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Sexuelle Belästigung : Übergriffe auf dem Campus

  • -Aktualisiert am

Kein Einzelfall: Laut Umfragen wird mindestens jede fünfte Studentin an ihrer Universität sexuell belästigt. Bild: Martin Franke

Eine Studentin, die an der Frankfurter Universität von einem Dozenten belästigt wird, bemüht sich um Hilfe. Doch stattdessen hört sie eine Drohung.

          A. plante ein Praktikum in Asien, ihr Dozent wollte bei einem Abendessen einen Kontakt vermitteln, eine Professorin aus Fernost war eingeladen. Es fand ein Treffen in der Wohnung des Dozenten statt, nur er und die Professorin waren noch anwesend. Ihr Dozent schenkte immer wieder Wein nach. Es sei unhöflich gegenüber der ausländischen Wissenschaftlerin, wenn A. nichts trinke, insistierte er. Dann verabschiedete sich die Professorin. A. wollte auch gehen, der Dozent bat sie, ihm noch beim Abspülen zu helfen. Das wollte sie auf keinen Fall. „Aber weil er mein Dozent war, konnte ich nicht nein sagen.“

          So betrunken, wie sie war, habe er dann ausgeführt, könne sie nicht mehr nach Hause gehen. Stattdessen könnte sie auf dem Sofa schlafen – oder auch in seinem Bett. Dass sie keinen Schlafanzug dabeihabe, mache ihm nichts aus. A. ging rückwärts aus der Wohnung und lief zur U-Bahn.

          Nach diesem Abend wäre sie am liebsten nicht mehr ins Seminar gegangen. A. studiert ein sozialwissenschaftliches Fach und kann gut mit Worten umgehen. Dennoch fand sie zunächst keine Worte für das Verhalten ihres Dozenten. Der Seminarleiter bot allen Studenten das Du an, organisierte Kneipenabende, galt als engagiert und gab den Kumpel. Gleichzeitig bewertete er schriftliche Aufgaben. Dunkelhaarigen Studentinnen wie A. schenkte er besondere Aufmerksamkeit. Er fragte sie über ihr Privatleben aus. „Ich hatte immer das Gefühl, dass die anderen im Seminar merken, dass er mich bevorzugt.“ Ihrem Freund erzählte A. aus Scham nichts. „Ich habe versucht, das zu verdrängen.“

          Verhalten in der Grauzone

          Repräsentative Umfragen zeigen, dass mindestens jede fünfte Studentin an ihrer Uni sexuell belästigt wird. Das liege am Machtgefälle zwischen Dozenten und Studenten, sagt Julia Becker, Professorin am Institut für Psychologie der Universität Osnabrück. „Sexuelle Belästigung beginnt ganz subtil und unterschwellig, sie ist oft nicht als solche erkennbar.“ Professoren lobten eine Studentin für ihre Klugheit, schmeichelten ihr oder möchten ihre herausragende Arbeit in einem Café besprechen. Für Studentinnen, die an einem kritischen Feedback interessiert sind, sei das ein ambivalentes Angebot. Sie freuten sich über die positive Einschätzung.

          Gleichzeitig sei merkwürdig für sie, wenn sie mehr Aufmerksamkeit als andere Studenten bekommen. „Studentinnen wollen und brauchen exzellente Noten, da fällt es schwer, ein Gesprächsangebot auszuschlagen und einen Professor in die Schranken zu weisen, wenn er ihnen im ersten Gespräch ungewöhnlich nah kommt“, sagt Becker. Oft bewunderten sie ihn, und die besondere Aufmerksamkeit sei positiv – sofern sie dem professionellen Feedback diene. „Wird eine Frau angefasst oder vergewaltigt, kann sie relativ eindeutig sagen, was passiert ist, und strafrechtlich gegen den Täter vorgehen. Wenn sich das Täterverhalten jedoch in der Grauzone befindet, kann er sich herausreden, sagen, dass er es nicht so gemeint habe, dass er ihre wissenschaftliche Karriere nur fördern wollte.“

          Auf der Exkursion wurde der Dozent übergriffig

          A. hatte Schwierigkeiten in dieser Grauzone. Sie dachte, dass sie mit Distanz zum Dozenten das Seminar ohne weitere Zwischenfälle hätte abschließen können. Sie brauchte den Schein und war an dem Thema interessiert. Auch wollte sie sich die Exkursion über eine Woche nicht entgehen lassen. Also kam sie mit nach Asien. Dort wurde der Dozent übergriffig. Sie unterhielt sich gerade mit einem Kommilitonen über ihre Beziehung zu ihrem Freund und erzählte, dass sie bei Diskussionen manchmal leidenschaftlich sei, als sich der Dozent von hinten näherte, die Jacke über ihre Schulter schlug und fragte: „Bist du auch im Bett so leidenschaftlich?“

          Er nahm sie immer wieder in den Arm, packte sie an die Hüfte und zog sie zu sich heran. Sie sagte ihm, dass sie das nicht wolle. Er machte aber weiter. In der Wohnung, die sich die Studenten mit ihrem Dozenten teilten, lief der Dozent nur mit Handtuch bekleidet herum. Auf dem Rückflug, für den der Dozent die Sitzplätze aller Teilnehmer auswählte, saß er neben ihr und fasste ihr an die Innenseite des Oberschenkels.

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