16.02.2012 · Was wären Kindheit und Jugend ohne Idole? Die Poster aus dem Kinderzimmer mögen verschwunden sein, doch ihre Spuren bleiben. Wir präsentieren eine kleine Galerie der Helden. Heute Held Nummer 4: Colt Seavers.
Von Jörg ThomannGeboren: 23. April 1939 (Lee Majors).
Populär seit: März 1983.
Bei: Jungs (10-18 Jahre).
Besonderes Kennzeichen: Zigarre im Mundwinkel.
Typisches Zitat: „Was haben Sie vor?“ - „Das weiß ich selbst noch nicht!“
Für viele Helden der Populärkultur ist die Verbrecherjagd nur willkommene Abwechslung von ihrem Hauptberuf, der sie wenig ausfüllt. Auch Colt Seavers, Held der Fernsehserie „Ein Colt für alle Fälle“, übte eine Tätigkeit aus, die allein ihm wohl zu öde schien: Er war Stuntman in Hollywood. Zum „Fall Guy“ oder auch Prügelknaben, wie sich der Originaltitel übersetzen lässt, wurde Seavers durch seinen Zweitjob: Für die Justiz spürte er Leute auf, die eines Verbrechens angeklagt, aber auf Kaution freigelassen worden waren und sich prompt abgesetzt hatten. Auf die Idee kamen dermaßen viele, dass es für 112 Episoden reichte, durch die Colt sich prügelte - wobei stets genug Zeit blieb, um Sprüche zu klopfen oder seinen Pick-Up zu Schrott zu fahren.
Einen „der sympathischsten Draufgänger Amerikas“ nannte sich Seavers, und ohne diese Mischung aus Größenwahn und Selbstironie hätte das Ganze nie funktioniert. Dem knautschgesichtigen Lee Majors als Colt zur Seite stand sein Cousin Howie, von ihm nur „Kleiner“ genannt, obwohl er ein recht großer Tolpatsch war. Und dann war da noch die Frau, die weniger dramaturgisch als vielmehr ästhetisch eine Rolle spielte: Colts Freundin Jody Banks, die ständig Gelegenheit erhielt, knapp bekleidet herumzulaufen. Stunts hin, Autorennen her - den größten Adrenalinstoß dürfte den jungen Zuschauern jener Moment beschert haben, in dem Jody im hellblauen Mini-Bikini durch eine Schwingtür tritt. Eine Szene, die aufgrund ihrer Beliebtheit in jedem Vorspann auftauchen durfte. „Mir war natürlich klar, welche Funktion ich in der Serie hatte“, sagte Jodys Darstellerin Heather Thomas, die zum populärsten Postergirl der Prä-Pamela-Anderson-Ära avancierte; zum Entsetzen aller deutschen Jungs sollte sie später eine Affäre ausgerechnet mit dem Schlagersonderling Christian Anders beginnen.
1998 beendete Thomas, die zeitweise Kokain und Heroin nahm, ihre Schauspielkarriere. Inzwischen betätigt sie sich als Aktivistin, die liberale Politiker fördert. Kollege Douglas Barr (Howie) ist heute Winzer. Lee Majors, mit bürgerlichem Namen Harvey Lee Yeary, ist noch immer Schauspieler; in einem Werbespot durfte er kürzlich noch mal dem alten Colt seine Reverenz erweisen, nur dass er sein Fahrzeug nicht wie früher über die Hindernisse hüpfen ließ, sondern einfach drum herum lenkte. Majors sang seinerzeit auch den Titelsong der Serie, der es auf Platz 11 der deutschen Charts schaffte - was Majors nicht weniger irritierte als der Erfolg von David Hasselhoff. „Ich glaube“, so sein Urteil über die Deutschen, „die haben da drüben einfach nicht viel Ahnung von Musik.“
In dem Buch „Unsere Helden: Von Flipper bis Lady Gaga“ porträtieren Jörg Thomann (Texte) und Ole Könnecke (Illustrationen) rund 50 Kinder- und Jugendidole aus Pop, Film, Fernsehen,
Comic oder Sport. Sanssouci-Verlag, 128 Seiten, 9,90 Euro.
pffff
Kadda Rönicke (dieKadda)
- 16.02.2012, 21:40 Uhr
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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