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Frankreich In elegantem Schwung über den Tarn

14.12.2004 ·  Sie ist höher als der Eiffelturm, länger als die Champs Élysées und hat das Zeug zu einem neuen französischen Fortschrittssymbol: Die höchste Autobahnbrücke der Welt, das Millau-Viadukt, ist eröffnet.

Von Christian Schubert
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Hoffentlich gibt es auf dieser Brücke nicht wieder eine Wackelpartie. Doch der englische Stararchitekt Lord Norman Foster, der wegen einer instabilen Fußgängerbrücke über die Londoner Themse einst in die Schlagzeilen geraten war, dürfte vorgesorgt haben. Die Autobahnbrücke bei Millau in Südfrankreich hat eine ganz andere Struktur und andere Dimensionen: Ihr größter Pfeiler erreicht 342 Meter Höhe und ist damit der höchste Brückenpfeiler, der jemals gebaut wurde.

Der Pfeiler ist auch höher als der Eiffelturm, womit sich ein Kreis schließt: Denn die Brücke hat ausgerechnet die französische Firma Eiffage gebaut, die sich einst das Konstruktionsbüro von Gustave Eiffel einverleibte. Die Autobahnbrücke bei Millau ist nach Angaben der Konstrukteure nun die höchste der Welt. Dieses Prädikat dürfte allerdings angefochten werden: Während die Rekordhöhe des Pfeilers niemand abstreitet, kommt die Fahrbahn mit ihren 270 Metern Höhe nicht auf das Vergleichsmaß der Royal Gorge Bridge in Colorado, die sich dort über den Fluß Arkansas spannt.

100 Kilometer Umweg überwunden

Rekordjagd hin oder her - die Franzosen dürfen stolz sein auf ihr neues Bauwerk. Mit großer Eleganz und Leichtigkeit dominiert es die Schlucht des Flusses Tarn. In verkehrstechnischer Hinsicht beseitigt die Brücke gleichzeitig ein Nadelöhr im südfranzösischen Straßenverkehr. Staatspräsident Jacques Chirac hat das Bauwerk an diesem Dienstag eröffnet. Architekt Foster hat ausdrücklich den Beitrag des französischen Ingenieurs Michel Virlogeux, des Chefs der französischen Straßen- und Brückenverwaltung, gerühmt. Nur drei Jahre hat der Bau der 2,4 Kilometer langen Brücke gedauert. Knapp 400 Millionen Euro hat er gekostet.

Die Franzosen glauben, das Geld gut angelegt zu haben. Sie hoffen, daß das Städtchen Millau damit aus den Staumeldungen verschwindet. Gerade in den Urlaubermonaten Juli und August ärgern sich die Autofahrer auf dem Weg nach Spanien oder an die französische Mittelmeerküste seit langem darüber, hier die Autobahn verlassen und sich durch enge Talstraßen quälen zu müssen. Die auf sieben riesigen Pfeilern lagernde Brücke verkürzt die Strecke nun um 100 Kilometer. Die Fahrt über die Brücke kann in Minuten bewältigt werden. Dagegen konnte die Talfahrt früher Stunden dauern.

Überfahrt ist kostenpflichtig

Die Autofahrer wählen diese Route gerne, weil die A75 zwischen Clermont-Ferrand und Beziers auf 300 Kilometern kostenlos ist. Das wird freilich nicht so bleiben, denn die Überfahrt über die Brücke wird künftig 4,90 Euro, im Juli und im August 6,50 Euro kosten. Lastwagen bezahlen 24,30 Euro. Die Firma Eiffage hat vom französischen Staat eine Konzession für den Betrieb der Brücke für 75 Jahre erhalten. Dafür hat das Unternehmen den Bau mit privaten Mitteln finanziert. Der Staat kann das Bauwerk auch schon im Jahr 2044 wieder übernehmen, wenn die Benutzung und der Umsatz besonders groß sind. Eiffage rechnet damit, daß im Jahresdurchschnitt rund 10000 Autos pro Tag über die Brücke fahren (in den Sommermonaten 25000) und hofft, daß die Baukosten schon 2014 ausgeglichen sind.

Nur der Staat spielt nicht ganz mit. Wer nach der Brücke die Fahrt Richtung Süden fortsetzt, merkt bald, daß mehrere Teilstücke der A75 zwischen Millau und Beziers (bei Montpellier) noch nicht fertiggestellt sind. Damit ist der Anschluß an die A9 für die Weiterfahrt nach Spanien noch nicht so flüssig, wie er sein könnte. Die Anwohner der anderen Nadelöhre befürchten, daß die Stauungen nun einfach weiter nach Süden verlegt wurden.

Brücken-Touristen sollen Stau-Kunden ersetzen

In Millau dagegen herrscht große Freude über das spektakuläre Bauwerk, nicht nur weil sich im Sommer keine Blechwelle mehr durch den Ort zieht. In den vergangenen zweieinhalb Jahren sind eine halbe Million zusätzlicher Touristen in die Region gelockt worden, die durch Roquefort-Käse und Handschuh-Produktion bekannt ist. Vor fünf Jahren hat das rund 200.00 Einwohner zählende Städtchen Millau zudem internationale Berühmtheit erlangt, als dort Globalisierungs-Gegner ein McDonald's-Restaurant verwüsteten. Der aktuelle Betreiber will weitermachen. Er erwartet zwar einen Rückgang der Besucher, doch er glaubt, daß Anwohner und Brücken-Touristen die genervten Stau-Kunden ersetzen werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Dezember 2004
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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Paris.

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