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Gehirnforschung : Merken und Vergessen - Wie das Gehirn Informationen sortiert

  • Aktualisiert am

Mit EEG schauen, was im Gehirn vorgeht Bild: dpa

Von dem, was täglich akustisch und visuell an Informationen auf uns einströmt, bleibt nur ein kleiner Bruchteil im Gedächtnis haften. Das sorgt dafür, dass Entbehrliches sogleich aussortiert wird.

          "Was gab's in den Nachrichten?“ Wem darauf außer dem Kriegsbericht am Anfang, den steigenden Benzinpreisen, einem Fußball-Ergebnis und den Wetteraussichten nichts einfällt, braucht sich über seine Gedächtnisfitness keine Sorgen zu machen. Tests haben gezeigt, dass so etwa durchaus normal ist. Von dem, was täglich akustisch und visuell an Informationen auf uns einströmt, bleibt nur ein kleiner Bruchteil im Gedächtnis haften.

          Das ist kein Versagen des Gehirns. Im Gegenteil! Es sorgt dafür, dass Entbehrliches sogleich aussortiert wird. Würde es wie ein Computer alle Informationen unterschiedslos aufzeichnen, wäre es schnell am Rande seiner Kapazität. Wo und wie aussortiert wird, dazu haben neue Forschungen über das so genannte deklarative Gedächtnis, das abrufbare Fakten und Erlebnisse speichert, wichtige Erkenntnisse gebracht. Das Magazin „Gehirn & Geist“ berichtet darüber in seiner neuesten Ausgabe.

          Sichtbar machen, wie das Gehirn speichert

          Experimente mit Hilfe der Elektroenzephalographie (EEG) und funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) haben sichtbar gemacht, welche Rolle beim Merken, Erinnern und Vergessen verschiedene Strukturen im mittleren Schläfenlappen spielen. Als Tor zum Gedächtnis zeigten sich der rhinale Cortex und der Hippocampus. Nur Informationen, die hier hindurchgelangen, können letztlich in den Neuronennetzen abgespeichert werden. Den Versuchen zufolge entscheidet sich bereits in den beiden ersten Sekunden nach Aufnahme einer Information, ob man sich später an sie erinnert oder nicht.

          Tests mit Worteinblendungen auf einem Bildschirm ergaben: Die Information erreicht über die primäre Sehrinde und den visuellen Cortex nach etwa 300 Millisekunden den rhinalen Cortex. Je mehr Nervenzellen hier in der ersten halben Sekunde an der Verarbeitung beteiligt sind, desto größer ist offenbar die Wahrscheinlichkeit, dass man sich später an den Begriff erinnert.

          Prozess der Informationsauswertung

          Der rhinale Cortex unterzieht ihn einer Bedeutungsanalyse, versucht ihn in ganze Sätze einzubinden oder Verknüpfungen mit schon gespeicherten Informationen herzustellen. Von Bedeutung für die Gedächtnisspeicherung ist, wie weit das gelingt. Als nächste Station wird nach weiteren 200 Millisekunden der Hippocampus erreicht. Das geschieht im Zuge vorübergehender synchroner Neuronen-Entladungen, so genannten Gamma-Oszillationen, in den beiden Strukturen. Dann wird der Gedächtnisinhalt vom Hippocampus abgespeichert.

          Wie die Experimente zeigen, haben Vorkenntnisse bei der Gedächtnisbildung eine wichtige Funktion. Je vielmaschiger das Netz von Informationen und Erlebnissen bereits geknüpft ist, desto leichter bleibt ein „Fisch“ im Strom des Erlebens im Gedächtnisnetz hängen. Auch Gefühle spielen eine wichtige Rolle. Jeder weiß, dass Erfahrungen mit emotionalem Inhalt besser im Gedächtnis haften als Dinge, zu denen man keine besondere Beziehung hat. Hier hat die ebenfalls im mittleren Schläfenlappen angesiedelte, für das Gefühlsleben zuständige Amygdala Bedeutung. Auch die enge anatomische Nachbarschaft dieser Hirnstruktur legt nahe, dass ihre Neuronen einem emotional besetzten Ereignis den Weg ins Gedächtnis ebnen.

          Der Bericht in „Gehirn & Geist“ verweist unter anderem auf Forschungen von James Brewer von der kalifornischen Stanford University und Anthony Wagner von der Harvard University. Ferner auf Experimente unter der Leitung von Guillen Fernandez, Mitautor des Berichts, in der Klinik für Epileptologie in Bonn.

          Taxifahrer sind räumlich besonders merkfähig

          Zum gleichen Thema verweist das Magazin auf eine Untersuchung Eleanor Maguires vom University College in London. Sie stellte bei Taxifahrern, einer räumlich besonders „merkfähigen“ Bevölkerungsgruppe, eine deutliche Vergrößerung des Hippocampus im Vergleich zu durchschnittlichen Autofahrern fest.

          Ferner fand sie beim Vergleich untereinander: Je mehr Berufserfahrung ein Taxifahrer hatte, um so deutlicher wurde der Effekt. Der Hippocampus wächst also im Laufe der Zeit und des Lernens. Ob das nur für die räumliche Aufnahmefähigkeit gilt oder auch für andere Leistungen des deklarativen Gedächtnisses, ist bislang unbekannt. Allerdings spricht einiges für die zweite Annahme.

          Ab dem 30. Lebensjahr lässt das Gehirn nach

          Unumgänglich scheint indessen zu sein, dass das Gedächtnis vom etwa 30. Lebensjahr an nachlässt. Die Zeitschrift „Psychologe heute“ (Weinheim) widmete sich kürzlich einer Studie der Professoren Mark McDaniel und Gilles Einstein von den amerikanischen Universitäten New Mexiko und Furman über angebotene Nahrungsergänzungsmittel in Pillenform, die dem entgegenwirken sollen. Danach rechtfertigt die Forschungslage „keine völlige Ablehnung“ dieser Mittel. Jedenfalls hält Professor Wolfgang Meins, Leiter der Memory-Clinic am Hamburger Albertinen-Haus, auf Grund dieser Studie die Vitamine E und C für die derzeit am besten abgesicherten Mittel, um einer Altersdemenz vorzubeugen. Vom 50. Lebensjahr an könne es sinnvoll sein, solche Präparate zu schlucken.

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