23.02.2004 · Wer bei den Kölner Karnevalskünstlern nachfragt, wie der straff und effizient reglementierte Sitzungskarneval eigentlich funktioniert, bekommt die Antwort nur hinter vorgehaltener Hand.
Von Franz Josef GörtzDrei Wochen vor Karneval wechselt Jürgen Bind das Sortiment. Dann tauscht er Wildlachs und Gänseleber gegen Weingummis und Knabberriegel. Und ist nicht länger bloß Delikatessenhändler. Sondern einer der Hoflieferanten des Kölschen Karnevals. Denn Jürgen Bind versorgt den Rosenmontagszug mit Wurfmaterial. Seit mehr als 15 Jahren schon und am Ort nahezu konkurrenzlos - eine Familientradition. Sein Vater besaß eine Bonbonfabrik. Doch irgendwann war die Nachkriegszeit vorüber, und die klebrigen Plombenzieher, nach denen niemand sich mehr bücken mochte, kamen völlig aus der Mode.
Seitdem werden Schokotäfelchen und Pralinen gleich schachtelweise in die Fenster der Beletage geschmissen. Oder Gummibärchen unters Fußvolk: 140 Tonnen Süßwaren insgesamt. "Kamelle" und "Strüssjer" klänge zumindest romantischer. Aber für Sentimentalitäten ist in der "fünften Jahreszeit", wie man im Rheinland sagt, längst kein Platz mehr. Wenn das sogenannte Brauchtum gepflegt werden will, muß es dafür auch bare Münze abwerfen.
600000 Hektoliter Bier
Auf vier Milliarden Euro hat der Bund Deutscher Karneval den jährlichen Gesamtumsatz durch Fasching, Fastnacht oder Fastelovend in Deutschland hochgerechnet. Zwei Millionen bekennende Narren gibt es im Land und 26000 Umzüge, Bälle und Sitzungen in der Session. Dafür werden einige tausend Uniformen geschneidert, zwei Millionen Orden gestanzt und allein in Köln 600000 Hektoliter Bier gezapft - mehr als auf dem Oktoberfest in München und erst recht beim Karneval in Düsseldorf. Den mindestens gilt es zu übertrumpfen, wenn das heilige Köln einmal im Jahr seine gutbürgerliche Fassung verliert.
Das "Veedel", wie der Kölner den aus eigener Anschauung vertrauten Teil seiner Welt nennt, steht für Heimat, Geborgenheit und jenes Nachbarschaftsgefühl, das ein Glück auf Gegenseitigkeit verheißt: "Mer kenne uns, un mer helfe uns", pflegte Konrad Adenauer zu sagen, als er noch Kölns Oberbürgermeister war. Fritz Schramma, sein amtierender Nachfolger, wiederholt es auf Zuruf gern. Dessen Vorgänger Norbert Burger sah das ganz ähnlich: "Alle wichtigen Entscheidungen wurden immer auf viele Füße gestellt. Wer in Köln nichts zu sagen hat, ist selber schuld. Er hat sich am Klüngel nicht beteiligt."
Vorrecht des Zugleiters
Am gründlichsten hat das Phänomen der Kölner Soziologe Erwin K. Scheuch untersucht. Und schon vor zehn Jahren festgestellt: "Der Kölsche Klüngel ist sich treu geblieben. Höchstens kann gesagt werden, daß der innere Kreis in Köln geschlossener denn je seine Privilegien verteidigt." Ämterpatronage und Nepotismus sind sanfte Umschreibungen dafür.
Nichts wäre der Kölsche Klüngel allerdings ohne die Anziehungskräfte des Karnevals. Sie lösen die Zunge und erleichtern das Fraternisieren. Was tat Franz Xaver Ohnesorg, nachdem er 1983 als Chef der neuen Kölner Philharmonie an den Rhein gewechselt war? Er trat einer Karnevalsgesellschaft bei. Die zeigte sich mit dem Motto des nächsten Rosenmontagszugs ("viel Harmonie") erkenntlich. Das Vorrecht des Zugleiters ist es freilich, noch vor Aschermittwoch das nächste Motto kundzutun. Klüngel?
Solidargemeinschaft
Auch Jürgen Bind zögert nicht einen Augenblick, das Wörtchen in den Mund zu nehmen, um auf einen plausiblen Begriff zu bringen, was in Köln noch allemal zum Erfolg verhilft. Inzwischen liefert er seine Schokoladen und Weingummis auch nach Sinzig, Hagen, Mainz - und "bis nach Cottbus hoch". Doch angefangen hat alles mit der aktiven Mitgliedschaft bei den "Altstädtern". Ein Lastwagen wird in diesem Jahr nicht ausreichen, deren Bestellung morgen früh an den Rosenmontagszug zu schaffen.
In anderen Gesellschaften will man vom Klüngel nichts wissen und eigentlich auch kein Sterbenswörtchen mehr davon hören. Man läßt sich das Unwort scheinheilig buchstabieren wie Josef Lutter vom Festkomitee Kölner Karneval. Oder schwallt vage ins Pathetische wie Alexander Freiherr von Chiari, der seit 15 Jahren den Rosenmontagszug dirigiert: "Klüngel hat mit Korruption nichts zu tun. Wir achten darauf, daß bei uns alles sauber bleibt. Schließlich sind wir eine Solidargemeinschaft." Eine Vokabel, die Wolfgang Niedecken, dem Sänger der Kölsch-Band "BAP", am Telefon nur einen zweideutig nachhallenden Lacher entlockt. Obwohl Niedecken, sobald der Karneval ausbricht, mit gesenktem Kopf spontan in "Duldungsstarre" fällt. Sagt er selbst, gibt aber zu bedenken, daß Klüngel in anderen Regionen mit "Filz" übersetzt wird. Auch mit "Seilschaften", "Beziehungen" oder "Netzwerk".
Neapels nördlichster Ausläufer
Wer bei den Kölner Karnevalskünstlern nachfragt, wie der bemerkenswert straff und effizient reglementierte Sitzungskarneval eigentlich funktioniert, bekommt von Büttenrednern, Sängern oder Musikanten die Antwort nur hinter vorgehaltener Hand. Und den Hinweis, Köln sei in Wirklichkeit bloß der nördlichste Ausläufer Neapels: "Alles Mafia". Natürlich ziehen alle an einem Strang - und selbstredend auf derselben Seite.
Am kräftigsten ziehen die Programmgestalter der im Festkomitee zusammengeschlossenen 104 Kölner Karnevalsgesellschaften. Das ist gewissermaßen die administrative Oberleitung des traditionellen Kölschen Fastelovends: ehrenwerte Herren allesamt, die sich anspruchsvoll "Literaten" nennen und, angeblich vollkommen ehrenamtlich, alle Sitzungen ihrer Vereine organisieren. Sie bilden einen exklusiven, nur in Ausnahmefällen und allein durch persönliche Zuwahl zunächst für eine Probezeit von zwei Jahren erweiterten Stammtisch, der einem Syndikat gleichkommt. Sie treffen sich einmal im Monat, in der "heißen Phase" von August bis Oktober aber auch zweimal im Monat.
1000 bis 1500 Euro pro Auftritt
Gegen den Willen dieses Gremiums läuft nichts im Karnevalsklüngel. Auszunehmen davon, als alternative Spielarten des Sitzungs- wie des Straßenkarnevals, allenfalls die eben ins zwanzigste Jahr gegangene "Stunksitzung" und der "Geisterzug" am Karnevalssamstag. Die "Literaten" haben die Fäden des Sitzungskarnevals in der Hand - und spannen sie nach Kräften hinter den Kulissen. Sie managen und koordinieren im Vereinsauftrag an die 150 Sitzungen in der Session: oft genug als Veranstalter und Vermittler, Impresarios und Regisseure in einer Person.
Ihre Domäne sind die großen Säle der Kölner Innenstadt: im "Gürzenich" und "Sartory", "Maritim", "Dorint" und "Börse", außerdem in der Köln-Arena, in der den Akteuren bei einer Zusage acht Auftritte sicher sind. Wer als Solokünstler oder mit seiner Truppe an eine dieser Vergnügungsstätten geladen wird, absolviert leicht drei oder vier Gastspiele am Abend, der halbprofessionelle Einzelkämpfer für 1000 bis 1500 Euro pro Auftritt, Stars wie die "Bläck Fööss" oder die "Höhner" gern auch fürs Dreifache. Wer dagegen durch die Provinz tingeln muß, von Frechen nach Hürth und weiter nach Wesseling, ist doppelt so lang für die Hälfte des Honorars unterwegs - sofern er drei Termine tatsächlich unter einen Hut bringt. Falls er nicht einen kundigen Agenten findet, der ihm die Routenplanung allumfassend abnimmt.
Wer wann wo aufreten darf, machen die "Literaten" unter sich aus. "Die allermeisten betreiben das bloß nebenbei", sagt Heinz Krein, der Ehrenvorsitzende des Literatenstammtischs. Was sie im Hauptberuf machen, verrät er nur zögernd: "Manche besitzen Agenturen, managen Bands, vermitteln Büttenredner und helfen weiter, wo ein Sitzungspräsident fehlt. Für die ist das in der Tat ein Riesengeschäft." An Klüngel-Kontakten ist kein Mangel, wenn man zugleich einem Karnevalsverein vorsteht oder zumindest im Elferrat sitzt, eine SchunkelCombo betreut oder eine Plattenfirma berät, die auch Studios vermietet. Rund 3000 Sitzungen sind es im Kölschen Karneval jedes Jahr: Was für ein exklusiver Markt für alle, die Nachfrage und Angebot rundum aufeinander abzustimmen wissen.