14.02.2012 · Was wären Kindheit und Jugend ohne Idole? Die Poster aus dem Kinderzimmer mögen verschwunden sein, doch ihre Spuren bleiben. Wir präsentieren eine kleine Galerie der Helden. Heute Heldin Nummer 2: Die Biene Maja.
Von Jörg ThomannGeboren: 1912
Populär seit: 1912
Bei: Kindern (4–10 Jahre)
Besonderes Kennzeichen: Honiggelbe Locken
Typisches Zitat: »Jetzt komm schon, Willi!«
Die Biene Maja kennt ja jeder, nahezu vergessen aber ist der Käfer Hans Christoph. Dabei hat er in Waldemar Bonsels’ Die Biene Maja und ihre Abenteuer einen prägnanten, wenn auch sehr kurzen Auftritt: »Er ist ein lieber kleiner Kerl«, lobt ihn dort die Libellendame Schnuck – bevor sie ihm den Kopf abbeißt. Besonders schnuckelig also ging es nicht zu in Bonsels’ 1912 erschienenem Kinderroman, und als das ZDF und der ORF gut sechzig Jahre darauf beschlossen, aus dem Bienenbuch eine Zeichentrickserie zu machen, taten sie gut daran, die Enthauptung des Hans Christoph nicht im Bild zu zeigen: »Die Biene Maja« wäre sonst ein Splatterfilm geworden.
Mehr als zwei Millionen Mal hatte sich die deutsche Ausgabe des Buchs verkauft, in rund vierzig Sprachen war es übersetzt worden; es war der größte Erfolg für den seinerzeit ohnehin vielgelesenen Bonsels, der sich in späteren Jahren bei den Nazis anbiedern und als Antisemit entpuppen sollte. Von derlei Tendenzen ist die »Biene Maja«, Gnade ihrer frühen Geburt, noch frei, obgleich heutige Kritiker in der finalen Schlacht der ehrbaren Bienen gegen die finsteren Hornissen eine Feier des Völkischen sehen wollen. Wie zum Ausgleich war die Fernsehproduktion ein wahres Multikulti-Projekt: Die Redakteure saßen in Deutschland, ein amerikanisches Team um den Cartoonisten Marty Murphy entwarf die Figuren, hergestellt wurde die Serie wie zuvor schon »Wickie und die starken Männer« (Y Wickie) und »Heidi« in Japan, und das Titellied (»In einem unbekannten Land … «) trällerte mit Karel Gott ein Tscheche.
Am 9. September 1976 lief bei uns die erste von 104 Folgen der Serie »Die Biene Maja«, die mit Bonsels’ Vorlage wenig gemein hat, abgesehen von ihrer neugierigen, naseweisen, freiheitsliebenden Titelheldin – und der Tatsache, dass die Frauen den Ton angeben, von der Bienenkönigin über die Lehrerin Kassandra bis zur dämonischen Spinnenschurkin Thekla. Die kleine, freche, schlaue Maja selbst schließlich, die sich nichts vorschreiben lässt und stets sagt, was sie denkt, ist ein Musterbeispiel weiblicher Emanzipation. Und als wäre das noch nicht deutlich genug, haben ihr die Fernsehmacher einen Gefährten zur Seite gestellt, der in jeder Hinsicht die Kontrastfigur zu ihr bildet: die Drohne Willi, die nichts im hohlen Kopf hat als Futtern und Faulenzen.
Die flotte, fleißige, furchtlose Biene und ihr dämlicher, träger, ängstlicher Kumpel, der nie mithalten kann und von ihr ständig herumkommandiert wird: Dieses Motiv aus dem Fernseh-Insektenreich der Siebziger ist ein beklemmend prophetisches Abbild der menschlichen Gesellschaft von heute, in der die Jungen als neues schwaches Geschlecht auf keinen grünen Zweig kommen, geschweige denn an einen Blütenkelch. Es dürfte ein schwacher Trost für sie sein, dass es ihnen damit immer noch besser ergeht als Willis Artgenossen in der Wirklichkeit: Dort werden die Drohnen, die nicht schon bei der Paarung mit der Königin sterben, im Sommer aus dem Staat verstoßen und müssen verhungern.
In dem Buch „Unsere Helden: Von Flipper bis Lady Gaga“ porträtieren Jörg Thomann (Texte) und Ole Könnecke (Illustrationen) rund 50 Kinder- und Jugendidole aus Pop, Film, Fernsehen,
Comic oder Sport. Sanssouci-Verlag, 128 Seiten, 9,90 Euro.
na na na......
Steven-Alexander Karnapke (poccellino1266)
- 14.02.2012, 14:37 Uhr
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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