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Gastronomie Fühlt sich an wie Gurke: Wo der Gast beim Essen schwarz sieht

22.12.2005 ·  Wie schmeckt Birne? Süß auf jeden Fall. Süß-säuerlich vielleicht? Das süße Stück Frucht im Mund hat einen Zug ins Säuerliche. Ja, könnte Birne sein. Das Auge kann nichts zur Antwort beitragen: Im „Taste of Darkness“ sehen Gäste nämlich nichts.

Von Hans Riebsamen
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Wie schmeckt Birne? Süß auf jeden Fall. Süß-säuerlich vielleicht? Das süße Stück Frucht im Mund hat einen leichten Zug ins Säuerliche. Ob es Birne ist? Ja, könnte Birne sein, sagt eine Stimme von rechts. Wer ist das jetzt noch mal? Hat sich doch am Anfang vorgestellt. Klaus? Nein, Klaus ist die Stimme links. Rechts sitzt Torben, der Freund von Katrin, der Tischnachbarin rechter Hand. Und links, die Freundin oder Frau von Klaus, das ist Hanna.

Zwei Dutzend Menschen standen anderthalb Stunden zuvor am Eingang des „Taste of Darkness“, unter ihnen Hanna und Klaus, Katrin und Torben. Und Reinhild. Das ist die Stimme am anderen Ende des Tisches. Verlegen wartete die Gesellschaft auf Einlaß ins Reich der Finsternis, beäugte sich in dem Wissen, daß man bald mit dreien oder vieren aus dieser Zufallsgruppe an einem Tisch sitzen wird. „Sehen mit fühlendem Auge und fühlen mit sehendem Auge.“

„Folgen Sie meiner Stimme“, sagt Sandra

Ob Goethe sich vorstellen konnte, daß seine Maxime einmal den Eingang eines Dunkelrestaurants schmücken würde? „Mehr Licht!“ sollen ja seine letzten Worte gewesen sein, aber die passen nun wirklich nicht für diese neue Lokalität im Haus Hanauer Landstraße 137-145. Denn Licht wird im Dialog-Museum, dessen einer Teil das Restaurant im Dunkeln „Taste of Darkness“ ist, mit allen Mitteln der Verdunkelung ausgeschlossen. Deshalb hat Klara Kletzka, die Gründerin des Museums, die Gäste auch gebeten, das Handy auszuschalten und im Restaurant auf keinen Fall zu rauchen. Denn Mobiltelefone leuchten, und brennende Zigaretten auch. Und dann hat sie die Wartenden paarweise den blinden Kellnern übergeben - die nach dem Verlassen der Hellwelt die einzigen Sehenden sind.

„Folgen Sie meiner Stimme“, hat Sandra gesagt, Sandra, von der niemand weiß, wie sie aussieht und wie alt sie ist. Sandra ist nur Stimme. Nein, sie ist auch die Hand, die Speisen serviert, eine neue Flasche Wasser bringt, das verbrauchte Geschirr wieder abräumt. Sandra hat uns an diesen Tisch geleitet, uns plaziert und uns die Vorspeise gereicht. Jetzt fragen sich alle, was das für Gerichte sind, die sie auftischt. Am einfachsten zu bestimmen sind die Stücke, die neben der Schale - oder ist es eine Tasse? - auf dem großen Teller liegen. Knack, das kann nur Karotte roh sein. Und dieses fühlt sich an wie Gurke, schmeckt wie Gurke, ist Gurke. Die unsichtbaren Tischgenossen sind sich einig.

Können der 5.000 Geschmacksknospen gefragt

Prima, da haben wir ja gleich unser erstes Gesprächsthema gefunden: der Geschmackssinn. Fünf Geschmacksrichtungen kann die menschliche Zunge laut Lehrbuch unterscheiden: süß und sauer, salzig und bitter, dazu . . . Ja, was ist die fünfte Variante, welche die etwa 5000 Geschmacksknospen identifizieren können? Scharf? Pikant? Was ist der Unterschied zwischen den beiden? Rinder besitzen auf ihrer Zunge 35.000 Geschmacksknospen, sie müssen präzise giftige Pflanzenstoffe erkennen können. Aber will man deswegen ein Rind sein?

Hier im Dunkelrestaurant manchmal schon. Denn es fällt einem ungeheuer schwer herauszufinden, was Kellnerin Sandra einem vorsetzt. Die Suppe zum Beispiel. Es ist keine Kartoffelsuppe, aber so etwas ähnliches. Kürbis, meint Torben. Ja, Kürbis, pflichten die anderen zögernd bei. Hundertprozentig sicher ist sich keiner. Das Auge ißt mit, lautet eine Volksweisheit. Wenn man im Dunkeln vor einem Teller sitzt, mit der Gabel auf den Speisen vor einem herumstochert und auch mal die Finger kurz zu Hilfe nimmt, wollen die Brocken partout nicht auf dem Besteck bleiben, dann merkt man, daß der altbekannte Spruch nicht stimmt. Das Auge ißt nicht einfach nur mit, das Auge ist der Hauptesser. Wenn man sich das Fleisch oder das Gemüse im Dunkeln in den Mund schiebt, geht scheinbar die Hälfte des Genusses verloren. Mindestens die Hälfte. Bis man sich auf seine anderen Sinne verläßt. Den Bissen auf der Zunge rollen läßt, hin und her, damit alle Geschmacksfelder die Speise einer Prüfung unterziehen. Und mit Haut und Zähnen die Konsistenz geprüft hat: hart, weich, knackig, matschig. Aha. Couscous mit Kichererbsen, dazu Fleischstückchen: Rind? Lamm? Beides? Am Ende stellt sich heraus, daß das vermeintliche Rind ein Huhn war.

Im „Taste of Darkness“ wird der Gast im unklaren darüber gehalten, welches Menü ihn erwartet. Er weiß nur, daß ihm nach dem Amuse-Gueule drei Gänge serviert werden, zubereitet von Franz Zlunka, dem Koch im Literaturcafe des früheren Literaturhauses an der Bockenheimer Landstraße. Als vor sechs Jahren das weltweit erste Dunkelrestaurant in Basel seine Gäste in die Finsternis bat, ließen die Betreiber die Speisenden nicht im ungewissen. Später, in der 2000 in Köln gegründeten „Unsicht-Bar“, konnte man nur aus „Geschmacksfeldern“ wie vegetarisch, Fisch, Käse, Lamm, Geflügel wählen.

Aufklärung nach dem Essen

Was genau er indes gegessen hatte, erfuhr der Gast erst nach der Mahlzeit, was die Spannung und den Spaß steigerte. Mittlerweile gibt es in mehreren deutschen Städten Dunkelrestaurants, das jüngste jetzt in Frankfurt. Hier arbeiten ausschließlich Blinde; Kellner mit Nachtsichtgeräten einzusetzen, wie dies in Amerika zum Teil gemacht wird, lehnt Kletzka ab. Es käme ihr wie ein Verrat an der Idee vor, sagt sie, die mit dem Dialog-Museum jetzt professionell betreibt, was sie vor zehn Jahren als Experiment im Bürgerhaus „Titania“ erstmals gewagt hatte: sehende Menschen durch völlig abgedunkelte Räume zu schicken, um ihnen eine Ahnung davon zu geben, was blind sein bedeutet. Aber auch, um bei ihnen die von Augenmenschen vernachlässigten anderen Sinne zu reizen.

Und in der Tat lehrt der Besuch im Dunkelrestaurant das eine, daß nämlich der Mensch gut daran täte, sich etwas weniger auf seine Augen und etwas mehr zum Beispiel auf sein Gehör zu verlassen. Es käme dann wahrscheinlich weniger oft zur falschen Partnerwahl. Katrin und Hanna zum Beispiel, die beiden Frauen am Tisch, wirkten nicht durch ihre Haare, ihren Teint, ihre Figur, sondern konnten an diesem Abend einzig und allein durch den Klang ihrer Stimme, den Charme ihres Lachens und der Intelligenz ihrer Sätze wirken. Und wir hätten schwören mögen, daß - obwohl beide liebenswürdig waren und auch gar keinen Unsinn redeten - die eine uns nach ein paar Tagen fürchterlich auf die Nerven gegangen wäre, die andere dagegen unsere Sympathie behalten hätte.

Dialog im Dunkeln. „Birne?“ „Könnte sein.“ „Melone?“ „Mit Sicherheit.“ „Und die dritte Frucht?“ „Die kenn' ich doch, das ist . . .“ Ja, was war es? Nachdem Kellnerin Sandra den Gast aus dem Dunkelrestaurant wieder ins helle Licht des Dialog-Cafes geführt hat, sieht er beim Hinausgehen ein Demonstrationsmenü. Die dritte Frucht war Mango. „Nicht erkannt?“ wundert sich Franz Zlunka. „Das gibt's doch nicht.“

„Taste of Darkness“: Das Restaurant im Dunkeln ist Teil des Dialog-Museums, Hanauer Landstraße 137-145 im Frankfurter Ostend. Mittwochs und freitags werden wechselnde Überraschungsdinner angeboten. Beginn 19 Uhr, Dauer etwa drei Stunden. Platzreservierung ist erforderlich. Telefon: 07 00 44 55 60 00

Quelle: F.A.Z., 22.12.2005, Nr. 298 / Seite 43
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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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