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„Freeganer“ in Amerika Müllbananen gegen das Kapital

Sie heißen „Freeganer“ und suchen im Müll nach Eßbarem. Doch nicht die Not, sondern der Protest treibt sie. So üben die Aktivisten wenig appetitliche Kritik an der Wegwerfgesellschaft. Dabei ist das Müllcontainertauchen nur eine Methode.

© REUTERS Vergrößern Ein „Freeganer” sucht nach Eßbarem im Müllcontainer

Adam Weissman ernährt sich aus der Mülltonne. Nicht etwa, weil Not ihn dazu zwingt. Nein, für den jungen Mann ist nur diese ressourcenschonende Art der Nahrungsmittelbeschaffung ethisch vertretbar. „Städtische Futtersuche“ nennen der 28 Jahre alte Amerikaner und seine Gesinnungsgenossen diese Praxis. Im Volksmund nennt man das seltsame obby auch „dumpster diving“ - „Müllcontainertauchen“. Niemand weiß genau, wie viele konsumkritische Futtersucher und Müllcontainertaucher in New York und anderen Metropolen auf Hinterhöfen von Lebensmittelgeschäften und Restaurants nach Eßbarem stöbern. Aber sicher ist, daß es mehr werden.

Einschlägige Internetseiten wie „dumpsterworld.com“ und „dumpsterdiving.net“ verzeichnen einige tausend Einträge. „Wir haben den Eindruck, daß es mehr und mehr Fälle gibt“, heißt es bei amerikanischen Lebensmittelketten mit ökologischem Anspruch wie „Whole Foods Market“, die ein beliebtes Ziel von Abfallstöberern ist. Reges Interesse gibt es auch an den „Trash Tours“ (Mülltouren), die Adam Weissman und andere Aktivisten der radikallinken New Yorker Initiative „Freegan.info“ einmal in der Woche anbieten. Meist kämen 20 bis 25 Teilnehmer, sagt Weissman.

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Freeganismus, Guerilla Gardening und Squatting

In der Lehrstunde zur Wegwerfgesellschaft wird zum Beispiel auf Statistiken der amerikanischen Regierung verwiesen, nach denen in den Vereinigten Staaten jedes Jahr ein Viertel aller zubereiteten Mahlzeiten im Abfall landen - mehr als vier Millionen Tonnen. Am Beispiel einer Banane, die Freeganer aus dem Müll eines Lebensmittelgeschäfts klauben, fächern sie dann ihre Kritik am globalen Wirtschaftssystem auf: Umweltzerstörung, Ausbeutung von Arbeitskraft, Armut, Krieg. Dagegen hilft nach Überzeugung der Freeganer nur ein möglichst umfassender Boykott der kapitalistischen Wirtschaftsordnung.

Die Wortschöpfung Freeganismus verbindet den Anspruch, frei zu sein (“free“) und die Ausbeutung von Tieren zu vermeiden (“vegan“). Das Müllcontainertauchen ist für überzeugte Freeganer nur eine von vielen Methoden, ihre Idee von Umweltschutz und sozialer Verantwortung zu verwirklichen. Die Palette reicht von Reparaturlehrgängen und unbezahlten Diensten für sozial Schwache bis zu illegalen Praktiken wie „Guerilla Gardening“ - der Verwandlung urbaner Ödflächen in Gärten - und „Squatting“ - der Besetzung leerstehender Häuser, um sie für soziale Zwecke nutzbar zu machen.

Von der Gemüsetheke in die Tasche des Abfallstöberers

Adam Weissman bezeichnet sich denn auch als „revolutionären Antikapitalisten“. Aber längst nicht alle Müllcontainertaucher teilten seine politischen Überzeugungen. Im übrigen lebt Weissman, der sein Geld mit Gelegenheitsjobs bei Bürgerrechts- und Umweltschutzorganisationen verdient, bürgerlicher, als man vermuten könnte. Er wohnt bei seinem Vater und seinen Großeltern in Teaneck in einem Vorort Gutverdienender unweit von Manhattan. Der Vater ist Kinderarzt, und jede Generation bewohnt ihre eigene Etage.

Weissman dürfte zu den Pionieren der „Dumpster Diver“ gehören. Seit fast zwölf Jahren ernährt er sich aus Abfalltüten und Abfallcontainern. Ekel empfindet er dabei nicht. Viele Nahrungsmittel seien noch in Ordnung und landeten nur deshalb auf dem Abfall, um Platz für neue, frische Ware zu schaffen. Außerdem seien die „Dumpster Diver“ schnell zur Stelle. Es sei nur eine Sache von Stunden, bis eine Zucchini von der Gemüsetheke im Geschäft in die Tasche eines Abfallstöberers wandere. Gestank und Ungeziefer machen den Müllcontainertauchern angeblich nicht zu schaffen.

Nur eine einzige Ratte in all den Jahren

Oft rieche es sogar richtig gut, „nach Früchten, Gemüse und Blumen“. Und Ratten? Eine einzige habe er in all den Jahren vorbeihuschen sehen, sagt Adam Weissman. Michael Greger, ein amerikanischer Mediziner und Ernährungsfachmann, der sich auf populärwissenschaftliche Bücher und Vorträge spezialisiert hat, sieht auch keine gesundheitlichen Gefahren, solange Mülltaucher nicht zu Risikogruppen für Lebensmittelvergiftungen gehörten und einige Vorsichtsmaßnahmen beachteten.

Zum Beispiel sollten sie darauf verzichten, Fleisch, Fisch und Eier aus der Mülltonne zuzubereiten. Andere Fachleute dagegen sagen, alles Eßbare, das im Abfall gelandet sei, solle zur Vermeidung gesundheitlicher Risiken auch dort bleiben. Sprecher von Supermarktketten wie „Whole Foods Market“ weisen außerdem darauf hin, daß Nahrungsmittel, die für den menschlichen Verzehr noch geeignet erschienen, nicht weggeworfen, sondern an Suppenküchen und Obdachlosenunterkünfte geliefert würden.

Abwehrmaßnahmen der amerikanischen Supermärkte

Dies genügt manchen Mülltauchern aber nicht. In Washington, zum Beispiel, durchforsten Mitglieder der radikallinken Bewegung „Food not Bombs“ (“Essen statt Bomben“) Müllcontainer nach Gemüse und Obst, um daraus vegetarische Mahlzeiten für Bedürftige zuzubereiten.

Manche amerikanischen Supermärkte haben mittlerweile Abwehrmaßnahmen gegen Mülltaucher getroffen, nicht zuletzt da sie Gerichtsprozesse befürchten, falls doch einmal jemand krank wird. So wurden Zäune gezogen oder offene Container durch geschlossene ersetzt. Ferner haben einige Gemeinden Verbote erlassen. Aber Ärger mit der Polizei hat Adam Weissman noch nie gehabt. Die New Yorker Polizei habe Wichtigeres zu tun, als sich um Mülltaucher zu kümmern.

Quelle: F.A.Z.

 
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