Till Neunhöffer, 29 Jahre alt, promoviert am Institut für Physik der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz zum Thema Hochenergie-Neutrino-Astrophysik. Er besuchte während seines Studiums ein Jahr lang die University of North Carolina in Chapel Hill. Diplomiert hat er über die Suche nach unentdeckten Elementarteilchen bei Beschleunigerexperimenten am CERN in Genf. Sie arbeiten in ihrer Promotion in einer Kollaboration zwischen vier Staaten zusammen mit amerikanischen, schwedischen, belgischen und deutschen Wissenschaftlern an einem Neutrinoteleskop.
Haben Sie das Gefühl, dass die Amerikaner den Deutschen überlegen sind?
Wenn man einen promovierten Physiker aus Deutschland und einen promovierten Physiker aus Amerika vergleicht,ist der Ausbildungsstand sehr ähnlich. Als Deutscher muss erst mal ein Diplom machen. Das dauert etwa sechs Jahre, dann kann man zumindest in der Hochenergiephysik in drei Jahren promovieren. In den USA macht man zunächst den Bachelor of Science, der vom Niveau her etwa unserem Vordiplom entspricht. Danach fängt man direkt mit einem sogenannten PhD-Programm an, das sehr viel mehr Vorlesungen enthält als unser Promotionsstudium. Das Programm dauert etwa fünf bis sechs Jahre. Dazwischen kriegt man seinen Masters. Der ist weniger als unser Diplom. Statt unserer einjährigen Diplomarbeit ist die Masters Thesis etwas Kleineres. Wenn man das zusammenzählt, kommt man bei beiden Ausbildungsgängen auf 22 Jahre Ausbildung.
Was unterscheidet die Forschungslandschaft in den Amerika und hier?
Aus meinem Blickwinkel unterscheidet es sich erstens dadurch, dass in Deutschland sehr konservativ und sehr unmutig in manchen Dingen geforscht wird. In Amerika habe ich den Eindruck , dass gilt: „Oh Klasse, wir stürzen uns jetzt auch mal auf total Neues und wenn's schiefgeht, dann geht's halt schief“. Bei den Amerikanern ist es die Idee des spielenden Kindes, das seinen Spielzeugkasten kriegt und damit ausprobiert, ohne direkt ein Ziel im Auge zu haben. Diese Idee ist für mich sehr wichtig, um ordentlich Forschung zu machen.
Das Problem ist aber, dass die Amerikaner dann gegenüber ihren eigenen Ergebnissen weniger kritisch sind. Im Gegensatz zu den Deutschen, die aus meiner Perspektive viel mehr sagen: „Wir glauben, dass das so ist und wir glauben, dass wir gute Arbeit gemacht haben, aber wir sagen auch, dass wir verschiedene Probleme gesehen haben“.
Was verursacht die Unterschiede?
Die Bewertung durch die Lehre ist in den USA sehr viel stärker als bei uns. Hier wird man über die Forschung evaluiert und dabei mehr über den Umfang seiner Publikationen als über den Inhalt. Und das macht es für einen Professor schwierig, sich frei auszuforschen. Dieses Problem ist für einen Post Doc noch größer als für einen Professor. Jemand, der Professor geworden ist, ist eher dadurch Professor geworden, dass er auf ein sicheres Pferd gesetzt hat und damit gut geritten ist, als jemand, der wild auf irgend eine Vermutung aufgesprungen ist, und von den wilden Vermutungen funktionieren nur zehn oder 20 Prozent.
Worin liegen die Unterschiede zwischen den Amerika und Deutschland während des Studiums?
Wenn man als Student hier versucht, einen Schlüssel zur Bibliothek zu kriegen, dann kriegt man große Knüppel in den Weg geworfen. In den USA sagt man: „Ich möchte gern mitmachen, oder ich bin der deutsche Austauschstudent“. Dann heißt es: „Hier ist der Schlüssel zum Gebäude, hier ist der Schlüssel zum Computerraum, hier ist ihr Schlüssel zur Bibliothek. Kommen und gehen sie, wann sie wollen, und sorgen sie dafür, dass sie hier Spaß haben und was lernen.“ Da ist die Atmosphäre sehr viel freier. Aber ein Student, der 5.000 oder 10.000 Dollar im Semester für sein Studium bezahlt, sollte natürlich auch einen besseren Zugang zu den Rechnern haben.
Das ist aber sicher auch eine Frage der Verantwortung. In Deutschland ist der Student selber verantwortlich für das, was er lernt. In den USA wird eine ganze Menge dieser Verantwortung auf die Schultern der Professoren gelegt. Das heißt, dass dort die Professoren den Studenten auch mehr auf den Fortschritt der Studenten schauen.
Ist es denn nach wie vor unabdingbar, als werdender Professor in die Vereinigten Staaten zu gehen und wäre das für Sie eine Option?
In meinem Fall ist es so, dass die Frage, ob ich in die USA gehe weniger von meiner wissenschaftlichen Karriere abhängt als mehr von meinem Umfeld. Wenn ich Professor werden wollte, dann würde das für mich bedeuten, dass ich nach meiner Promotion die Wanderjahre antreten muss. Das heißt Post Doc zwei Jahre USA, zwei Jahre Genf, zwei Jahre an einer deutschen Universität und dann kann ich mich habilitieren. Dann kann ich entweder als Privatdozent oder akademischer Rat enden. Oder ich versuche tatsächlich, irgendwo eine Professur zu kriegen.
In meinem Fall, ich bin verheiratet mit einer angehenden Ärztin, müsste sie ihren Job an den Nagel hängen. Sie kann in Amerika nicht arbeiten, ohne die amerikanische Prüfung gemacht zu haben und kann nicht erwarten in der Nähe in einem Krankenhaus in der Nähe meiner Stelle einen Job zu bekommen. Denn ich werde in Deutschland alle zwei Jahre den ort wechseln und die Stellen nehmen müssen, die ich bekommen kann. Es ist also nicht meine Entscheidung - will ich Forscher werden - sondern eine Entscheidung meiner Frau und mir - wollen wir, dass ich Forscher und sie Hausfrau wird, oder wollen wir, dass sie Ärztin wird und ich einen Job bekomme.
Würden Sie gern Physikprofessor werden?
Auf der einen Seite JA, ich würde mir die und auch das Beibringen zutrauen und ich glaube, ich würde mich als Wissenschaftler wohlfühlen. Und NEIN, aus den besagten privaten Gründen. Ich bin einfach nicht bereit, 60 bis 70 Stunden die Woche zu arbeiten ohne Garantie auf Professur. Außerdem ist mir die Hochschulpolitik zu verworren. Wer wem wann welchen Brief schreiben muss, damit etwas bewilligt wird. Das ist sehr frustrierend.
Grundsätzlich glaube ich aber, dass alle Forscher Menschen sind. Manche realisieren nicht, dass es noch etwas anderes außer dem Forschen gibt. Eigentlich sollten Professoren universelle, über die eigenen Nasenspitze hinausblickende Menschen sein. Aber dann dürfen wir keine Post Docs heranzüchten, die während einer 80 Stunden Woche verlernen, wie man ein Sektglas hält.
Dazu kommt auch, dass die Studenten sich verändern. Sie werden immer mehr zu Konsumenten, die erwarten, dass es so weitergeht wie in der Schule. Die Zivilcourage dieser Studenten ist sehr eingeschränkt. Da gibt es Konflikte: Alte Lehrstrukturen, die auf verantwortungsvolle Studenten setzen, treffen auf die Konsumentenhaltung. Viele der Universitäten setzen deswegen auf Masters-Studiengänge und Studienzeitverkürzungen. Unter dieser Veramerikanisierung leidet die selbstständige Arbeit.