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Sonntag, 19. Februar 2012
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Fotografie Die vielen Farben der Türkei

05.06.2008 ·  Der junge Fotograf Atilla Durak suchte die kulturelle Vielfalt der Türkei. Jahrelang durchstreifte er das Land, lebte mit den Menschen, aß ihr Essen, feierte ihre Feste. Er fand kein Mosaik, sondern ein fließendes Muster: „Ebru“.

Von Rainer Hermann, Istanbul
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Lässig und selbstbewusst lehnt die Frau an der Tür ihres Hauses. Sie sieht den Betrachter an, als wolle sie ihn einladen: Willkommen in meinem Heim! Willkommen in der Türkei, irgendwo im Nordosten Anatoliens. Ist sie Türkin? Nach ihrer Staatsangehörigkeit gewiss. Wer aber ist sie wirklich? Ihr Gesicht verrät nichts. Sie ist nur sie selbst. Der türkische Fotograf Attila Durak fand sie in der Gemeinde Camlihemsin, kurz vor der Berglandschaft des Kaukasus. Hemsinli ist sie und gehört einer muslimischen Volksgruppe an, die noch die christlichen Feste feiert. Ihre Mitglieder verstehen sich als Türken, sprechen aber Armenisch. Die einen Hemsinli sind Armenier, die anderen aber Türken, die lange mit Armeniern zusammenlebten.

Mit dem Bild der jungen Frau lädt Attila Durak zu einer Entdeckungsreise durch die Türkei ein. Jahre durchstreifte er die Türkei, lebte mit den Menschen, aß ihr Essen, feierte ihre Feste. Am Ende entstand ein Buch mit 320 Porträts – mit der jungen Frau aus Camlihemsin auf der Titelseite. 173 seiner Bilder schickte Attila Durak auf Reisen. Erst stellte er sie in Istanbul und zehn weiteren Städten aus. Vom 7. Oktober an ist die Ausstellung in Frankfurt zu sehen. Das Kulturministerium der Republik wählte Durak und seine Fotos aus, um die Türkei zu repräsentieren. Danach gehen die Fotos auf Welttournee.

„Weshalb sollen sie die anderen sein?“

Duraks Thema ist die Vielfalt der Türkei. Auf seinen Fotos stellt er 44 unterschiedliche ethnische und religiöse Gruppen vor, einige bekannte und viele wenig bekannte. „Vielleicht leben auch 50 verschiedene Gruppen in der Türkei.“ 26 Sprachen sprechen sie. Immer fragte er die Menschen, mit denen er lebte, als was sie sich verstehen. Ihre Antworten notierte er. Von sich selbst weiß er nur, dass er türkischer Staatsbürger ist und in der Provinzhauptstadt Gümüshane im Nordosten der Türkei geboren wurde. Nicht immer war das ein Armenhaus. Früher, als in den Bergwerken das Silber (gümüs) für den osmanischen Sultan gewonnen wurde, war die Stadt reich. Damals wohnten natürlich Türken hier, aber auch Armenier, Juden, pontische und byzantinische Griechen. Damals war Gümüshane eine der größten Städte des Osmanischen Reichs. Erst versiegte das Silber, dann machte die Republik alle zu Türken.

Als Kind habe er noch in verfallenen Kirchen gespielt, erinnert sich Durak. Den Ruinen habe er damals weiteren Schaden zugefügt. Vorwurfsvoll fragt er heute seine Mutter, wo denn die Kirchen von damals geblieben seien, und er fragt sie, weshalb sie ihn denn bestraft habe, als er Äpfel aus dem Nachbargarten gegessen, aber nicht, als er die Kirchen weiter zerstört habe. Von Gümüshane brach Attila Durak nach Ankara auf. Dort studierte er an der renommierten Middle East Technical University Volkswirtschaftslehre.

Zunehmend beunruhigte ihn, dass es gebetsmühlenhaft hieß, die Kurden, die Armenier und die Aleviten – sie seien „andere“. „Weshalb sollen sie denn die anderen sein?“, will er noch immer wissen. Weshalb gehören sie nicht dazu, weshalb sind sie nicht gleichwertig? Als 1993 in Sivas der fanatisierte sunnitische Pöbel alevitische Künstler in einem Hotel verbrannte, beschloss er, sich dem Thema des „Anderen“ zuzuwenden. Er ging nach New York, sah, wie dort viele Kulturen friedlich zusammenlebten und keine einen Monopolanspruch erhob, und er erlernte das Handwerk der Photographie. Zurück in der Türkei, machte er sich auf seine lange Reise durch Anatolien.

Auf dem Papier entstehen immer neue Bilder

„Ebru“ nennt er Bildband und Ausstellung. Den Begriff Mosaik, den viele gerne für die Beschreibung der Vielfalt der Türkei verwenden, die verlorenzugehen droht, diesen Begriff mag er nicht. Das Mosaik ergebe viele Steine, die reglos sind und sich nicht verändern, die durch Zement voneinander getrennt sind und getrennt bleiben. Als Analogie zieht Durak den Begriff „Ebru“ vor. Populär wurde die Kunstform „Ebru“ unter den Osmanen. Der Künstler gibt in einen flüssigen dunklen Grundton andere Farben hinzu.

Die Farben vermischen sich nicht, heben sich nicht gegenseitig auf, zerstören sich nicht. Es entsteht kein „melting pot“. Die Farben berühren einander aber und bleiben nicht voneinander getrennt. Und so entstehen auf dem Papier immer neue Bilder. „Auf diese Art schufen die vielen Völker, die in den vergangenen Jahrtausenden in Anatolien lebten oder hier durchzogen, durch ihre gegenseitige Beeinflussung immer neue Kulturen.“

Die Volksgruppen übernahmen Elemente voneinander, gaben ihre Identität aber nicht auf. Anatolien war „Ebru“, bis der Nationalismus auch die Türkei erfasste und „Die Türkei den Türken“ zum Leitspruch der Republik wurde. Funktioniert habe das aber nicht, sagt Durak über die vergangenen Jahrzehnte der Republik. Die Geschichte der Türkei ist ein Aufbegehren gegen den Druck zur Assimilation. „‚Ebru’ ist natürlich, nicht der Nationalismus“, sagt Durak.

Durak fotografierte Sunniten, Aleviten und Christen

Duraks Fotos sind keine Schnellschüsse, und sie zeigen die Menschen nicht in staatsmännischer Pose. Sie sind im alltäglichen Leben der Menschen entstanden und zeigen sie in vertrautem Umgang miteinander. Mit den nomadisierenden Yörük-Stämmen, Turkmenen also, und ihren Herden zog er über die Berge des Taurus. Am Schwarzen Meer war er bei der Falkenjagd der Lasen dabei. Bei den Hemsinli und den Armeniern des Dorfes Vakifli feierte er 98 Tage nach Ostern das Fest „Vartavar“, das dem Wasser geweiht ist.

Durak fotografierte Sunniten, Aleviten und Christen, die mit erhobenen Händen beten. Er tanzte mit Türken, Armeniern und Lasen die gleichen Tänze. Er sang mit Armeniern, Kurden und Türken das Lied „Sari gelin“ (Blonde Braut), das jeder in seiner Sprache singt. Er hörte ein Lied, dessen Original vier Sprachen enthält. Er war mit Aleviten, Sunniten, selbst Christen, als sie den alten schamanistischen Brauch der Türken aus Zentralasien pflegten, zur Erfüllung eines Wunsches ein Stofffetzen an einen Baum zu binden.

Wenn er diese Fotos heute zeigt, ob in Antalya oder Bursa, Kars oder Mersin, Samsun oder Van, reagierten die Menschen ausgesprochen glücklich, sagt Durak. Die einen freuen sich, weil sie sich und ihre Gruppe wiedererkennen. Die anderen danken ihm, dass er sie und die Türkei daran erinnert hat, wie farbig die Türkei ist und dass der Begriff „Türke“ viele Bedeutungen hat.

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