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Geburtshaus des Papstes Maßvoll in Marktl

15.04.2007 ·  Vor zwei Jahren erlebte Marktl am Inn einen Ansturm, nachdem aus Joseph Ratzinger Benedikt XVI. geworden war. Jetzt war der Ort besser gerüstet, als an diesem Sonntag das Geburtshaus des Papstes für Besucher geöffnet wurde.

Von Albert Schäffer, Marktl am Inn
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Es ist eine kleine Passionsgeschichte, die sich an diesem Sonntag in Marktl am Inn, dem Geburtsort des Papstes Benedikt XVI., zu Ende neigt. Eine mediale Passionsgeschichte, bei der die kleine Gemeinde fast an ihrer Seele Schaden genommen hätte. In den Monaten nach der Papstwahl am 19. April 2005 war Marktl in zahllosen Berichten als Zentralort eines geschmacklosen Devotionalienkults karikiert worden. Einfache merkantile Anstrengungen seiner Bewohner mit Kreationen wie „Papsttörtchen“, wahlweise mit Schoko- oder Cappuccinocreme gefüllt, wurden als Neuheidentum gegeißelt.

Jetzt wurde nun das Haus, in dem Benedikt als Joseph Ratzinger am 16. April 1927 geboren wurde, nach einer Neugestaltung für Besucher geöffnet - und der Spuk um „Mediamarktl“, das den Papst „vermarktelt“, dürfte dann endgültig verflogen sein. Denn zwei Jahre nach der Wahl eines gebürtigen Marktlers auf den Stuhl Petri präsentiert sich ein Ort, der nach dem medialen Ansturm wieder seine Mitte gefunden hat. Eine Mitte nicht nur im geographischen Sinn mit dem renovierten päpstlichen Geburtshaus, das im Jahr 1745 von einem kurfürstlichen Gerichtsschreiber errichtet worden ist und den Marktplatz dominiert; eine Mitte auch zwischen Touristenströmen und einer dörflichen Gemeinschaft, die sich zumindest in Fragmenten in der Moderne behaupten kann.

Ein zeitgenössisches Tourismuspaket schnüren

In Marktl hat vieles wieder ein Maß gefunden, das der ruhigen Landschaft entlang dieses Innabschnitts entspricht. Die Läden sind mit dem üblichen Sortiment an Souvenirs gerüstet, denen viele Besucher zutrauen, die Flüchtigkeit des Augenblicks zu bannen - Kerzen, Schlüsselanhänger, Gläser mit dem Bild des Papstes. Große geschmackliche Grenzverletzungen sind nicht zu beklagen. Die Papstwahl hat Marktl und seinen 2700 Einwohnern einen bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung beschert; fünfzehn neue Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor seien entstanden, resümiert Bürgermeister Hubert Gschwendtner.

Gschwendtner, von Beruf Lehrer, der die Aufgaben des Gemeindeoberhauptes ehrenamtlich versieht, musste in den vergangenen zwei Jahren ein zeitgenössisches Tourismuspaket - Besucherzentrum, zweisprachige Ortsbeschilderung, Internetauftritt - schnüren, für das andernorts ganze Arbeitsstäbe gegründet worden wären. Jeder seiner Schritte wurde verfolgt, ob er sich für mediale Satiren eignete. Im Mittelpunkt stand das päpstliche Geburtshaus, das alle Ingredienzien bot, nach denen der Boulevard giert - allein mit der „schönen Körpertherapeutin“, in deren Eigentum die Immobilie stand, ließen sich viele Seiten und Sendeminuten füllen.

Mittel von Diözesen und des bayerischen Staates

Die Phantasien wurden noch beflügelt durch Meldungen über arabische Investoren, die das Haus erwerben wollten. Solcher Phantasien hätte es gar nicht bedurft, weil die Wirklichkeit ohnehin märchenhaft ist. Die Eigentümerin, eine alleinerziehende Mutter zweier Kinder, hatte im Jahr 1999 das Haus, das sich in einem bedauernswerten Zustand befand, erworben und renoviert. Nach der Papstwahl und einem Bieterverfahren zeigte sich dann, dass ein römisches Konklave auch sehr handfeste ökonomische Auswirkungen haben kann, die zumindest auf einer Seite des Marktes in die Kategorie „Sechser mit Zusatzzahl“ fallen können.

Über den Preis, zu dem im vergangenen Jahr das Gebäude an eine eigens gegründete kirchliche Stiftung öffentlichen Rechts veräußert wurde, ist Stillschweigen vereinbart worden. Die Stiftung ist auf Initiative nicht unvermögender Verwandter des früheren Erzbischofs von Köln, Kardinal Joseph Frings, gegründet worden - aus der Familie Werhahn. Frings hatte 1962 den jungen Theologen Ratzinger als Berater zum Zweiten Vatikanischen Konzil mitgenommen. Dass zur Finanzierung des Kaufpreises zusätzliche Mittel der bayerischen Diözesen und eine Zustiftung des bayerischen Staates in Höhe von einer Million Euro nötig waren, belegt jedenfalls den Marktwert, den die Immobilie nach der Papstwahl erreichte.

1999 wurde das Haus zum Verkauf angeboten

Historisch mag diese wundersame Geldvermehrung durch den Benedikt-Faktor - für Selig-, gar Heiligsprechungen freilich ganz ungeeignet - nicht gerecht sein, auch wenn es sich dabei um eine vieldeutige Kategorie handelt. Denn vor Ratzinger war in dem Haus am 31. März 1779 Johann Georg Lankensperger geboren worden, später Königlicher Wagnermeister und Erfinder der Achsschenkellenkung für Kutschen - das Prinzip wird noch heute im Automobilbau angewandt. Lankensperger revolutionierte den bis dahin üblichen Lenkmechanismus, bei dem die gesamte Vorderachse geschwenkt wurde, mit der Gefahr, dass das Gefährt bei zu schnellen und engen Kurvenfahrten umfiel.

Er ersann eine Konstruktion, bei der nur mehr kurze Achsstummel mit den daran befestigten Rädern eingeschlagen wurden - und zwar das innere stärker als das äußere. Allein diese Zäsur in der Geschichte der menschlichen Fortbewegung hätte schon 1999, als das Haus zum Verkauf stand, Investoren aufhorchen lassen können. Doch die Chance, einen deutschen Genius der Technik in seinem Geburtshaus zu feiern, etwa in einer gemeinschaftlichen Anstrengung deutscher Automobilhersteller, wurde nicht ergriffen.

„Keine Erinnerung mehr an meinen Geburtsort“

Es blieb bei einer bescheidenen Erinnerung an Lankensperger im Marktler Heimatmuseum - mit der allerdings nicht unbequemen Folge, dass nach der Papstwahl ein technologisch-theologischer Zielkonflikt vermieden werden konnte und nicht die Aufgabe zu meistern war, eine päpstliche Erinnerungsstätte in ein Technikmuseum integrieren zu müssen. Statt dessen kann von Sonntag an am Marktler Marktplatz die ganze Fülle einer päpstlichen Vita studiert werden, im Erdgeschoss die Lebensstationen Benedikts von Marktl bis nach Rom, im Obergeschoss sein theologisches Wirken.

Es ist ein Erinnerungsort ohne Nachbildungen und Imitationen. Statt Möbeln oder gar einer Wiege sollen Bilder und Worte des Papstes wirken. „Ich selbst habe an meinen Geburtsort Marktl keine Erinnerung mehr“, bekannte der Papst einmal, schließlich habe die Familie die Gemeinde verlassen, als er zwei Jahre alt gewesen sei. Doch diese päpstliche Amnesie sollte die Marktler und ihre Besucher nicht verstören. Zumindest bei Kirchenoberhäuptern muss die persönliche und die öffentliche Erinnerungskultur nicht immer übereinstimmen.

Quelle: F.A.Z., 14.04.2007, Nr. 87 / Seite 9
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Jahrgang 1957, politischer Korrespondent in München.

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