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Folgen der Flut Erhöhte Kindersterblichkeit in Katastrophenregion

04.01.2005 ·  Kinder haben unter den Folgen der Flut besonders zu leiden. Bei den Vereinten Nationen wächst die Sorge, daß im Krisengebiet die Kindersterblichkeit rasch ansteigt. Konkrete Anzeichen mehren sich.

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Die Vereinten Nationen befürchten nach der Flutkatastrophe in Südasien eine zunehmende Kindersterblichkeit in den betroffenen Gebieten. Es gebe bereits erste Anzeichen für eine erhöhte Todesrate unter Kindern, sagte der UN-Beauftragte für humanitäre Einsätze, Jan Egeland, am Montag abend in New York. Er verwies dabei auf die Zunahme von Durchfallerkrankungen wegen mangelnder Hygiene.

Dennoch bemühen sich Helfer und die von der Katastrophe betroffenen Länder darum, den Kindern wieder in den Alltag einzugliedern. Nach dem Jahreswechsel hat vielerorts die Schule wieder begonnen. Auch für Hari Krishna. Im Chemieunterricht hat er wie immer keine Ahnung. Trotzdem freut er sich sehr, daß er überhaupt in einem Klassenraum sitzen kann. Seine alte Schule auf der abgelegenen Insel Hut Bay in der Bucht von Bengalen wurde vor neun Tagen vom Tsunami weggespült. „Es ist wie der erste Schultag“, sagt Hari. „Lauter neue Gesichter, neue Lehrer.“ Die meisten seiner ehemaligen Klassenkameraden und Lehrer sind vermutlich mit den Fluten verschwunden.

„Es gibt keine Beweise für meine Leistungen

Mehr als eine Woche nach der Katastrophe, die die Küsten von elf Ländern in Südostasien heimgesucht und wohl mehr als 165.000 Menschen das Leben gekostet hat, findet in den noch stehenden Schulen auf der Inselgruppe der Andamanen und Nikobaren der erste Unterricht statt. Auf den 30 bewohnten Inseln wurden bislang 800 Tote begraben oder verbrannt, 5600 Menschen werden noch vermißt. „Mein Kopf dreht sich jedes Mal, wenn ich an mein Heimatdorf denke“, sagt Hari. „Es gab so viele Leichen - von Männern, Frauen, Kühen, Hunden.“ Seine Familie verlor ihr Haus, aber sie überlebte.

In der Hauptstadt der Inselgruppe, Port Blair, wurden zahlreiche provisorische Schulen eingerichtet. Die Behörden nutzten das Radio und die Karteien der Auffanglager, um die Kinder zuzuteilen. Neue Bücher, Hefte und Schuluniformen wurden beschafft. Haris alte Zeugnisse sind alle verloren, von seiner Schule ist nur ein Betonpfeiler geblieben. „Es gibt keine Beweise über meine bisherigen Leistungen, über die Kurse, die ich belegt habe. Alles weg.“ Dafür hat er neue Freunde gefunden, zum Beispiel Rajesh Kumar. Der 15jährige kommt aus Port Blair. Für ihn ist es selbstverständlich, daß er die Flüchtlinge von den verwüsteten Inseln als Freunde begrüßt. „Ihre Probleme waren viel größer als unsere, sie haben nur knapp überlebt.“

„Ich fühle mich schrecklich in dieser Stadt“

Jetzt gehen sie zusammen in eine öffentliche Schule, die vom Tsunami weitgehend verschont blieb. Im Erdgeschoß werden Flüchtlinge versorgt, im zweiten Stock wird unterrichtet. In der Frühstückspause blickt Hari auf den Hof, wo Kinder aus seiner alten Schule von Hut Bay Cricket spielen. Ein zerbrochener Stuhl ist das Törchen, ein Stuhlbein der Schläger. Als sie Hari sehen, kommen sie angelaufen und setzen sich zu ihm auf die Stufen.

„Ich fühle mich schrecklich in dieser Stadt“, sagt Manmat Rao. „Es ist so laut. Jedes Mal, wenn ich etwas sage, fährt ein Bus vorbei. Auf meiner Heimatinsel war es so friedlich, da hätte mich das ganze Dorf gehört.“ Auch der zwölfjährige Tejeshwar Rao vermißt die Heimat. Ihm sei immer zum Weinen zumute. „Meine Eltern haben immer gesagt, sie würden so hart arbeiten, damit ich zur Schule gehen könne. Aber wo ist die Schule jetzt?“

Viele Namen, keine Spur

Ein Mitarbeiter des Flüchtlingslagers ruft die Kinder über ein Megafon zu Tisch. Niemand bewegt sich. „Wer war euer Lieblingslehrer“, fragt einer in der Runde. „Herr Murthy, Mathematik“, sagt Tejeshwar. „Er konnte alles so gut erklären, Mathe war so einfach zu verstehen.“ Manmat ruft: „Herr Schakeel. Und Frau Shanti.“ Es fallen viele andere Namen. Ihre Schule auf Hut Bay ist verschwunden, und vermutlich ebenso die meisten Lehrer. In den Flüchtlingslagern tauchte nicht einer von ihnen auf.

Der Aufruf zum Essen ertönt zum zweiten Mal. Niemand bewegt sich. „Wir wollen nichts essen“, sagt S. Lover, zwölf Jahre alt. „Wenn wir etwas in den Mund stecken, sehen wir nur die Leichen vor uns. Alle unsere Freunde sind tot. Wenn ich ans Essen denke, wird mir übel.“ Es ist einen Moment still. Dann fangen die Schüler an, einen Reporter über den Flur zu jagen. Sie klammern sich an ihm fest, zerzausen sein Haar, und brechen in Freudenrufe aus. „Seit einer Woche habe ich nicht so gelacht“, sagt Manmat.

Unterdessen ist ein Mitarbeiter des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge (UNHCR) am Montag im Osten Sri Lankas zu einem Dorf vorgedrungen, das seit der Flutkatastrophe vom 26. Dezember total von der Außenwelt abgeschnitten ist. Die 4000 Menschen in dem Ort Kayathrikira nahe der Stadt Ampara haben kein Obdach, kein sauberes Trinkwasser und keine geregelte Versorgung mit Nahrungsmitteln, so die UNHCR. Nun soll mit der Versorgung der Bewohner begonnen werden. Darunter sind 1500 Kinder.

Quelle: FAZ.NET mit Material von AP, dpa
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