15.07.2010 · In den letzten Tagen fand das internationale Fußballfest der Frauen „Discover Football“ in Berlin statt. Der Organisator setzt mit diesem Turnier ein politisches Zeichen für Frauenfußball und die weibliche Selbstbestimmg.
Von Alard von Kittlitz, BerlinDie Sonne brennt so heiß auf den Fußballplatz in Kreuzberg, dass in den Pausen die Sprenkleranlagen angestellt werden müssen. Publikum und Spielerinnen rennen unter die Wasserstrahler und verschaffen sich lachend Abkühlung.
Auch der Junge hat nasse Haare und Kleider. Er sitzt im Schatten eines Baums und runzelt die Stirn. „Woher sind die jetzt?“, fragt er zum Peace-Team, einer der beiden Mannschaften, die gerade auflaufen. „Israel oder Palästina?“ Tatsächlich besteht das Peace-Team zur einen Hälfte aus Spielerinnen aus Israel, zur anderen aus Spielerinnen aus dem Westjordanland. Der Junge, vielleicht zehn Jahre alt, sagt: „Das kann nicht sein. Ich bin Palästinenser. Die würden sich gegenseitig doch umbringen.“ Das Peace-Team aber spielt zusammen. Die Gegnerinnen sind eine Mannschaft aus Ecuador, allesamt Quichua-Indianerinnen. Die unwahrscheinliche Begegnung ist Teil des Fußballfests „Discover Football“, das in den vergangenen Tagen in Berlin stattfand. Organisiert haben es Spielerinnen und Freunde des türkischen Fußballklubs Al Dersimspor. Der Verein hat Erfahrung mit den politischen Dimensionen des Frauenfußballs.
„Discover Football“ vermittelt „interkulturelle Verständigung“
2006 organisierten zwei Spielerinnen von Al Dersimspor, die Zwillinge Valerie und Marlene Assmann, ein Spiel ihres Klubs gegen die iranische Frauenauswahl in Teheran. Das Spiel war ein Politikum, erst nach langem Zögern der Machthaber in Iran wurde die Partie erlaubt. Ein Dokumentarfilm über die Begegnung, „Football Under Cover“, gewann auf der folgenden Berlinale den Teddy-Award. Noch höhere Wellen schlug das Rückspiel, das in Berlin stattfinden sollte. Einen Tag vor dem Termin im Sommer 2007 wurde den Iranerinnen die Ausreise verboten. Die Spielerinnen von Al Dersimspor begriffen, dass ihre Partie in Teheran keine neue Regel dargestellt hatte, sondern eine krasse Ausnahme. Das Erlebnis inspirierte einige von ihnen zu „Discover Football“.
Bei dem Fest geht es um weit mehr als nur um Tore und Turniersieg. Für das Publikum wird deutlich, wie wenig selbstverständlich es an vielen Orten der Welt für Frauen ist, gegen eine Lederkugel treten, spielen, sich bewegen und messen zu dürfen. Das Spiel hat für Frauen in einigen Teilen der Welt eine existentielle Bedeutung, es ist gefährlich, es verlangt Haltung, es ist ein Kampf um Rechte und Selbstbestimmtheit. Die Aussage der Organisatoren, es ginge bei „Discover Football“ um „interkulturelle Verständigung“, greift im Grunde fast zu kurz, denn es ist auch ein Fest über Oppression, Mut, Trost und Hoffnung. Neben den Spielen finden Podiumsdiskussionen statt, Trainings mit deutschen Nationalspielerinnen, es werden Filme über Fußball gezeigt, sogar den erst nächste Woche in den Kinos anlaufenden Film „Die schönste Nebensache der Welt“ hat man zeigen dürfen.
Im Finale stehen Paraguay und Sambia
Die Mannschaft aus Iran hat wieder nicht anreisen dürfen, dafür die afghanische Frauennationalmannschaft, ein großer Erfolg für die Organisatoren. In Afghanistan können die Spielerinnen nur unter militärischer Bewachung trainieren, immer wieder werden sie bedroht. Eine afghanische Spielerin sagt, das schönste sei für sie in Berlin, die vielen Frauen zusammen spielen zu sehen ohne Schikane.
Beim Peace-Team meint man zunächst, an den Kopftüchern unterscheiden zu können, wer woher kommt. Dann schimpft eine Frau ohne Kopftuch lautstark auf Arabisch über einen Fehlpass, es ist eine Christin aus dem Westjordanland. Nach den Toren umarmen sich die Spielerinnen, man spricht keine gemeinsame Sprache, aber die braucht man im Fußball bekanntermaßen nicht, um erfolgreich spielen zu können. Die palästinensischen Spielerinnen haben vor dem Turnier nur fünf Mal mit den Israelinnen trainieren können, die Reise über die Grenze ist jedes Mal ein organisatorischer Aufwand. Immer wieder kriegen sie zu hören, Frauen sollten ohnehin nicht Fußball spielen, dass sei Männersache. Und natürlich kommen immer wieder Vorwürfe: „Mit den Feinden spielt ihr?!“ Auch in Berlin wird das Peace-Team von Menschen aus dem Nahen Osten angesprochen, mal neugierig, mal aggressiv. Miteinander sind die Spielerinnen vorsichtig. Man redet nicht über Politik, sondern über das alltägliche Leben. Inbal Ben-Ezer, die das Peace-Team begleitet, erzählt von Erstaunen, Gelächter und Mitgefühl, wenn sich die Frauen aus dem jeweiligen Alltag berichten.
Das Finale bestreiten die Mannschaften aus Paraguay und Sambia. Die Frauen aus Südamerika gehen als Favoritinnen ins Spiel, in der Vorrunde haben sie die Afrikanerinnen haushoch geschlagen. Doch die Mannschaft aus Sambia kämpft.
Fußballspiel fördert Selbstbewusstsein
In Sambia liegt die HIV-Infektionsrate bei 13 Prozent, die Krankheit droht, das gesellschaftliche Gefüge des Landes nachhaltig zu zerstören. Malambo Hampende, der das Team gegründet hat, hatte eine eigenwillige Idee, wie man der Krankheit entgegenwirken könnte. Er hat in Lusaka ein Frauenfußballprojekt gegründet. Das Fußballspiel mache die Frauen selbstbewusster, selbstbestimmter, vorsichtiger, sagt Hampende. In den Gegenden, in denen sein Projekt läuft, sind die frühen Schwangerschaften und die HIV-Raten merklich zurückgegangen. Zu der Partie zwischen Afghanistan und Sambia am Freitag erschien ein Stab von afghanischen Militärs und Diplomaten, um die eigene Mannschaft anzufeuern. Nach der Partie lief Malambo Hampende zu den Generälen herüber und rief ihnen zu, sie sollten sich an den Frauen ein Beispiel nehmen.
Am Ende des Turniers gibt es eine große Party. Sambia hat das Finale nach hartem Kampf im Elfmeterschießen gegen Paraguay verloren, die afrikanischen Spielerinnen waren danach lange kaum zu trösten. Bei der Party aber tanzen sie mit der Mannschaft aus Afghanistan, dabei sind auch die Palästinenserinnen, die Frauen aus Israel, aus Österreich, aus Paraguay und Ecuador.
Nächstes Jahr, wenn in Deutschland die Frauenfußball-WM stattfindet, soll „Discover Football“ in die nächste Runde gehen. An dem nächsten Turnier sollen nicht acht, sondern 16 Mannschaften teilnehmen, an Bewerbungen wird es sicher wieder nicht mangeln, und wer weiß, vielleicht ist ja sogar Iran dabei.
Alard von Kittlitz Jahrgang 1982, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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