23.06.2007 · Ein Ingenieur hat seiner Katze eine Mini-Kamera umgehängt. Sie schießt alle 1,5 Minuten ein Foto - und verrät so, was die Tiere den lieben Tag lang machen.
Von Katrin HummelWenn Mr. Lee wüsste, dass sein Privatleben seit neuestem sehr öffentlich ist und sogar Thema in den kanadischen Abendnachrichten war, würde er sicherlich nur noch zu Hause herumliegen. Aber er weiß das nicht, und daran wird sich bei aller Indiskretion seines Herrchens Jürgen Perthold auch niemals etwas ändern. Denn Mr. Lee ist ein Kater. Ein Kater, der seit neuestem einen Fotoapparat um den Hals trägt, mit welchem er alle anderthalb Minuten ein Foto schießt - ob er will oder nicht.
Die Catcam-Erfindung des in Amerika lebenden Entwicklungsingenieurs Perthold kann man lächerlich nennen oder bahnbrechend, man kann sie als belanglos bezeichnen oder als künstlerisch wertvoll. Wofür man sich entscheidet, das hat viel damit zu tun, ob man Katzen liebt oder nicht - und ob man selbst eine hat. Denn weil die Catcam von Mr. Lee offenbart, was der Kater treibt, wenn er nicht zu Hause ist, gibt sie die Antwort auf eine Frage, die sich nur ein kleiner Teil der Menschheit überhaupt stellt.
„Schönes Leben den ganzen Tag über“
So wie die Pertholds eben. „Ich hab mich mit meiner Frau darüber unterhalten, was er wohl macht, wenn er morgens geht“, erzählt Perthold über seine Motivation, die Kamera zu entwickeln. „Er hat ein schönes Leben den ganzen Tag über, und keiner weiß, was er eigentlich erlebt. Wenn er dann zurückkommt und Kratzer hat, fragt man sich natürlich: Wo hat er die her? Wir haben schon gewitzelt, vielleicht war das seine Geliebte, die ihn gekratzt hat?“
Seit Mr. Lee mit der Kamera herumläuft und sein Herrchen die Fotos allabendlich ins Netz stellt, vergeht kein Tag, an dem Perthold nicht zahllose Mails aus aller Welt erhält. „Danke, danke. Ich fühle mich nicht länger alleine mit meinem Wunsch, meinen Kater den ganzen Tag zu beobachten. Und mein Mann hat mich immer ausgelacht“, schreibt etwa eine Frau aus Deutschland. Eine Katzenbesitzerin aus Amerika schreibt: „Eine gute Freundin von mir könnte die Kamera benutzen, um ihren betrügerischen Ehemann zu bespitzeln - arme Chantelle, hat einen herumstreunenden Kater geheiratet.“ Eine dritte Katzenbesitzerin ist verhaltener: „Wir leben auf dem Land - wahrscheinlich würde ich nur Gras, Gras, Gras, Erdhörnchen, Gras, Gras, Sofakissen, Gras, Maus, Kopfkissen und Gras sehen.“
Höhepunkt der drei Touren
Mr. Lee bringt da wirklich interessantere Aufnahmen nach Hause - selbst für die Augen von Nicht-Katzenbesitzern. Man sieht, wie er durch Wald und Wiesen läuft, Vogelnester beobachtet und mit anderen Katzen unter Autos herumhängt. Die Aufnahmen sind erstaunlich gut; manche von ihnen sehen aufgrund ihrer ungewöhnlichen Perspektive und Beleuchtung sogar aus, als könnten sie problemlos in irgendwelchen avantgardistischen Fotogalerien hängen.
Höhepunkt der drei Touren, die Perthold bislang online gestellt hat, sind zweifelsfrei die Aufnahmen, auf denen Mr. Lee eine Katzendame umschwärmt, die hinter einem unüberwindbaren Zaun posiert. Als dann noch ein schwarz-weiß gemusterter Rivale auftaucht und Mr. Lee drohend fixiert, sucht dieser das Weite. Eine Userin fand die Aufnahmen, die unter http:// www.mr-lee-catcam.de einzusehen sind, sogar so spannend, dass sie sie ihren Stubenkatzen gezeigt hat. Die hätten sich richtig gefreut, behauptet sie.
Zuerst mehrere Prototypen entwickelt
Die Kamera zu bauen war eine echte Herausforderung für Perthold, der wahrlich kein ungeübter Entwickler ist; einen Tacho für einen Roller etwa hat er schon erfunden. Für die Catcam hat er zuerst mehrere Prototypen entwickelt, denn es galt, zahlreiche Herausforderungen zu meistern: Der Apparat musste regelmäßig Fotos machen, durfte aber nicht ständig angeschaltet sein, um nicht zu viel Strom zu verbrauchen. Er musste sich zuverlässig am Hals der Katze befestigen lassen. Und er musste wasserdicht sein. Nachdem Mr. Lee bei seinem ersten Kamera-Ausgang ein Testgehäuse verloren hatte, beim zweiten - die Kamera steckte diesmal in der Hülle eines Überraschungseis - eine „total verdreckte, zerkratzte, feuchte und mit Katzenhaaren verklebte“ Testkapsel zurückgebracht hatte, zerschnitt Perthold beim dritten Versuch den Kunststoffdeckel eines Katzenstreubehälters, klebte die Teile mit Heißkleber zusammen und legte eine echte Kamera hinein.
Der Testlauf funktionierte diesmal einwandfrei, und Familie Perthold saß am Abend staunend vor dem Rechner: „Ich wusste vorher gar nicht, dass er Freunde hatte. Wenn man sich die Bilder anschaut, ist das eher ein soziales Umfeld, die liegen dann zusammen, bewachen das Vogelhaus“, erzählt Perthold und fasst zusammen: „Er eröffnet uns einen Blick in seine Welt.“
Katrin Hummel Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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