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Fritz Wepper Der Volksschauspieler

01.04.2011 ·  Von Derricks Helferlein zum Quotenkönig: Mit fast 70 Jahren blickt Fritz Wepper zurück auf die Freuden eines Fernsehstars und die Leiden eines Lebemannes. Er hat nichts zu bereuen.

Von Martin Wittmann
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Wo ist Fritz Wepper? Die Filmcrew wartet drehbereit im Schloss, im Garten steht ein leerer Klappstuhl, auf dessen Stofflehne mit goldenen Lettern sein Name gedruckt ist. Es ist still, nur der eisige Wind ist zu hören, wie er durch Sachsens Wälder pfeift. Ein Auto nähert sich und parkt vor dem Anwesen. Wepper steigt auf der Beifahrerseite aus, im Gesicht immer noch der Schrecken, im Arm ein Hund. „Auf einmal ist er wie wild aufgesprungen und den Rehen nachgelaufen“, sagt Wepper, der Aron wieder einfangen wollte, bevor der Deutsch Drahthaar noch auf die Straße läuft. Ob er das Tier geschimpft habe, fragt ein Schauspielkollege. Ja, antwortet Wepper, „Pfui“ habe er gesagt. Nein, böse sein kann er ihm nicht.

Wepper wird demnächst 70 Jahre alt, der Film ist ein Geburtstagsgeschenk. In „Lindburgs Fall“ spielt er einen Schauspieler, der seit Jahrzehnten als Fernsehkommissar reüssiert. Der hat einen Assistenten, der sich regelmäßig den Satz „Conny, hier stimmt was nicht“ anhören muss. Kurz: Wepper muss nicht mehr sich selbst und gleichzeitig Inspektor Harry „Hol schon mal den Wagen“ Klein spielen, sondern darf endlich in die Chefrolle des Horst Tappert alias Stephan Derrick schlüpfen. Sein halbes Leben, 35 Jahre lang, spielte und vertonte Fritz Wepper den Harry, und so ist eine augenzwinkernde „Derrick“-Anspielung als Alterswerk nicht unanständig. Sein anderes halbes Leben aber hätte mehr verdient.

Mit Neun zum ersten Mal ins Prinzregententheater

Weppers Vita beginnt am 17. August 1941 auf dem Weg in die Klinik. Im Krankenwagen, auf Höhe des dritten Baumes in der Mailingerstraße in München, kommt er zur Welt. Der Krieg ist seine erste Erinnerung: Ein Flieger dröhnt über dem Haus. Seine Mutter holt das Kleinkind von der Nähmaschine herunter und bringt es in Sicherheit. Sein Onkel hisst die weiße Fahne. Sein Vater ist da schon an der Front im Osten. Die nächste Erinnerung: „Hershey-Schokolade und Chewing Gum“, erzählt Wepper beim Gespräch nach Drehschluss in seinem Leipziger Hotel. Der Krieg ist vorbei. Sein Vater ist nicht zurückgekommen.

Mit neun Jahren darf Wepper zum ersten Mal ins Prinzregententheater. Erst imponiert ihm der purpurrote Vorhang, später das ganze Milieu. Mit elf spielt der rothaarige Junge (“Pippi Langstrumpf war blond gegen mich“) das „Glöckchen“ in einer Aufführung des „Peter Pan“. Mit Bruder Elmar, damals sieben Jahre alt, geht er zweimal die Woche ins Münchner Aki-Kino, um in der Wochenschau in den Bildern mit den Kriegsheimkehrern den Vater zu suchen. Sie entdecken ihn nicht.

„Was gäbe ich darum, wenn ich mich an ihn erinnern könnte“, sagt Wepper und steht auf, um kurz nach seinem Hund im Hotelzimmer zu sehen. Zwei Hüftoperationen nach einem Autounfall haben Fritz Weppers Gang etwas steif werden lassen. Er ist nicht groß, in der Lobby geht er zwischen den anderen Gästen schnell unter. Er trägt einen Kapuzenpulli mit einem riesigen Tigerkopf auf dem Rücken. Er wirkt damit gemütvoll, wie eine Figur aus seinen harmlosen Komödien, wie ein Alter, der sich als Junger verkleidet, den man lustig oder albern finden kann, aber keinesfalls lächerlich.

Mit „Die Brücke“ gelingt der Durchbruch

Mit 18 Jahren schafft Wepper dank seiner Rolle in Bernhard Wickis „Die Brücke“ den Durchbruch. Er dreht fortan mit Mario Adorf und Heinz Rühmann, arbeitet mit Curd Jürgens und Walt Disney. Er macht eine Serie über einen Studenten, der einer Amerikanerin das Deutschland der sechziger Jahre zeigt. Aber die Achtundsechziger-Realität holt die nun viel zu brave Serie ein, sie wird nie ausgestrahlt.

Fritz Wepper hatte damals keine Zeit, um auf die Straße zu gehen. Erst viel später sollte er der Macht seinen für bayerische Upper-Class-Verhältnisse fast schon extremistischen Protest ins massige Gesicht sagen. „Ich wähle Sie nicht“, sollte er seinem Jagdfreund Franz Josef Strauß, dem CSU-Politiker und Ministerpräsidenten des Freistaates, eröffnen. (Strauß zeigte sich freilich unbeeindruckt und erwiderte, ihn wählten ja genug andere.)

Weppers Leben mit Harry Klein beginnt 1968, damals noch in „Der Kommissar“. Fünf Jahre später verlässt er die Serie, die freigewordene Stelle übernimmt Bruder Elmar. Fritz steigt mit der gleichen Rolle, aber nun in Farbe und befördert, bei „Derrick“ ein. Die Reihe wird in 113 Ländern gezeigt, und Wepper wird noch in Taiwan auf der Straße mit „Hally“ aus „Dellick“ angesprochen. Dabei hätte alles auch anders laufen können.

1972 wird Wepper zu einem Casting für eine amerikanische Produktion eingeladen. Am Abend vor dem Termin feiert eine Kollegin ihren Geburtstag, was „natürlich kontraproduktiv war“. Ob er nicht, nun ja, vorsichtiger hätte feiern können? „Vorsichtig brauch ich auf keine Feier gehen“, antwortet er.

„This ist Fritz“, sagt Liza Minnelli

Jedenfalls verschläft der junge Wepper den Termin am nächsten Morgen und muss die Sekretärin mit einem Blumenstrauß bezirzen, auf dass sie ihm eine neue Chance gibt. Tatsächlich bekommt er die begehrte Rolle in „Cabaret“, der Filmversion des Broadway-Musicals. Monatelang dreht er dafür mit Liza Minnelli in Deutschland. Nach den Dreharbeiten sind die beiden enge Freunde, und der Film gewinnt acht Oscars.

Vor zwei Jahren brachte der Fernsehsender Arte die beiden Künstler in New York für eine Dokumentation wieder zusammen. Sie spazieren über den Times Square, sofort sind sie von Fans umringt. „I love you“, sagen sie zu Liza Minnelli. „This is Fritz“, sagt sie zu den Fans. Aber die New Yorker kennen Wepper nicht, niemand ruft „Fritz“ oder „Hally“. Irgendwann gibt er sich scherzend als Liza Minnellis Bodyguard aus.

Der Bayer fühlt sich wohl in Amerika, das Land ist zu Weppers zweiter Heimat geworden. Er hat dort 1979 seine Angela geheiratet, hat sich mit Hopi-Indianern angefreundet und später durch die Prärie reitend seinen 50. Geburtstag gefeiert. Er kommt fast jedes Jahr, nicht obwohl, sondern weil ihn dort niemand kennt.

Fritz Wepper ist keine Celebrity, er ist ein deutscher Fernsehstar, nicht mehr und nicht weniger. Dass es nicht weniger ist, verdankt er Harry Klein. Dass es nicht mehr geworden ist, auch. Denn ohne ihn hätte er „den härtesten Satz meiner Karriere“ nie zu hören bekommen.

Ein Indianer hält sein Ehrenwort

Nach „Cabaret“ lädt ihn die Produktionsfirma in die Staaten ein, wo er in Talkshows und auf Presseterminen dem Publikum vorgestellt wird. Am Ende sitzt er im Büro der Firma, neben acht Anwälten. Er könne sich aussuchen, ob er an den Broadway gehen, einen Film in Amerika oder einen in Kanada machen wolle, sagen sie. Vorausgesetzt, er habe in den kommenden Monaten kein anderes Engagement. Wepper sagt, er habe eines, beim „Kommissar“. Für die Produzenten ist die Sache damit erledigt. Sie sagen den Satz: „Forget it.“

Nein, sagt Wepper heute, es gebe nichts zu bereuen. Er habe damals einen Vertrag für die Rolle des Harry Klein unterschrieben, und dazu habe er gestanden. Ein Indianer hält sein Ehrenwort. Es ist der bitterste Witz in Weppers Komödianten-Karriere: Ausgerechnet er, der in der Klatschpresse als personifizierte Untreue gilt, verbaut sich durch Vertragstreue die Hollywood-Karriere, um als treuester aller Nebendarsteller in die deutsche Fernsehgeschichte einzugehen.

Aber Wepper hat sein Image nicht ohne Grund. Er ist heute immer noch mit Angela verheiratet, hat seit einiger Zeit aber auch offiziell eine 37 Jahre alte Freundin. Er spricht von „meiner Frau“ genauso selbstverständlich wie von „Susanne“. Mit seinen Frauengeschichten und den offenherzigen Interviews - „Es waren nur zwei Affären“, sagt er in einem, „Vielleicht ist Toleranz das Geheimrezept meiner Frau“, in einem anderen - gab er den Journalisten den Stempel förmlich in die Hand, den sie ihm dankbar aufdrückten. „In Wirklichkeit führe ich heute ein ruhiges Leben, bin viel in der Natur, spiele Golf, gehe Fischen und Jagen“, sagt er. Die Presse aber lässt den leidenschaftlichen Jäger immer noch wie einen läufigen Jagdhund erscheinen.

Vom Wesen eher Handwerker denn Handküsser

300 Unterlassungserklärungen habe er kürzlich verschicken lassen, sagt er. Gravierender noch: Als ihn kürzlich „Bunte“-Reporter-Urgestein Paul Sahner angerufen und mit den üblichen Worten „Fritz, mein Freund“ begrüßt habe, erzählt Wepper, habe er erwidert: „Paul, du bist nicht mein Freund.“ In den Kreisen, in denen Wepper sich bewegt, ist das nicht weniger Punk als die Strauß-Anekdote.

Dass Wepper, vom Wesen eher Handwerker denn Handküsser, in diese Kreise gerät, ist ausnahmsweise nicht Harry Kleins Schuld. Vielmehr lernt der Schauspieler über seine Frau Angela (Prinzessin von Hohenzollern) und seinen Freund Poldi (Prinz von Bayern) die Welt des Adels kennen, vom schwedischen Königshaus bis zu Prinz Albert von Monaco. Außerdem ist da ja noch die Freundschaft mit Liza.

Im Frühjahr 1989 vertritt Minnelli den erkrankten Dean Martin auf der Deutschland-Tournee des „Rat Pack“. Sie ist nervös, bittet Wepper um Beistand. In den Katakomben der Münchner Olympiahalle trifft er Frank Sinatra, „der dort mit dem Hund von der Liza Gassi geht“. Nach dem Konzert lädt Wepper die Truppe ins Seehaus im Englischen Garten ein. Liza isst ihren geliebten Schweinsbraten mit Knödeln, Sammy Davis Jr. trinkt drei Weißbier.

Jagen mit Strauß, Dinieren mit Prinzessin Caroline

Feiern mit dem „Rat Pack“, Jagen mit Strauß, Dinieren mit Prinzessin Caroline, dazu kleinere Kokain- und Steuervergehen, das alles gefällt der Klatsch-Presse. Dass Wepper aber neben dem ganzen Rummel glaubwürdig den Mann aus dem Volk darstellen kann - das weiß das Publikum zu schätzen.

Es ist mittlerweile kurz vor neun Uhr am Abend, und Wepper schlägt vor, das Fußballspiel des FC Bayern anzusehen. Seit seiner Jugend ist er dem Verein verbunden, sein Bruder und er haben die Mitgliedsnummern 652 und 653. Er geht in eine Bar, in der die Partie auf dem Großbildschirm gezeigt wird, obwohl kein Tisch mehr zu reservieren war. Die Fußballfans tuscheln und sehen ihm zu dabei, wie er dem Spiel zusieht. Franz Beckenbauer erscheint auf dem Bildschirm, und Wepper erzählt eine „Franze“-Anekdote. Karl-Heinz Rummenigge wird eingeblendet, und der Schauspieler erzählt eine „Kalle“-Geschichte. Erst kommt ein Jugendlicher auf ihn zu und lässt sich mit ihm fotografieren, später ein älterer Immigrant, der sagt, er schaue jeden Film mit ihm. Wepper unterhält sich mit den beiden im gleichen Ton, mit dem er die Geschichten von der FC-Bayern-Elite erzählt.

Ein Volksschauspieler sei der Fritz, sagen Kollegen, einer, der intuitiv spiele. Einen großartigen Komödianten nennt ihn Liza Minnelli. Für seine Rolle als Bürgermeister Wöller in der Serie „Um Himmels Willen“ gewann er den Bayerischen wie den Deutschen Fernsehpreis. Die Reihe sehen sieben Millionen Menschen, am vergangenen Dienstagabend hatte die neue Folge mehr Zuschauer als das Veronica-Ferres-Drama und die „Simpsons“ zusammen. Sechs Bambis hat er zu Hause stehen. Was will man mehr vom Leben? Was will man mehr von Fritz Wepper?

Eine Schippe Kies und viele Tränen

2008 schreibt die „Zeit“: „Herr Wepper ist sehr, sehr gut. Und Frau Dörrie gelingt es, genau das zu zeigen.“ Doch der bejubelte Herr Wepper ist nicht Fritz, sondern sein Bruder Elmar. Über den heißt es weiter in der Rezension zu Doris Dörries Film „Kirschblüten - Hanami“: „Verloren und trauernd, wie nur Männer trauern können, so rührend und bedingungslos.“ Als Elmar für diese Rolle mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wird, hält sein älterer Bruder die Laudatio. Man muss weit zurückgehen, um zu ergründen, weshalb Fritz Wepper sich nie nach solchen Rollen gesehnt hat, auch nicht im Alter. Man muss ihn nach seiner Seele fragen.

1959 ist Fritz Wepper noch kein Herr, aber er ist sehr, sehr gut. Und Herrn Wicki gelingt es genau, das zu zeigen. Aber der Preis dafür, sagt Wepper heute nachdenklich, sei zu hoch gewesen. Er spielt damals in Bernhard Wickis Antikriegsfilm „Die Brücke“ einen der jungen Burschen, die in den letzten Kriegstagen eine Brücke gegen die Alliierten verteidigen sollen. Für eine der von den Kritikern später gefeierten, weil schonungslosen Szenen soll Wepper weinen. Das könne er nicht vor den vielen Leuten, sagt der Nachwuchsschauspieler. Der Regisseur, väterlich, im guten wie im schlechten Sinne, schickt alle Anwesenden weg. Dann nimmt er eine Schaufel voll Kies und schleudert sie Wepper ins Gesicht. Als die Szene längst im Kasten ist, heult der junge Wepper immer noch. So tief in seine Seele will er sich nie mehr blicken lassen.

Sorgfältig und souverän

Heute, gut 50 Jahre später, ist er also Lindburg, der Schauspieler/Kommissar. Die Sonne ist hinter dem Schloss verschwunden, aber in einem der ausgeleuchteten Säle wird immer noch gedreht. Wepper arbeitet künstlerisch sorgfältig und souverän, wie immer. Dass der Drehplan nicht einzuhalten war, weil der besorgte Star seinen Aron einfangen musste, hat ihm das Team schon verziehen, als sie ihn den eingefangenen Hund streicheln sahen.

Die Menschen werden bei „Lindburgs Fall“ wieder einschalten. Wenn Wepper zum Bäcker oder zum Fußballschauen geht, werden sie ihn für den Film loben. Das ist es, was zählt. Die Schlagzeilen? Forget it.

In dieser Zeitung stand einmal: „Sein Charme ist sein größtes Kapital“, er könne „ den schlimmsten Windhund verkörpern, und niemand wird ihm in der Rolle auf Dauer böse sein“. Der Satz bezog sich auf das Spiel von Elmar. Auf das Leben des Fritz würde er nicht weniger passen.

Mehr als der ewige Harry

Fritz Wepper kam 1941 im München des Zweiten Weltkrieges auf die Welt. Sein Vater, ein Jurist, kehrte nie von der Front in Russland zurück. Fritz Wepper, der bereits mit neun Jahren schauspielerte, feierte seinen Durchbruch 1959 mit dem Kinofilm „Die Brücke“ von Bernhard Wicki, in dem er einen jungen Soldaten spielte. Von 1968 an gab er als Harry Klein den Assistenten von „Derrick“. Die Serie gilt als eine der erfolgreichsten der Welt, ihre 281 Folgen wurden in 113 Ländern gezeigt. 1972 spielte Wepper im Oscar-prämierten Film „Cabaret“. Mit seinem Bruder Elmar drehte er später die Reihe „Zwei Brüder“, mit seiner Tochter Sophie „Mord in bester Gesellschaft“. Die Episoden seiner ARD-Serie „Um Himmels Willen“ sehen sieben Millionen Zuschauer, Tendenz steigend. Den härtesten Satz seiner Karriere hört er, als er nach Hollywood will: Forget it.

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