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Fünfte Jahreszeit : "Alles Mafia" im Karneval

  • -Aktualisiert am

Freche Alternative zum etablierten Karneval Bild: dpa

Wer bei den Kölner Karnevalskünstlern nachfragt, wie der straff und effizient reglementierte Sitzungskarneval eigentlich funktioniert, bekommt die Antwort nur hinter vorgehaltener Hand.

          Drei Wochen vor Karneval wechselt Jürgen Bind das Sortiment. Dann tauscht er Wildlachs und Gänseleber gegen Weingummis und Knabberriegel. Und ist nicht länger bloß Delikatessenhändler. Sondern einer der Hoflieferanten des Kölschen Karnevals. Denn Jürgen Bind versorgt den Rosenmontagszug mit Wurfmaterial. Seit mehr als 15 Jahren schon und am Ort nahezu konkurrenzlos - eine Familientradition. Sein Vater besaß eine Bonbonfabrik. Doch irgendwann war die Nachkriegszeit vorüber, und die klebrigen Plombenzieher, nach denen niemand sich mehr bücken mochte, kamen völlig aus der Mode.

          Seitdem werden Schokotäfelchen und Pralinen gleich schachtelweise in die Fenster der Beletage geschmissen. Oder Gummibärchen unters Fußvolk: 140 Tonnen Süßwaren insgesamt. "Kamelle" und "Strüssjer" klänge zumindest romantischer. Aber für Sentimentalitäten ist in der "fünften Jahreszeit", wie man im Rheinland sagt, längst kein Platz mehr. Wenn das sogenannte Brauchtum gepflegt werden will, muß es dafür auch bare Münze abwerfen.

          600000 Hektoliter Bier

          Auf vier Milliarden Euro hat der Bund Deutscher Karneval den jährlichen Gesamtumsatz durch Fasching, Fastnacht oder Fastelovend in Deutschland hochgerechnet. Zwei Millionen bekennende Narren gibt es im Land und 26000 Umzüge, Bälle und Sitzungen in der Session. Dafür werden einige tausend Uniformen geschneidert, zwei Millionen Orden gestanzt und allein in Köln 600000 Hektoliter Bier gezapft - mehr als auf dem Oktoberfest in München und erst recht beim Karneval in Düsseldorf. Den mindestens gilt es zu übertrumpfen, wenn das heilige Köln einmal im Jahr seine gutbürgerliche Fassung verliert.

          Das "Veedel", wie der Kölner den aus eigener Anschauung vertrauten Teil seiner Welt nennt, steht für Heimat, Geborgenheit und jenes Nachbarschaftsgefühl, das ein Glück auf Gegenseitigkeit verheißt: "Mer kenne uns, un mer helfe uns", pflegte Konrad Adenauer zu sagen, als er noch Kölns Oberbürgermeister war. Fritz Schramma, sein amtierender Nachfolger, wiederholt es auf Zuruf gern. Dessen Vorgänger Norbert Burger sah das ganz ähnlich: "Alle wichtigen Entscheidungen wurden immer auf viele Füße gestellt. Wer in Köln nichts zu sagen hat, ist selber schuld. Er hat sich am Klüngel nicht beteiligt."

          Vorrecht des Zugleiters

          Am gründlichsten hat das Phänomen der Kölner Soziologe Erwin K. Scheuch untersucht. Und schon vor zehn Jahren festgestellt: "Der Kölsche Klüngel ist sich treu geblieben. Höchstens kann gesagt werden, daß der innere Kreis in Köln geschlossener denn je seine Privilegien verteidigt." Ämterpatronage und Nepotismus sind sanfte Umschreibungen dafür.

          Nichts wäre der Kölsche Klüngel allerdings ohne die Anziehungskräfte des Karnevals. Sie lösen die Zunge und erleichtern das Fraternisieren. Was tat Franz Xaver Ohnesorg, nachdem er 1983 als Chef der neuen Kölner Philharmonie an den Rhein gewechselt war? Er trat einer Karnevalsgesellschaft bei. Die zeigte sich mit dem Motto des nächsten Rosenmontagszugs ("viel Harmonie") erkenntlich. Das Vorrecht des Zugleiters ist es freilich, noch vor Aschermittwoch das nächste Motto kundzutun. Klüngel?

          Solidargemeinschaft

          Auch Jürgen Bind zögert nicht einen Augenblick, das Wörtchen in den Mund zu nehmen, um auf einen plausiblen Begriff zu bringen, was in Köln noch allemal zum Erfolg verhilft. Inzwischen liefert er seine Schokoladen und Weingummis auch nach Sinzig, Hagen, Mainz - und "bis nach Cottbus hoch". Doch angefangen hat alles mit der aktiven Mitgliedschaft bei den "Altstädtern". Ein Lastwagen wird in diesem Jahr nicht ausreichen, deren Bestellung morgen früh an den Rosenmontagszug zu schaffen.

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