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Gedenkfeier in Winnenden Sie kam und schwieg und schrieb und schrieb

20.03.2009 ·  Vor der Trauerfeier für die Opfer an diesem Samstag herrscht „kollektiver Schockzustand“: Die Schulpsychologen von Winnenden versuchen, die Jugendlichen zum Reden zu bringen - und ihren Glauben ans Positive zu retten.

Von Rüdiger Soldt, Winnenden
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Auf der „Gedankenwand“ vor der Alten Kelter in Winnenden ist kaum noch Platz für neue Botschaften. „Gebt nicht Tim allein die Schuld, sondern denen, die ihn zu dieser Tat gebracht haben, denen er egal war“, hat ein Jugendlicher mit schwarzem Filzstift aufgeschrieben. Ein Satz, der auch ablehnende Kommentare provoziert. „Eltern schaut hin, was Eure Kinder in der Freizeit machen“, lautet eine andere Aufforderung.

Etwas mehr als eine Woche liegt der Amoklauf von Tim K. zurück, der Tod von neun Schülern, drei Lehrerinnen und drei weiteren Menschen, die der 17 Jahre alte Amokschütze auf der Flucht erschoss. „Seit Montag kommen die Schüler zu uns in den Andachts- oder den Begegnungsraum“, sagt Catalina Nullmeier von der Freien Gemeinde. „Ein Mädchen kam, schwieg und schrieb und schrieb und schrieb.“

Unter sich sein und Erfahrungen austauschen

Die Schulpflicht an der Albertville-Realschule ist noch aufgehoben, doch die meisten Schüler sind in dieser Woche trotzdem wieder zur Schule gegangen. Sie brauchen die Schulgemeinschaft. Am Freitag kamen fast alle Schüler wieder. Der freiwillige Unterricht findet natürlich nicht in der alten Schule statt. Doch nach dem Unterricht, gegen Mittag, kommen viele zum Gespräch in die Winnender Stadthalle, die in direkter Nachbarschaft der Albertville-Realschule liegt.

Dort wollen sie einfach nur unter sich sein und ihre Erfahrungen austauschen. Andere sind froh, dass dort Schulpsychologen wie Hermann Brezing sind. Mit ihnen können sie zumindest die Flut von Fragen, die der Amoklauf hinterlassen hat, ordnen. Es gibt stark traumatisierte Schüler und Eltern, die Schulpsychologen nur für eine weitere Therapie vorbereiten können. Es gibt aber auch viele Schüler, vor allem pubertierende Jungs, die erst einmal lernen müssen, über das Geschehen überhaupt zu sprechen. „Manche fragen mich, ob sie verrückt werden, nur weil sie Angst haben, einen Weg allein zu gehen. Andere fragen mich, wie sie sich in ihrem Leben überhaupt noch einmal freuen sollen“, sagt Brezing.

Die Erfahrung der Kollegen aus Erfurt hilft

Die Schulpsychologen in Winnenden haben ein „Nachsorgekonzept“ auf drei zu erwartende Phasen abgestimmt: Bis zur Beerdigung der Opfer befänden sich die Schüler in einem „kollektiven Schockzustand“, einer Phase, die von Lähmung und Verdrängung gekennzeichnet ist. Dann setze eine Phase der Gruppenbildung ein, die Schüler suchen den Schutz in der Gruppe und bilden eine Notgemeinschaft. Sie zerfällt vermutlich am ersten Jahrestag, vielleicht schon früher.

Den Schulpsychologen in Winnenden hilft die Erfahrung ihrer Kollegen aus Erfurt. Sie glauben, dass sie den traumatisierten Schülern schneller und besser helfen können. „Natürlich sprechen wir mit den Schülern immer wieder über das Warum und Wieso. Manche wollen aber ganz praktische Ratschläge haben“, sagt Wolfgang Schiele, leitender Regierungsschuldirektor, in der Hermann-Schwab-Halle in Winnenden. Ein Mädchen aus der neunten Klasse habe gesagt, sie wolle sich nicht konfirmieren lassen, weil Gott ein solches Massaker nie hätte zulassen dürfen. „Wir haben gesagt: ,Aber vielleicht hat Gott ja etwas noch Schlimmeres verhindert.'“

Das Motiv spielt kaum eine Rolle

Viele Schüler wollen über den Amoklauf sprechen - und auch über das, was sie viele Jahre verschwiegen haben. „Das befreiende Sprechen kommt bei uns im Schullalltag zu kurz. Sprechen, Zuwenden, Anerkennen, das sind Begriffe, die wir dringend brauchen“, sagt Schiele. Der Amoklauf stellt in der Region zwischen Schwaikheim, Leutenbach, Winnenden und Waiblingen vieles in Frage, was bislang als selbstverständlich galt. Das lässt sich auch daran sehen, dass beim Landratsamt in dieser Woche einige Bürger immerhin 20 Waffen abgegeben haben - niemand hatte sie dazu aufgefordert.

Das Leben des Täters spielt in den Gesprächen der Schulpsychologen kaum eine Rolle. Darüber sind sie froh, weil sie nicht zu einer postmortalen Glorifizierung von Tim K. beitragen wollen. Über das mutmaßliche Motiv können die Schüler wenig sagen. Was sollen sie auch über einen ehemaligen Mitschüler berichten, den sie „Mensch ohne Freunde“ nannten?

Kampf gegen manche Interpretation

„Anders als bei früheren Fällen war dieser Amokläufer sehr unauffällig. Die, die ihn gekannt haben, wissen von Verhaltensänderungen nichts. Deshalb ist er ihnen auch so unheimlich“, sagt Brezing. „In den Gesprächen ergibt sich kein Puzzle“, ergänzt Schiele. Wenn jemand vor vier Wochen berichtet hätte, ein ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule plane einen Amoklauf, dann hätte kaum jemand an Tim K. gedacht. Die Schulpsychologen kämpfen daher auch gegen manche Interpretationen. Es sei sehr viel erreicht, wenn verhindert werde, dass die Tat den Schülern ihr Weltbild zertrümmere. Sie sagen: „Lasst euch jetzt nicht den Glauben an das Positive rauben.“

Aus Sicht der Psychologen setzt in den nächsten Wochen und Monaten eine neue Phase ihrer Arbeit ein. Um die Angehörigen der Opfer soll sich ein Team von Traumapsychologen kümmern, bei den meisten Schülern geht es dann um „Stabilisierung und Distanzierung“. Im Gottesdienst in der St.-Karl-Borromäus-Kirche werden Schulpsychologen und Rettungssanitäter einige Fürbitten sprechen. Die Schüler werden sich umarmen und Kerzen halten. Die Psychologen haben von großen Wortbeiträgen abgeraten. Auch wenn sie sonst dazu raten, dem Gespräch über Gefühle den Vorrang zu geben, hoffen sie in dieser Stunde auf die Kraft des Symbolischen.

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Jahrgang 1966, politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

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