03.02.2009 · Kochbücher bekommen Konkurrenz im Netz: Foodblogs boomen wie nie zuvor. Doch die Leser und Hobbyköche wollen nicht nur exklusive Rezepte erhaschen. Sie tauschen sich auch über Pleiten, Pech und Pannen aus der globalen Küche aus.
Von Anna v. MünchhausenEin Erfolg, heißt es, habe viele Väter. Dieser nicht, denn er ist eindeutig Frauen zu verdanken. Zum Beispiel Julie Powell, einer New Yorkerin, die eines Tages einfach alles satt hatte: ihren Nine-to-five-Job als Sekretärin, ihren Chef und den Alltag in ihrer unaufgeräumten Wohnung.
Ms. Powell beschloss, etwas gegen die Ödnis ihres Daseins zu unternehmen. Irgendetwas mit Kochen, irgendetwas, das ihr auf der Zunge zergehen sollte. In diesem Augenblick fiel ihr ein fleckiger, mit zahlreichen Eselsohren versehener Klassiker aus dem Kochbuchbestand ihrer Mutter in die Hände: „Mastering the Art of French Cooking“ von Julia Child, erschienen 1961. Eine Art Kochschule für die Neue Welt.
Verbrannt, geronnen, breiartig
Bloß ein paar Gerichte daraus auszuprobieren, erschien Powell zu simpel. Als Amerikanerin der Devise „Mehr - Größer - Reichlich“ verpflichtet, beschloss sie, aus dem privaten Projekt ein öffentliches zu machen. Innerhalb von 365 Tagen wollte sie - erstens - sämtliche 524 Rezepte des Buchs nachkochen, und zwar in ihrer winzigen Apartment-Küche. Zweitens nahm sie sich vor, den Verlauf des Experiments mit einem Internet-Tagebuch zu begleiten. Ein Blog war geboren.
Vorspeise: eine schlichte Kartoffelsuppe. Und tatsächlich, die „Potage Parmentier“ gelingt. Doch als die Laiin vorstößt zu Terrinen und Crêpes, wird es kompliziert. Immer wieder muss sie ihren Metzger nerven, bis der ihr Innereien besorgt. Hin und wieder wird gar ihr Ehemann spät abends noch losgeschickt, um im Laden an der Ecke ein Viertelpfund Butter zu ergattern. Oft steht das Diner à deux erst um Mitternacht auf dem Tisch, wenn überhaupt. Manches brennt an, gerinnt, geht nicht auf oder endet breiartig, was keineswegs verschwiegen wird. Und gerade die Anekdoten, die Missgeschicke sind es, die Julie Powells Blog schon vor fünf Jahren Leser in Scharen zutreiben. Im September nun soll die verfilmte Version unter dem Titel „Julie & Julia“ in die Kinos kommen, eine Art Bridget-Jones-Erzählung aus der Küche, völlig ohne Dunstabzug.
Die Geschichte zum Rezept
Das berühmt gewordene Julie-Powell-Projekt war ein Vorreiter, einzigartig blieb es nicht: Bloggen ist die Kommunikationsform der Stunde, und Foodblogs treffen den Geschmack des globalen Dorfs. Inzwischen ist ihre Zahl so gewachsen, dass sich für nahezu jeden Geschmack ein spezieller finden lässt - asiatisch, vegetarisch, regional oder überwiegend dem süßen Zahn verpflichtet (siehe Kasten). Am kulinarischen Gedankenaustausch beteiligt sich auch Molly Wizenberg aus Seattle, die über ihren Blog orangette sogar ihren Ehemann kennengelernt hat. „Ich schreibe food stories - mit Rezepten als Zugabe“, sagt Wizenberg. Die Bloggerei betrachtet die ehemalige Anthropologie-Studentin geradezu als Mission: „Ich kenne nicht viele Leute, die Spaß daran haben, irgendein Rezept zu lesen. Wenn dazu aber eine Geschichte erzählt wird, mit der sich die Leser identifizieren können oder die sie inspiriert, dann werden sie nicht nur mehr lesen wollen, sie werden auch mehr kochen.“
Weniger um Belehrung als um gutes Essen geht es Clotilde Dusoulier in Paris. Eine Zeitlang arbeitete die heute 29 Jahre alte Französin als Programmiererin in Kalifornien und war entsetzt vom Ausmaß kulinarischer Barbarei, dem sie dort ausgesetzt war. Keine flaumzarten Biskuitteige, kein vernünftiges Boeuf à la ficelle, von einer Vichysoisse ganz zu schweigen. Fünf Jahre schon betreibt sie ihren Blog namens www.chocolateandzucchini.com, der dank Banner-Werbung inzwischen sogar Geld einbringt. „Meine kulinarische Erziehung habe ich meiner Mutter und eigenem Training zu verdanken“, erzählt die Pariserin. „Ich habe aber auch mal einen Kursus in traditioneller französischer Kochkunst besucht, ein Jahr lang.“ Schokolade und Zucchini mögen zwar nicht zusammenpassen und nicht jedem schmecken, beschrieben aber genau ihren Kochstil: Das Gemüse stehe für gesunde Produkte aus der Region, Schokolade symbolisiere ihre Leidenschaft für alles Süße.
Firlefanz und Foodstyling sind strikt zu vermeiden
Gibt es ein Erfolgsrezept für Foodblogger? Einige Zutaten tauchen mit erstaunlicher Regelmäßigkeit auf. Man nehme ein ordentliches Filet-Stück von der eigenen Biographie, füge eine feine Zunge hinzu, würze mit einem Pfund Leidenschaft, gieße alles in perfektes Englisch, um weltumspannend präsent zu sein, und stelle das Ganze gut verlinkt auf eine Website - nicht ohne einen Namen, der ins Schräge, notfalls Kalauerhafte deuten darf. Mundgerecht serviert werden sollte das virtuelle Tellergericht mit prallen Nahaufnahmen. Achtung: Firlefanz, Lichtregie und Foodstyling sind dabei strikt zu vermeiden, denn manierierte Ästhetik nach Art von Hochglanz-Kochbüchern wirkt abschreckend.
Dass die meisten Foodblogger gerade keine Sterne-Köche oder Top-Stars der Gastroszene sind, trägt zum Reiz des Authentischen der Bloggerei bei. Abgegessene Teller, wie Molly Wizenberg sie gern postet, machen so recht deutlich, wie gut es wieder geschmeckt haben muss. Und es beschwert sich auch niemand bei Aran, dem in Florida lebenden Basken und Betreiber von www.canelle-vanille.blogspot.com, über die vertrocknete Rosenblüte, die er vielleicht besser doch nicht neben seine mit Erdbeercreme gefüllten Macarons hätte legen sollen.
„Echt verfressen“
Grundsätzlich aber bietet das Netz den Feinschmeckern eine ideale Gelegenheit, ihre Freizeitbeschäftigung zu professionalisieren. Der Fluch dabei: Ständig muss die Sache am Köcheln gehalten und Neues nachgelegt werden. „Anfangs stand ich sehr unter Druck. Inzwischen kann es auch mal zehn Tage dauern, bis ich Neues nachlege. Die Zahl der Leser leidet darunter nicht“, berichtet Nicole Stich. Die Münchner Designerin nennt sich selbst „echt verfressen“. Seit 2005 betreibt sie ihren Blog www.deliciousdays.com - eine heitere Melange aus Rezepten, Münchner G'schichten, Erinnerungen an die kochende Großmutter und Produktinformationen. Wichtig ist auch bei ihr, dass die Rezepte schon beim Lesen die Geschmackspapillen kitzeln und die Umsetzung nicht zu kompliziert wird. Das soeben veröffentlichte Rezept eines Lachstartars mit Limone kommentiert die Köchin: „Perfekt ist ein Gericht, wenn auf keine Zutat mehr verzichtet werden kann.“
Der Internetauftritt, wegen attraktiver Fotos und eines von Stich selbst entworfenen Layouts vom „Time Magazine“ als eine der fünfzig coolsten Websites überhaupt ausgezeichnet, wird täglich vier- bis fünftausend Mal angeklickt. So etwas bleibt auch Fachverlagen nicht verborgen. Im Herbst vergangenen Jahres diente Stichs englischsprachiger Blog als Grundlage für ein deutsches Kochbuch (bei Gräfe und Unzer). Florian Landgraf, der zuständige Lektor, nennt Stich bereits eine „VIP-Autorin“ und berichtet: „Es ist ein Experiment, aber es kommt sehr gut an. Über die Blogs gibt es viel Feedback, und so stößt man auf Themen.“
Wenn Eierschalen im Kuchen stören
Ein Foodblog ist eben nicht nur kulinarischer Frontal-Unterricht über das Internet, sondern ein Debattierclub, dessen Mitglieder sich die Köpfe heiß reden über Zutaten, Temperaturen oder Küchenwerkzeug. Wehe, ein Rezept erweist sich nicht als narrensicher - so etwas spricht sich schneller herum, als ein Soufflé zusammenfällt. Anfangs nahm sich Nicole Stich noch jede Klage zu Herzen. Selbst jene einer Leserin, die berichtete, im Kuchen hätten Eierschalen gestört: Die Maßangabe „ganze Eier“ hatte sie wörtlich genommen. Die 35 Jahre alte Bloggerin weiß seither: Auch Selbstverständlichkeiten müssen erläutert werden. „Große Sorgfalt ist wichtig, jedes Rezept wird auf Herz und Nieren geprüft und mehrfach nachgekocht.“
Manchmal hilft nicht einmal das. Wenn dann ein Cookie-Teig quer über das Backblech läuft, ist der Ärger groß. Bei www.smittenkitchen.com etwa wird seit Wochen darüber diskutiert, warum das Rezept bei manchen klappt und anderen misslingt. Fans und Enttäuschte trennt ein tiefer Graben. Ein Ende der Debatte ist nicht in Sicht.
Kulinarische Blogosphäre
www.orangette.blogspot.com: Molly Wizenberg, die Literatin unter den Foodbloggern, liebt intellektuelle Metaphern und bodenständige Optik.
www.chocolateandzucchini.com: Clotilde Dusouliers Stil steht für Vegetarisches ebenso wie für Grundfranzösisches.
www.tartelette.blogspot.com: Helen, eine in Amerika lebende Französin, lässt sich gern als „Königin der Desserts“ feiern.
www.deliciousdays.com: prominentester Blog aus Deutschland. Einfache, aber nicht simple Rezepte.
www.101cookbooks.com: sehr gesunde, meist vegetarische Küche plus lebhafte Diskussionen.
www.coconutlime.blogspot.com: beliebt für asiatische Rezepte.