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Galerie der Helden Teil 8 Winnetou

 ·  Was wären Kindheit und Jugend ohne Idole? Die Poster aus dem Kinderzimmer mögen verschwunden sein, doch ihre Spuren bleiben. Wir präsentieren eine kleine Galerie der Helden. Heute Held Nummer 8: Winnetou.

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© Ole Könnecke

Geboren: 1840

Populär seit: 1893

Bei: Kindern und Erwachsenen (6–96 Jahre)

Besonderes Kennzeichen: »Herrliches blauschimmerndes Haar« (Karl May)

Typisches Zitat: »Mein Bruder!«

Stellen wir uns einmal vor, die Verfasserin der erfolgreichsten Jugendbuchreihe der jüngeren Zeit hätte behauptet, ihrem Helden, dem jungen Zauberlehrling persönlich begegnet zu sein, oder gar, dass eine der Figuren in ihren Büchern, zum Beispiel Hermine, niemand anderes als sie selbst sei: Man hätte Joanne K. Rowling gewiss einen weißen Kittel angeboten. Dem Autor der populärsten deutschen Jugendbücher um 1900 aber knöpften es seine Leser lange Zeit ab, dass er selbst hinter seinen Figuren wie Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi stecke und also seine eigenen Erlebnisse schildere. Dabei war Karl May, 1842 geboren und damit zwei Jahre jünger als seine berühmteste Schöpfung Winnetou, bis dato kaum einmal aus seiner sächsischen Heimat herausgekommen und hatte seine Reise- und Abenteuerbücher mit Hilfe von Bibliotheken und seiner blühenden Phantasie verfasst.

Am Ende seiner Laufbahn, als er schon der meistgelesene Schriftsteller im Lande war, sah er sich dann in Prozesse verwickelt, in denen seine Gegner ihn als Betrüger brandmarkten und dabei auch ans Licht brachten, dass der junge May als Kleinkrimineller insgesamt sieben Jahre im Zuchthaus gesessen hatte. Die deutsche Jugend aber hielt May die Treue, folgte ihm massenhaft in seine Märchenlandschaften und verliebte sich in den edlen Häuptling Winnetou, der erstmals in einer Erzählung von 1875 aufgetaucht war und später mit einer Romantrilogie gewürdigt wurde. Am verliebtesten in seinen Indianer aber zeigte sich der Dichter selbst – in die Züge seines »ernsten, männlich schönen Angesichts «, in Winnetous »Reinheit der Seele, Aufrichtigkeit des Herzens,
Unwandelbarkeit des Charakters und stete Wahrheit des Gefühls «, aber auch in die »halbvollen, ich möchte sagen küßlichen Lippen«, die er in »Winnetou I« besingt.

In den innigst geschilderten Männerfreundschaften entdeckte Arno Schmidt homoerotische Wunschbilder und Jahre später »Bully« Herbig  die Inspiration für den warmen Blutsbruder Winnetouch in »Der Schuh des Manitu«. Herbigs Persiflage konnte nur deshalb ein so enormer Erfolg werden, weil die Deutschen ihren May noch im Herzen und im Hirn hatten – die Bücher, vor allem aber die Kinofilme aus den Sechzigern, die der findige Horst Wendlandt im Akkord produziert hatte. Wieder hatte sich damals so ziemlich jedes deutsche Mädchen (und gewiss auch mancher Junge) in den treuen Winnetou verliebt, der mit den grünblauen Augen von Pierre Brice so verklärt in die Ferne gucken konnte. Es störte niemanden, dass der Apachenhäuptling in elf Karl-May-Filmen ein Franzose war, sein deutscher Kumpel Old Shatterhand ein Amerikaner (Lex Barker) und die Prärie die rauhe Landschaft des heutigen Kroatiens.

Die Reihe wurde zum Renner, die Filmmusik Martin Böttchers zum Evergreen und Pierre Brice zum Idol, der es auf unerreichte drei Bravo-Starschnitte brachte und auf zwölf »Otto«-Statuen desselben Blattes (die Einzige, die ebenfalls zwölf bekam, war seltsamerweise Inge Meysel). Die Winnetou-Welle im Kino verebbte Ende der Sechziger, als die rebellische Jugend mit den naiven Heldenstorys nichts mehr anfangen konnte. Sie könnte bald aber wieder anheben: Die Constantin-Film hat für 2012 den Dreh eines neuen Winnetou-Films in Amerika angekündigt – womit der deutscheste aller Indianer endlich im Land seiner Ahnen ankommt. Hoffen wir für ihn, dass er dort keinen Kulturschock erleidet.

Noch mehr Helden

In dem Buch „Unsere Helden: Von Flipper bis Lady Gaga“ porträtieren Jörg Thomann (Texte) und Ole Könnecke (Illustrationen) rund 50 Kinder- und Jugendidole aus Pop, Film, Fernsehen,
Comic oder Sport. Sanssouci-Verlag, 128 Seiten, 9,90 Euro.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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