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Foto-Handys Jeder ein Reporter: Der Boom der Foto-Handys

06.07.2003 ·  Foto-Handys könnten die Kommunikation revolutionieren - oder zur unkontrollierbaren Plage werden. Während sich im Internet immer mehr Handy-Fotoalben finden, warnen Verbraucherschützer vorm Mißbrauch der Geräte.

Von Jörg Thomann
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Es wird so sein wie stets, wenn jemand gute Absichten hat: Die Aufforderung, etwas nicht zu tun, wird etliche Leute zu etwas animieren, was sie ohne die Mahnung überhaupt nicht in Betracht gezogen hätten. So hat jetzt der Bundesverband Deutscher Schwimmeister (BDS) die Badeanstalten dazu aufgefordert, etwas gegen Spanner zu unternehmen, die arglose Mitschwimmer heimlich beim Umkleiden oder Duschen fotografieren - mit ihrem Mobiltelefon. Konkrete Fälle allerdings, so teilt der BDS mit, seien bislang nicht bekannt. Zu erwarten ist, daß sich das nun bald ändern wird.

Auch ohne den Anschub durch die Bademeister aber wäre der Siegeszug der „Phone-Cams“ nicht aufzuhalten gewesen. Die Telefone, mit denen man Fotos schießen und verschicken kann, werden in der Werbung als neueste Statussymbole kommunikationsfreudiger junger Menschen verkauft - und zwar sehr gut. Das Marktforschungsunternehmen IDC geht davon aus, daß im Jahr 2006 weltweit 151 Millionen Foto-Handys und Multimedia-Organizer unters Volk gebracht werden; bis zum Jahr 2007 soll der Markt für die Geräte um jährlich 178 Prozent anwachsen. Schon 2004, so prophezeit der Marktforscher Future Image, würden sich Foto-Handys besser verkaufen als analoge und digitale Fotoapparate zusammen.

Online-Fotoalben

Der Versand der MMS („Multimedia Messaging Service“) genannten Bildmitteilungen ist so simpel wie das Verschicken von E-Mails, und die Fotos können problemlos auch ins Internet gestellt werden. Dort lassen sie sich dann begutachten - auf Seiten, die „Phone-Cam Blogs“ oder „Mobile Phone Blogs/Moblogs“ heißen, eine Weiterentwicklung der „Weblogs“ genannten Online-Tagebücher. Deren Verfasser können ihren Freunden nun nicht nur täglich mitteilen, was sie gerade getan, sondern auch, wie sie dabei ausgesehen haben. Nicht nur in Amerika, auch hierzulande nimmt die Zahl solcher Online-Fotoalben rasant zu.

Eine nähere Begutachtung ist freilich so ernüchternd wie die Lektüre der meisten Weblogs: Viele der öffentlichen Autobiographen nämlich haben nicht nur wenig zu sagen, sondern noch weniger zu zeigen. Die Motive der Handy-Fotos zeugen von einer gewissen Wahllosigkeit; geknipst wird alles, was gerade in der Nähe ist: ein Pappbecher mit Kaffee, ein Paar Schuhe, ein voller Aschenbecher, Spielzeug, Selbstporträts und immer wieder Haustiere. Die technische Revolution auf dem Handy-Markt drückt sich bislang in erster Linie darin aus, daß das Internet zur größten Hunde- und Katzen-Schau der Welt avanciert.

Lunch mit Daddy

So beruhigend es sein mag, daß der Alltag vieler Moblogger ebenso langweilig ist wie der eigene, so enttäuschend ist doch deren geringe Kreativität. Möchte man wirklich zwei unbekannten kleinen Kindern beim Plätzchenbacken oder beim „Lunch mit Daddy“ zuschauen, eine Nahaufnahme von „Danny's T-Shirt“ betrachten oder sich durch 36 hoffnungslos unterbelichtete Bilder klicken, die angeblich ein Sommerfest in Milwaukee zeigen? Offensichtlich wird hier das Regime des Ästhetischen in der Fotokunst beendet. Im Reich der Moblogger herrscht wahre Demokratie: Alles, wirklich alles darf aufs Bild.

Bislang wäre das Ästhetische auch chancenlos. Verbrauchertest finden derzeit wenig freundliche Worte für die Handys, deren meist ohne Blitz und in grober Auflösung erzeugte Fotos als „überaus schlecht“ („Computerfoto“) oder maximal „ausreichend“ („Computer-Bild“) eingestuft werden. Einen Teil dazu tragen die Fotografen selbst bei, indem sie sich mutwillig in jenes Stadium ihrer Entwicklung zurückbegeben, in dem sich ihre Kameras befinden, und uns etwa die Bilderstrecke eines „Milchwettsaufens“ vorsetzen; einer der ersten Versuche immerhin, durch die Telefon-Fotos im Web eine Geschichte zu erzählen, wenn auch eine eklige.

Jeder ein Reporter

Das aber sind nur kuriose Verirrungen aus der Steinzeit eines Geräts, das unser modernes Leben radikal verändern könnte. „Jeder ist ein eingebetteter Reporter“, schwärmt das Magazin „Wired“ von einer nahen Zukunft, in der jeder Bürger stets ein Mobiltelefon mit eingebauter Kamera mit sich herumtragen könnte. Jeder Handtaschendieb würde künftig von wachsamen Zeugen verewigt, jeder Prominente von privaten Paparazzi gejagt, jede Katastrophe von so vielen Amateurfotografen abgelichtet, daß die professionellen Medien sich vor Bild-Angeboten kaum retten könnten, jedes vermeintlich exklusive Großereignis sekundenschnell in der ganzen Welt verbreitet. Es sei denn, man nimmt den Besuchern von Konzerten oder Sportveranstaltungen am Eingangstor die Telefone ab.

Tatsächlich könnten sich die Phonecams nicht nur als Segen der Kommunikation, sondern als wirkliche Plage erweisen. In Australien hat man Foto-Handys in der Nähe von Justizgebäuden verboten, nachdem ein Angeklagter im Gerichtssaal geknipst worden war. In Japan beschweren sich Kioskbetreiber darüber, daß vermeintliche Kunden einzelne Zeitschriftenartikel fotografierten, statt das komplette Heft zu kaufen. In Saudi-Arabien dürfen Foto-Handys nicht mehr verkauft werden, um unkeusche Schnappschüsse von Frauen zu verhindern. Und Kinderschutzorganisationen in Großbritannien haben schon davor gewarnt, welchen Schaden die Phone-Cams in den Händen Pädophiler anrichten könnten.

Das Recht am Bild

Kaum weniger dringlich ist die Frage, wie in einer Welt voller Foto-Handys das Recht am eigenen Bild geschützt werden kann. Mit dem Mobiltelefon können Menschen so unauffällig fotografiert werden, daß sie es schwerlich merken, und wenn ihre Abbildung im Internet auftaucht, werden sie es nur durch Zufall erfahren. Auf den Vorschlag, die Geräte mit einem Warnton auszustatten, der beim Betätigen des Auslösers ertönt, werden sich die Hersteller kaum einlassen wollen.

Die meisten Moblogger aber wollen niemandem schaden, sondern allein ihr persönliches Umfeld präsentieren wie der Moblogger Gary Dann, der mitteilt: „Das ist mein Lebensjournal. Ich bin jetzt 23, und wenn ich ein alter Mann bin und alles vergesse, gehe ich zurück und schaue mir diese Dia-Show an, und vielleicht wird es eine coole Geschichte oder irgendwas.“ Es handelt sich also mehr um eine Selbstversicherung als um ein Angebot zur Kommunikation mit anderen, auch wenn der Betrachter - wie bei den meisten Foto-Seiten - zu jedem Bild einen Kommentar abgeben darf. Und wirklich haben sich auf einigen Moblog-Seiten angeregte Diskussionen entwickelt. Sie kreisen zumeist um die Frage, was auf dem unscharfen, verwackelten Foto wohl zu sehen sein mag.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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