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Fossilien Die Herrscher des Erdaltertums

23.09.2003 ·  Sie kamen aus dem Nirgendwo und bevölkerten binnen kurzer Zeit sämtliche Weltmeere. Trilobiten gehörten zu den erfolgreichsten Lebewesen aller Zeiten. Es hat ihnen nichts genutzt.

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Zu Lebzeiten von Harpes macrocephalus muß es dort, wo 380 Millionen Jahre später die Stadt Frankfurt am Main stehen sollte, ähnlich ausgesehen haben wie heute vor der Küste Thailands. Süd- und Norddeutschland lagen damals, in der erdgeschichtlichen Epoche des mittleren Devon, auf verschiedenen Kontinenten. Dazwischen schwappte ein 300 Kilometer breiter Meeresarm, der Lebensraum jenes Gliedertieres, das mit der breiten Krempe seines Kopfschildes seinem lateinischen Namen alle Ehre machte. Trotz tropischen Klimas sproß an den Küsten seines Heimatmeeres seinerzeit erst spärliches Grün. Bis die Ahnen der späteren Dinosaurier (und einer noch späteren zweibeinigen Spezies) durch die immer dichteren Schachtelhalmwälder streiften, sollten noch etliche Millionen Jahre vergehen. Kein Nachfahre dieser ersten Landwirbeltiere würde Harpes macrocephalus jemals lebend begegnen, ebensowenig wie irgend einem Abkömmling der über tausend anderen Trilobitenarten, die aus dem mittleren Devon bekannt sind.

Die Trilobiten sind trotz ihres Aussehens weder die Ahnen der Krebse noch der Käfer, sondern teilen sich mit diesen einen unbekannten gemeinsamen Vorfahren. Auch befanden sie sich, als das Leben im Devon aufs Land strebte, bereits auf dem absteigenden Ast. Ihre große Zeit lag damals schon mehr als 100 Millionen Jahre zurück. In der Jugend des Erdaltertums war die Erde der Planet der Trilobiten gewesen, allerdings nur die Ozeane, denn die Kontinente waren - bis auf winzige moosartige Gewächse, wie man seit kurzem vermutet (Nature vom 18. 9. 2003) - noch kein Teil der Biosphäre. Die Eroberung des Landes im Devon fand ohne die Trilobiten statt. In den 130 Millionen Jahren, die dieser Tierklasse bis zu ihrem vollständigen Aussterben am Ende des Perm noch blieben, haben sie selbst Süßwasser immer gemieden.

Alle Nischen genutzt

In den Ozeanen dagegen besetzten sie offenbar jede erdenkliche ökologische Nische, nicht nur in ihrem bevorzugten Lebensraum, dem sonnendurchfluteten Grund flacher Meere, sondern bis hinab in die lichtlose Tiefsee und hinaus in den offenen Ozean. Im Meer wuchsen sie aus Larven heran, im Meer häuteten sie sich und streiften dabei wiederholt ihre vielgliedrigen Panzer ab - und das Meer war ihr Grab.

Etwa 120 Kilometer westlich der heutigen Mainmetropole gab es eine Lagune, in der besonders viel feiner Kalkschlamm ihre Häutungsreste und Leichen bedeckte und so deren mal schlichte, mal pompöse, mal bizarre Formen konservierte. Die Trilobitenfelder bei Gees in der Eifel gehören zu den klassischen Fundorten versteinerter Trilobiten des Devon. Schon Alexander von Humboldt kam zum Fossiliensammeln hierher, und einer Anekdote zufolge fand er so viele, daß er Bauersfrauen, die dort auf den Feldern arbeiteten, ihre langen Wollstrümpfe abkaufte, um seine Schätze abtransportieren zu können.

Nur weniges gut erhalten

Die wenigsten davon dürften allerdings so gut erhalten gewesen sein wie die hier abgebildeten Stücke aus dem Frankfurter Senckenberg-Museum. "Das Material, mit dem wir uns hauptsächlich beschäftigen, sieht anders aus", sagt Martin Basse, Deutschlands führender Spezialist für die heimischen Trilobiten des Devon, und zieht eine jener aberhunderte Schubladen auf, die die Trilobitensammlung des Senkkenberg beherbergen - mit rund 122.000 Stücken eine der größten Europas. Die meisten davon unterscheiden sich für den Laien erst nach genauem Hinsehen von gewöhnlichen Schiefer- oder Kalksteinbrocken. Was er dann sieht, erinnert eher an einen Autofriedhof aus lauter verbeulten Kotflügeln und Motorhauben. "Vollständige Trilobiten sind selten", sagt Basse.

Dennoch muß man kein Paläontologe sein, um diese Trümmer als Fragmente von Trilobitenpanzern zu erkennen. Die charakteristische Dreiteilung längs des Leibes, die den Tieren ihren Namen (wörtlich "Dreilapper") gab, ist allen Trilobiten gemeinsam. Doch der Reichtum an Variationen dieses Grundmusters ist atemberaubend. Besondere Auffälligkeiten, - etwa die breite Krempe von Harpes macrocephalus - bestimmen häufig die Zuweisung zu einer der neun "Ordnungen" genannten Hauptgruppen (hier den Harpetiden), eine genauere Bestimmung gelingt dagegen oft nur Experten - zumal sich das Aussehen der Tiere während des Heranwachsens nicht selten änderte.

Wiederbelebung der Trilobitenforschung

Solche Bestimmungen gehörten bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein zum Alltag vieler Geologen. Bis dahin galten Trilobiten als wichtigste Leitfossilien des Erdaltertums. Bereits bei ihrem ersten Auftreten in rund 540 Millionen Jahren alten Gesteinen hatten die Trilobiten eine Verbreitung und Vielfalt erreicht, welche die jeder anderen Tierklasse des Erdaltertums übertraf. Die - geologisch gesehen - rasche Evolution ihrer Panzerformen erlaubt es, das relative Alter von Sedimentschichten anhand der darin gefundenen Trilobiten recht genau zu bestimmen. "Der Nachteil ist allerdings, daß die Formen der Trilobitenfossilien auch regional stark variieren", erklärt Martin Basse. Damit sind solche relativen Datierungen nur in der begrenzten Region möglich, in der eine Art verbreitet war. "Daher ist man heute von Trilobiten als Leitfossilien abgekommen, was dazu geführt hat, daß die Trilobitenforschung etwas eingeschlafen ist." In der Tat gibt es an den unterfinanzierten Naturkundlichen Sammlungen kaum noch Paläontologen, die sich hauptamtlich mit den Urzeitkrebsen befassen - auch am Senkkenberg nicht: Martin Basse ist Privatgelehrter und betreut die Frankfurter Trilobitensammlung ohne dort angestellt zu sein.

Dabei kann die Trilobitenkunde auf eine große Vergangenheit zurückblicken. Über hundert Jahre lang war sie eine Königsdisziplin der Paläontologie. Noch heute leistet sie wichtige Beiträge zum Verständnis der Evolution und ihrer Verknüpfung mit der übrigen Erdgeschichte. Und immer wieder gelingen ihr auch spektakuläre Entdeckungen. Wenn es momentan etwas stiller um die Trilobitenforschung geworden ist, bedeutet das hoffentlich nicht, daß ihr einmal das gleiche Schicksal droht, wie ihrem Gegenstand.

Lesetips: Martin Basse, "Eifel-Trilobiten", erster Band "Proetida" (Goldschneck-Verlag) Korb 2002 (Der zweite Band "Phacopida (1): Cheiruiden / Acasten / Asteropygen" erscheint im September 2003.), Richard Fortey, "Trilobiten!" (Verlag C. H. Beck) München 2002

Internet: http://www.aloha.net/~smgon/ordersoftrilobites. htm. Die umfassende Trilobitensite von Sam Gon aus Honolulu.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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