition der Reben oder ihre Lage im Wind es gar nicht dazu kommen, daß die Trauben faul werden.
An Kühnheit grenzende Virtuosität
Bei der Arbeit im Weinberg zwischen Frühjahr und Herbst, bei der Lese in den Steil- und Terrassenlagen entlang von Rhein, Nahe Mosel und Nahe und auch bei der Verarbeitung des Mostes ist es daher mit „Buchwissen“ längst nicht getan. Sollen Weine entstehen, die sich von der Masse abheben und den Ansprüchen an einen Wein genügen, der zu Recht die Rebsorte Riesling in Verbindung mit einer Weinlage im Namen führt, dann muß jeder Arbeitsschritt mit höchster Sorgfalt und gleichzeitig einer an Kühnheit grenzenden Virtuosität geplant und ausgeführt werden. So war es auch in diesem Jahr.
Es begann recht unspektakulär: kein übermäßig früher Austrieb, keine großflächigen Spätfröste, auch kein außergewöhnlicher Vegetationsvorsprung im späten Frühjahr. Die zweite Juni- und die erste Julihälfte zeigten sich dann von ihrer sonnigen Seite. Doch dann schlug die Witterung um. Mancherorts gab es einen angenehmen Wechsel von Sonne und Regen, in der Pfalz blieb es trocken, aber überall war es für die Jahreszeit zu kühl. Anfang September führte starker Regen an Mosel, Saar und Rhein zu einer Infektion mit Botrytis, die zum Ende des Monats die Gefahr von großflächiger Fäulnis mit sich brachte. Die Traubenzone mußte entblättert werden, um die schnelle Abtrocknung der Beeren zu ermöglichen. Doch die Fäulnisgefahr wuchs, je schöner und wärmer der Frühherbst wurde. Also wurde vielerorts der Beginn der Weinlese von Mitte Oktober auf den Beginn des Monats vorverlegt, faules und unreifes Lesegut herausgeschnitten und anschließend Weinberg um Weinberg von Hand gelesen.
Mitte Oktober war die sprichwörtliche Spreu vom Weizen getrennt. Die Trauben, die zu diesem Zeitpunkt noch am Stock hingen, waren physiologisch kerngesund und vielerorts von einer mittlerweile „exzellenten“ Botrytis befallen. Das Mostgewicht stieg von Tag zu Tag, die Säurewerte nahmen nicht wesentlich ab, und die Aromareife setzte ein, weil die Beeren eintrockneten, aber immer noch Mineralien einlagerten. Zug um Zug wurden nun die Trauben gelesen und - wenn auch oft viel wärmer als gewöhnlich - auf die Kelter gebracht. Wäre es nicht in den Anbaugebieten im Westen wie auch in vielen fränkischen Betrieben mit „pumperlgsundem“ Traubenmaterial ein „perfekter Herbst“ geworden - so der Iphöfer Winzer Johann Ruck -, die Folgen wären nicht auszudenken.
An der Spitze der Qualitätspyramide
Einfache Schoppenweine, leichte Kabinettweine oder trockene Spätlesen an der Untergrenze der weingesetzlich vorgeschriebenen Mindestmostgewichte wurden aus solchen Beeren nicht gekeltert. Die für den Jahrgang 2005 typischen Weine sind vielmehr in der Spitze der Qualitätspyramide angesiedelt. Fruchtsüße Spät- und Auslesen sowie trockene Rieslinge mit einem Ausgangsmostgewicht von mehr als 100 Grad Öchsle repräsentieren in manchen Gütern fast die Basisstufe.
Dann folgen Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen, die den Weinen der legendären Jahrgänge 1947 und 1921 nahekommen, so Michael Prinz zu Salm-Salm, der langjährige Präsident des Verbands der Prädikatsweingüter (VDP), in dessen Weingut in Wallhausen (Nahe) die Lese mit der letzten Herbstsonne am 11. November zu Ende ging. Hansjörg Rebholz aus Siebeldingen (Pfalz) hingegen attestiert seinen Jungweinen nach einem in der Südpfalz eher trockenen Jahr „Klarheit, Frucht und Reife“ und stellt sie in eine Reihe mit den besten Jahrgängen der neunziger Jahre.
Doch wie steht es nach alldem ebenso frühen wie hohen Lob für den 2005er für den Weinjahrgang 2004? Hatte er nicht nach dem Ausnahmejahr 2003 von vorneherein einen schweren Stand, und hieß es nicht schon bald nach der Füllung der Jungweine zu Beginn dieses Jahres, einige Winzer seien mit der untypisch markanten Säure nicht zurechtgekommen? Für viele Weine, die im Blick auf eine schnelle Vermarktung mittels immer raffinierterer Kellertechnik „fertiggemacht“ wurden, mag das zutreffen. Nicht aber für die meisten Weißweine, die bis zum Sommer oder gar noch darüber hinaus im Keller reifen konnten. Clemens Busch aus Pünderich (Mosel) etwa charakterisiert seine Rieslinge des Jahrgangs 2004 als „schlank, mineralisch und etwas säurebetont“. Was will man neben den opulenten Weinen des Jahrgangs 2003 und denen des Jahrgangs 2005 mehr?