Hunde wurden durch das Schiff mit seinen 1500 Kabinen geschickt. Sicherheitskräfte hörten von außen den Schiffsrumpf nach Klopfzeichen und Hilferufen ab. Die Rettungstaucher wollten alle Kabinen durchkämmen. Am Montag waren Dutzende Retter an der „Costa Concordia“ damit beschäftigt, das vor der toskanischen Küste gekenterte italienische Kreuzfahrtschiff abzusuchen, in der Hoffnung auf Überlebende unter den 29 Vermissten der Havarie – diese Zahl gab die italienische Küstenwache am späten Montagabend an.
Das Schiff war am Freitagabend mit 4229 Personen an Bord nahe der Insel Giglio auf einen Felsen gelaufen. Unter den Vermissten sind zwölf Deutsche. Am Montagmorgen entdeckten die Rettungstaucher und Feuerwehrleute einen weiteren Toten in dem Schiff, die Zahl der Todesopfer stieg damit auf sechs. Der Passagier befand sich auf dem zweiten Deck und trug eine Schwimmweste. Mehr als 70 Personen waren bei dem Unfall verletzt worden, meist bei der hastigen nächtlichen Räumung.
Unter den zwölf deutschen Vermissten – an Bord des Schiffes waren 566 deutsche Passagiere – sind neben fünf Personen aus Hessen auch je zwei Passagiere aus Berlin, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Bei den Vermissten aus Hessen handelt es sich neben einem Ehepaar aus Mühlheim um zwei Schwestern aus Offenbach und einen Mann aus Maintal, wie ein Sprecher des Polizeipräsidiums Offenbach mitteilte. Angehörige hatten das Ehepaar im Alter von 71 und 72 Jahren, die Schwestern im Alter von 70 und 78 Jahren sowie den 74 Jahre alten Mann aus Maintal als vermisst gemeldet. Sie alle waren als Teilnehmer der Kreuzfahrt registriert.
Der Sohn eines Ehepaars aus dem münsterländischen Ibbenbüren habe sich am Wochenende bei der Polizei gemeldet, sagte ein Behördensprecher in Steinfurt am Montag. Nach dem Unglück am Freitagabend habe der Sohn noch mit seinen 72 und 68 Jahre alten Eltern telefoniert, dann aber nichts mehr von ihnen gehört. Laut „Berliner Morgenpost“ handelt es sich bei den beiden vermissten Berlinern um eine Sechzigjährige und ihren 66 Jahre alten Lebensgefährte aus Berlin-Adlershof. Nachbarn sagten der Zeitung, beide seien nach Hüftoperationen gehbehindert. Bei den beiden vermissten Frauen aus Baden-Württemberg handelt es nach Angaben mehrerer Zeitungen um eine 66 Jahre alte Frau aus Achstetten (Kreis Biberach) und eine 71 Jahre alte Frau aus Neuffen (Kreis Esslingen). Sie gehörten einer größeren Reisegruppe an, die auf dem Schiff war. Bei einem der beiden Vermissten aus Bayern handelt es sich laut „Antenne Bayern“ um eine 52 Jahre alte Frau aus der Nähe von Nürnberg.
Das Auswärtige Amt sprach am Montag von einer Vermisstenzahl „im niedrigen zweistelligen Bereich“. Ein Sprecher sagte, es könne durchaus „weitere betrübliche Nachrichten“ geben. Der Polizeipräfekt der Regionalhauptstadt Grosseto, Guiseppe Linardi, sagte am Montag, es sei zu früh, endgültige Zahlen von Toten und Vermissten zu nennen. Es gebe weiter die Chance, dass einige Gerettete in Sicherheit seien, aber nicht registriert wurden.
Bei dem Aufprall des 114.500 Tonnen großen und erst 2006 in Dienst gestellten Kreuzfahrtschiffes auf den Felsen war der Rumpf auf einer Länge von 70 Metern aufgerissen worden, Wasser brach ein, das Schiff kenterte. Gegen Montagmittag mussten die Bergungseinsätze wegen schlechten Wetters und hohen Seegangs kurz unterbrochen werden. Das Schiff hatte sich nach den Angaben um neun Zentimeter bewegt.
Unterdessen distanzierte sich die Reederei von ihrem Kapitän Francesco Schettino, der seit Samstag unter der Anklage der fahrlässigen Tötung in Haft ist. Der Vorstandsvorsitzende der Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere, Pier Luigi Foschi, nannte am Montag in Genua menschliches Versagen als Ursache des Unglücks. Bei der letzten Überprüfung des Schiffs im vergangenen Jahr habe es keine Beanstandungen gegeben, sagte Foschi. Die Reederei sprach von einer „falschen Entscheidung“ des Kapitäns mit „schwersten Folgen“, und versicherte die Angehörigen der Opfer ihrer Anteilnahme.
Am Sonntag war ein Schiffsoffizier gerettet worden, der 36 Stunden mit einem gebrochenen Arm ausgeharrt hatte. Er war von Passagieren als Held bezeichnet worden, weil er vielen von ihnen den Weg in die Sicherheit wies, bevor er selbst stürzte, als sich das Schiff mit einem Ruck in seine jetzige Position legte. In der Nacht zum Sonntag war ein koreanisches Pärchen gerettet worden, das an Bord seine Flitterwochen verbringen wollte. Schettino arbeitet seit 2002 für die Reederei, zunächst als Sicherheitsoffizier, seit 2006 als Kapitän. In der Mitteilung der Reederei hieß es: „Die Route des Schiffes führte offenbar zu nah an der Küste vorbei.
Der Kapitän wollte einem Kellner einen Gefallen tun
Das Verhalten des Kapitäns bei dem Unfall deckt sich nicht mit den von Costa vorgegebenen Bestimmungen.“ Der „Corriere della Sera“ berichtete am Montag, der Kapitän sei so nahe an der Insel vorbeigefahren, um einem auf dem Schiff arbeitenden Kellner einen Gefallen zu tun. Er habe den Oberkellner Antonello Tievoli auf die Kommandobrücke gerufen. „Antonello, schau mal, wir sind ganz nahe an deinem Giglio“, habe er zu dem Kellner gesagt. Tievoli habe ausgerufen: „Vorsicht, wir sind ziemlich nahe am Ufer.“ Unmittelbar darauf sei das Schiff auf den Felsen aufgelaufen. Nach dem Bericht hatte Tievoli einige Tage vor dem Unfall frei bekommen sollen, musste aber wegen Personalknappheit an Bord bleiben. Schettino habe ihm deshalb eine Freude machen und wenigstens nahe an Tievolis Heimatinsel vorbeifahren wollen.
Die Tageszeitung „Il Fatto quotidiano“ berichtete, nicht der Kapitän, sondern eine Passagierin habe nach dem Unfall den Notruf abgesetzt. Die Frau habe ihre Tochter angerufen und berichtet, sie sei in Seenot, trage eine Rettungsweste, das Schiff neige sich zur Seite. Die Tochter habe die Hafenkommandantur von Savona angerufen, die von nichts gewusst habe. Über die Carabinieri in Prato und Livorno sei der Notruf endlich an die zuständige Hafenkommandantur in Livorno gelangt, die mit der Suche nach dem Schiff begonnen habe. Der Kapitän hatte nach Angaben der Zeitung auf einen Funkspruch der Küstenwache geantwortet, an Bord sei alles in Ordnung, man habe nur eine technische Panne.
Die Reederei versicherte, man werde alles tun, um die Ursache des Unfalls zu ergründen. Näheren Aufschluss über die Route und die Navigation des Schiffes werde die Auswertung der am Wochenende geborgenen Blackbox bringen. Die Staatsanwaltschaft hatte am Sonntag mitgeteilt, das Schiff sei in nur 150 Metern Abstand an der Insel vorbeigefahren. Sie wirft Schettino fahrlässige Tötung, das Herbeiführen einer Havarie und vorzeitiges Verlassen des Schiffs vor.
Angst vor einer Umweltkatastrophe
Die Reederei wies am Montag den Vorwurf zurück, die Besatzung sei nicht ausreichend auf den Notfall vorbereitet gewesen. Die Crew habe alle vorgeschriebenen Tests und Übungen absolviert. Viele Passagiere hatten dagegen berichtet, sie hätten sich im wesentlichen selbst helfen und in einem Fall sogar ein Rettungsboot ohne Hilfe der Besatzung zu Wasser lassen müssen.
Unterdessen warnte der italienische Umweltminister Corrado Clini vor einer Umweltkatastrophe. Die „Costa Concordia“ habe mit Dieseltreibstoff gefüllte große Tanks, sagte er der Turiner Zeitung „La Stampa“ und sprach von einem „Albtraum“, sollte der Treibstoff ins Meer gelangen und die unter Naturschutz stehende Küste verschmutzen.
Der Bürgermeister von Giglio, Sergio Ortelli, sagte, noch trete kein Öl aus. Die niederländische Bergungsfirma Smit sei von Eigner und Versicherer des Kreuzfahrtschiffs mit dem Abpumpen der gefährlichen Stoffe beauftragt worden, sagte ein Sprecher des Smit-Mutterkonzerns Bosk. Zehn Smit-Mitarbeiter begannen am Montag mit der Beseitigung ausgelaufenen Treibstoffs. Mit dem Abpumpen will man beginnen, sobald die Suche nach den Vermissten abgeschlossen ist.
"Menschliches Versagen"
Doris Jung (DorisJung)
- 17.01.2012, 19:53 Uhr
Wink mal zur Insel rüber!
Helmut Smith (fmsus)
- 17.01.2012, 08:56 Uhr
Wir haben alles unter Kontrolle...
Jürgen Stak (kafka02)
- 17.01.2012, 08:14 Uhr
Verzicht ...
Joachim Frei (j.frei)
- 17.01.2012, 00:44 Uhr
Tolle Leistung. Bravissimo!
Roland Wagner (rdoubleyou)
- 17.01.2012, 00:00 Uhr