Vor gut zehn Jahren saß Franka Potente im Berliner Hotel Adlon und blätterte durch Alben mit Fotos, die sie während der Dreharbeiten zu den Filmen „Blow“ mit Johnny Depp und „The Bourne Identity“ mit Matt Damon gemacht hatte. Man sah sie mit ihren Filmpartnern am Strand und bei Gala-Veranstaltungen in Los Angeles, so ein Fotoalbum hat nicht jeder. Doch von dem „Hollywood-Durchbruch“, zu dem man ihr rechts und links gratulierte, schien sie damals nichts wissen zu wollen. Dieser Hype sei weitgehend ein „Trugschluss“, sagte sie, und: „Ich habe noch immer kein Häuschen in L.A. und werde das auch mit Sicherheit nie haben. Das ist eine so grauenhafte Stadt - schrecklich!“
Nun sitzt Franka Potente im Intercontinental-Hotel in Los Angeles. Eben hat sie in einer Pressekonferenz zu der Fernsehserie „American Horror Story“, in der sie zu sehen ist, einer internationalen Journalistenschar Rede und Antwort gestanden. Und mittlerweile hat sie nicht nur ein Häuschen in L.A., sondern auch einen amerikanischen Ehemann und eine bald zweijährige Tochter, die sie in Los Angeles großzieht. „Naja“, sagt sie, ein zurückhaltendes Lächeln auf dem Gesicht, „es ist ja inzwischen viel Wasser den Bach runtergegangen. Und der Ort, an dem ich bleiben will, ist ja erst mal ein Mensch.“
Verheiratet, eine Tochter
Derek Richardson heißt der, er ist ebenfalls Schauspieler - er hat eine Dauerrolle in Charlie Sheens neuer Sitcom „Anger Management“ - und zwei Jahre jünger als sie. Die beiden lernten sich 2009 bei den Dreharbeiten zu „Dr. House“ kennen. Seit dem vergangenen Sommer sind sie verheiratet, Töchterchen Polly kam im April 2011 zur Welt. „Mein Mann spricht kein Deutsch, wir sind beide Schauspieler, also bleiben wir hier, ganz einfach“, sagt Franka Potente. Zu Hause sei da, wo Herz und Familie sind, und das sei jetzt eben L.A.
„Ich lebe hier seit drei Jahren ganz normalen Alltag“, sagt Potente. „Mit Familie ist man ganz schnell in der Community eingebunden, da hast du dein Leben, deinen Rhythmus.“ Sie grinst und fügt im Dialekt ihrer letzten Wahlheimat Berlin zu: „Ich habe heute morgen um acht Uhr Tische uffjebaut im Kindergarten, weil die Halloween jefeiert haben.“
Durch Berlin war Potente in „Lola rennt“ gehetzt, der Film hatte sie zum Star gemacht, hier begann ihre Beziehung zum Regisseur Tom Tykwer. Sie sei, sagte sie, als wir sie im vergangenen Jahr zu einem Gespräch trafen, ein Stadtmensch. Einmal habe sie versucht, in Spanien auf dem Land zu leben, „das hat überhaupt nicht funktioniert. Leben möchte ich städtisch.“ Insofern ist Los Angeles als Wohnort gar nicht so verkehrt.
Ein Band mit Kurzgeschichten
Neben der Gastrolle in „American Horror Story“ hat sie ein festes Engagement in der Serie „Copper“, die im New York um 1860 spielt und in Toronto produziert wird. Und dann ist da noch ihre andere Passion, die Schriftstellerei: „Ich mag das tiefe Freiheitsgefühl bei der Arbeit - ich sitze da, und es passiert, was ich will.“ Sie hat einen Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht und schreibt an einem Roman „über einen Mann Mitte Vierzig in Los Angeles“, mehr will sie nicht sagen. Kommendes Jahr ist Abgabetermin. „Ganz ehrlich, in der Schauspielerei habe ich weit mehr erreicht, als ich mir am Anfang wünschen oder vorstellen konnte“, sagte sie im vergangenen Jahr. „Ich muss jetzt nicht noch einen Oscar gewinnen, wird wohl auch nicht passieren.“
Als „Lola rennt“ 1999 den Publikumspreis beim Sundance-Festival gewann, blitzte Potente auf dem Hollywood-Radar auf. „Ich konnte unter den Agenten, die da angerannt kamen, auswählen“, erinnert sie sich. „Der Agent besorgt dir einen Manager, und so läuft das dann.“ Plötzlich war sie drin im „dem Members-Only-Club, der Hollywood eigentlich ist“. Es folgten die Dreharbeiten mit Depp zu „Blow“, bei denen sie sich nach der Kuss-Szene erstmal einen Jägermeister genehmigte. Dann der Dreh mit Damon zu „The Bourne Identity“ in Berlin, wo sie mit dem Amerikaner heimlich Nutella löffelte, um sich über das rigorose Fitnessregime des Films hinwegzutrösten. Und es gab die Beziehung mit Elijah Wood, der damals dank der „Herr der Ringe“-Trilogie zu Hollywoods Topstars zählte.
L.A., abseits der Entertainment-Industrie
Doch im Jahr 2004 zog sie nach Berlin zurück, „weil ich dachte, oh Gott, ich kann es hier nicht aushalten“. Potente schlägt die Beine übereinander. Unter ihrem T-Shirt schauen die Tätowierungen auf ihren Armen hervor, das schwarz gefärbte Haar fällt ihr ins Gesicht. Sie fällt aus dem Rahmen in dieser Stadt, sie sieht noch immer nach Berlin aus, nicht nach Los Angeles. „Aber es ist ja einfach, L.A. Scheiße zu finden“, sagt sie über die Stadt, in der jeder Kellner eigentlich Schauspieler ist und jede zweite Unterhaltung ein Verkaufsgespräch. Natürlich, sagt sie, nerve es, „dass die Leute hier zum Teil so überzogen sind, dass einem alles ins Gesicht klatscht und um die Ohren fliegt. Aber es gibt auch die anderen Teile.“
Die hat ihr Derek Richardson zugänglich gemacht, „der ist nicht so’n Typ“. Keiner von den Blendern, den Aufschneidern, der In-Crowd, soll das wohl heißen, von der sie sich damals ein bisschen überwältigt fühlte. Auf jeden Fall hat sie inzwischen noch ein anderes L.A. abseits der Entertainment-Industrie mit ihren Glücksrittern und Deal-Machern entdeckt. „Es gibt spannende Architektur, Downtown ist toll, du kannst hier auf Weltklasse-Niveau essen gehen.“
Der Mercedes ist in Deutschland geblieben
Essen und Reisen seien die Luxusgüter, die sie sich leiste, sagt Potente. (Der Mercedes 500 SL, den sie sich vom „Bourne“-Bonus geleistet und „sehr geliebt hat“, ist in Deutschland geblieben.) Auch in der Hinsicht fällt sie ein bisschen aus dem Rahmen. Lust aufs Essen ist so eine Sache in Los Angeles - man spricht darüber, aber man zeigt es nicht, jedenfalls nicht öffentlich. Potente ist gertenschlank, aber keine dieser bleistiftdürren Frauen, die noch in ihren Vierzigern die Figur einer Elfjährigen pflegen. „Eigentlich ist das ja niedlich“, sagt sie, „ich habe immer den Eindruck, dass die Leute hier Serien wie ,Mad Men’ faszinierend finden, weil’s da kurvige Frauen gibt, die rauchen. Das hat hier so was Verbotenes, fast obszön!“ Über solche kulturellen Unterschiede sinniert Potente nicht erst seit drei Jahren. Ihre Verbindung zu Amerika reicht viel weiter zurück: Mitte der Neunziger studierte sie in New York Schauspielerei, bereits mit siebzehn verbrachte sie ein Austauschjahr in Texas.
In Amerika nehme sie sich heute nicht mehr als Außenseiterin wahr, sagt Franka Potente. Sie hat sich, nach einigem Widerstand, sogar ein wenig den unvermeidlichen amerikanischen Smalltalk angewöhnt. „Mein Mann sagt immer: ,Mensch, bravo!’, wenn ich dann mal im ,Whole Foods’-Supermarkt an der Kasse das Plaudern anfange: ,Na, wie geht’s? Ja, das Wetter . . .’“ Sie prustet vergnügt. „Ich bin dann auch immer ganz stolz auf mich, dass ich das so gut hinkriege. Aber wenn man ein Kind hat, kann man sich da nicht steif machen.“
„Bierbeißl“ in Beverly-Hills
Als sie mit ihrem Mann nach Berlin kam, musste der wiederum mit der deutschen Verschlossenheit Bekanntschaft machen. „Der ist in Berlin in den Park gelaufen und hat alle gegrüßt. Die haben ihn nur angeguckt“, sagt sie grinsend. „Ich hab’ ihm gesagt, das darfste hier nicht machen. Aber die Amis finden das ja lustig, die haben einen echt guten Humor mit so was.“
Wird denn für Polly zumindest ein Stück deutscher Kulturgutpflege betrieben? „Struwwelpeter“ wird das Kind so bald nicht kennenlernen, und auch „Max und Moritz“ steht erstmal nicht im Regal. „Wie soll ich einem Kind erklären, dass da einem die Daumen mit einer großen Schere abgeschnitten werden?“, empört sie sich. „Ich fand den ,Struwwelpeter’ immer unheimlich. Oder dass da einer durch den Fleischwolf gedreht wird . . . Später vielleicht. Sie ist ja noch so klein, da weiß man gar nicht, was solche Bilder machen - wahrscheinlich versteht sie das gar nicht.“
Das wichtigste Kulturgut ist für Potente das Brot. „Beim Brot läuft’s für mich zusammen“, sagt sie und zählt direkt ihre Entdeckungen auf. „In Beverly Hills gibt es das ,Bierbeißl’ mit österreichischer Küche. Aber das ,Red Lion’ in Echo Park ist noch besser. Deren Bäckerei hat ein Vollkornbrot, so richtig schön schwer.“ Einmal, berichtet sie, wollte man ihr ein gefärbtes Weißbrot mit neun verschiedenen Körnersorten als Vollkornbrot andrehen. Da sei es mit ihr durchgegangen: „Das ist doch kein Vollkornbrot! Kommen Sie mal nach Deutschland - da haben wir dreißig oder vierzig verschiedene Sorten Vollkornbrot!“ Sie lacht. Manchmal sieht man ja erst im Ausland, wie deutsch man eigentlich ist.