Bisher wurde das größte Potential für das Klonverfahren in der Medizin darin gesehen, Ersatzgewebe jedweder Art zu erzeugen, das den Vorteil hat, mit einem Patienten genetisch identisch zu sein und deshalb von seinem Immunsystem nicht abgestoßen zu werden. Nun hat Ian Wilmut, Leiter der Abteilung für Genexpression und Entwicklung am schottischen Roslin-Institut - und besser bekannt als geistiger Vater des Klonschafs Dolly -, eine weitere, bislang freilich ebenso hypothetische Dimension hinzugefügt. Wilmut will die Klonzellen von Schwerkranken zur gezielten Erforschung der Leiden verwenden.
An eine Ersatzgewebezucht ist vorerst gar nicht gedacht. Die Klonzellen sollen vielmehr als Modellsystem der Krankheit dienen. Für Forschungsarbeiten in diese Richtung hat Wilmut nun zusammen mit seinem Roslin-Kollegen Paul de Sousa und Christopher Shaw vom King's College London von der britischen Human Fertilisation and Embryology Authority die gesetzlich geforderte staatliche Genehmigung bekommen. Es handelt sich um die zweite Lizenz zum Klonen, die in Großbritannien erteilt wurde.
Krankheiten können simuliert werden
Bei der Erforschung der tieferen Ursachen komplexer Krankheiten sind Wissenschaftler bislang auf genetische Studien an einer großen Zahl von Patientenfamilien und auf Tierversuche angewiesen. Die Klontechnik soll diese Verfahren nun ergänzen. Sie erlaubt es, ausdauernde Zellkulturen, die mit dem Erbgut eines Patienten ausgestattet sind, zu schaffen und deren Steuerungs- und Stoffwechselprozesse zu untersuchen. Damit läßt sich ein Nachteil von Tiermodellen überwinden. Mit deren Hilfe können Krankheiten nämlich nur näherungsweise simuliert werden, da das Einfügen oder Löschen eines Gens oder weniger Gene nie das Vollbild der menschlichen Krankheit erzeugen kann.
Freilich sind auch geklonte embryonale Stammzellen dazu nicht in der Lage, denn sie sollen sich ja nicht zum Klonmenschen entwickeln, sondern auf der Entwicklungsstufe von Gewebekulturen verbleiben. Doch immerhin könnte es der neue Ansatz erlauben, das Genom eines kranken Menschen in intaktem Zustand zu beobachten und dabei zu untersuchen, welche Gene und Proteine bei spezifischen, krankheitstypischen Prozessen in den Zellen beteiligt sind und in Wechselwirkung treten.
Ein viel tieferer Einblick
Die britischen Forscher wollen das avantgardistische Verfahren an Patienten mit einer seltenen Erkrankung der Motoneuronen erproben, bei denen sich eine genetisch gesteuerte Degeneration der Muskeln vollzieht und nach einem mehrjährigen Siechtum zum Tod führt. Die Amyotrophe Lateralsklerose gehört zum Kreis dieser Krankheiten. Das einer Zelle entnommene Erbgut solcher Patienten soll zunächst in leere Eizellen eingeführt werden. Daraus will man rund zweihundert Zellen umfassende Klon-Embryonen heranzüchten. Deren isolierte embryonale Stammzellen sollen dann durch Zugabe spezifischer Wuchsstoffe veranlaßt werden, sich in Richtung von Motoneuronen zu entwickeln. Wilmut und sein Team setzen voraus, daß auch in der Petrischale die für Motoneuronen-Krankheiten typischen Entwicklungs- und Funktionsdefekte auftreten.
Mit molekularbiologischer Analytik wollen die Forscher verfolgen, wie sich die Krankheit in der Zellkultur manifestiert und welche Gene dabei aktiv sind. Die klassische Suche nach beteiligten Genen in Patientenfamilien verlief bisher nach Angaben von Christopher Shaw weitgehend fruchtlos. Nach Jahrzehnten sei gerade ein Gen gefunden worden, das aber nur bei weniger als fünf Prozent der Betroffenen wirklich involviert sei. Mit der Klontechnik erhoffen sich die britischen Wissenschaftler einen viel tieferen Einblick in die Genese der Krankheit. Die Forschungsarbeiten sind freilich ethisch umstritten, weil sie mit der gezielten Erzeugung und Zerstörung geklonter Embryonen einhergehen. Diese Frage wird sicherlich auch beim bevorstehenden Deutschland-Besuch Wilmuts zur Sprache kommen. Am 14. März wird der Klonforscher, nachdem ihm 2002 schon die Schering-Stiftung höchste Ehre zuteil werden ließ, in der Frankfurter Paulskirche in Anwesenheit von Bundespräsident Horst Köhler den mit 100000 Euro dotierten Preis der Paul-Ehrlich-Stiftung erhalten.