12.01.2005 · Das Durcheinander der vielen Helfer erschwert in Indonesien die Arbeit. Wer den Tsunami überstanden hat, aber nun in einem der vielen provisorischen Krankenhäuser untergebracht wird, muß weiter mit dem Schlimmsten rechnen.
Selbst für ein Feldlazarett im Katastrophengebiet sind diese Zustände an der Grenze zum Erträglichen: Das "Global Rescue Crisis Center" ganz in der Nähe des Flughafens von Banda Aceh verfügt nicht einmal über einen einfachen Bretterboden. Die Liegen für die Patienten stehen in teilweise knöchelhohem Schlamm herum, Infusionsschläuche baumeln im Dreck. Wer die Flutwelle überlebt hat, aber im "Crisis Center" untergebracht wird, ist noch längst nicht davongekommen.
"Jeden Tag sterben hier mindestens drei Menschen, die bei normaler Versorgungslage ohne weiteres hätten gerettet werden können", sagt Zelra Malan, eine 41 Jahre alte Ärztin aus Südafrika, die als freiwillige Helferin nach Sumatra gekommen ist. Patienten mit Tetanus wurden nicht geheilt, weil entsprechende Medikamente nur in Tablettenform greifbar seien, die aber bei Schluckbeschwerden nicht verabreicht werden könnten. Auch Beatmungsmasken sind zwar vorhanden, aber eben nur solche für Erwachsene, die bei sterbenskranken Kindern kein bißchen weiterhelfen. Tote werden nicht abtransportiert und bleiben stundenlang auf den Betten liegen, der Gestank ist so furchtbar, daß Zelra Malan immer wieder das Zelt verlassen muß, um Luft zu holen.
Die Luftbrücke funktioniert immer noch nicht
Selbst mehr als zwei Wochen nachdem die Welle die gesamte Küstenregion im Norden Sumatras in eine Hölle aus Verwesung, Verwüstung, Dreck und Schlamm verwandelt hat, ist die Lage noch reichlich unübersichtlich. Ärzte aus aller Welt sind zwar mehr als genug vorhanden, Medikamente und medizinisches Gerät gibt es wohl auch. Die Frage ist nur, ob das alles auch dort ankommt, wo es gebraucht wird. Noch immer ist Medan, die 600 Kilometer von Banda Aceh entfernt liegende Millionenstadt, Ausgangsbasis für sämtliche humanitären Helfer - ob Nichtregierungsorganisationen oder ausländisches Militär.
Am Flughafen türmen sich Kartons mit Lebensmitteln und anderen Sachspenden, aber von einer veritablen Luftbrücke in die Krisenregion kann keine Rede sein. Wenn die omnipräsenten Armeen der Amerikaner und Australier nicht regelmäßig ihre Frachtmaschinen hin und her pendeln ließen, sähe es noch viel schlimmer aus.
Wettlauf gegen die Zeit
Zwar trifft man auf dem Militärflughafen von Medan auch immer wieder mal ein paar Bundeswehrsanitäter, aber nach einiger Zeit am Ort des Geschehens ergibt sich fast zwangsläufig der Eindruck, daß es sich bei ihnen mehr oder weniger um Zaungäste handelt. Das mobile Rettungszentrum, dessen Verlegung nach Sumatra in der Bundesrepublik mit einigem Aplomb angekündigt wurde, ist in Teilen immer noch unterwegs, derzeit sind gerade einmal vier Zelte zur medizinischen Grundversorgung einsatzbereit.
Wie es um die Ausstattung der Bundeswehr bestellt ist, wird dieser Tage einmal mehr deutlich: Anstatt das Material mit eigenen Großraumtransportern einfliegen zu können, müssen die Deutschen sich ihre Flieger erst einmal zusammenchartern, und das führt naturgemäß zu eklatanten Zeitverzögerungen. Was an Material dann endlich in Medan ankommt, wird auf dem Seeweg nach Banda Aceh verfrachtet - doch das nimmt dann mindestens einen weiteren Tag in Anspruch.
Wer in Medan wohnt, könnte glauben, es sei Krieg
Die ebenso langwierige Überlandfahrt kommt nicht in Frage, weil die indonesische Regierung offenbar keine ausländischen Uniformierten mehr quer durch das Separatistengebiet Acehs ziehen lassen will, und für eine Verlegung über Luft ist in der Provinzhauptstadt Banda Aceh für große Maschinen die Landebahn zu kurz. Die Amerikaner haben für derlei Fälle Hubschrauber in ihrem Arsenal, und genau darin hoffen die Bundeswehrleute am Dienstag morgen mitgenommen zu werden. Vorausgesetzt, sie treiben vorher noch ihren Impfstoff gegen Tollwut auf, ohne den es angeblich nicht losgehen kann. "Man weiß ja nie", sagt einer von ihnen. "Falls dich da unten eine Ratte beißt!"
Das Novotel im Stadtzentrum von Medan ist derweil faktisch in die Einsatzkommandozentrale der amerikanischen Armee umgewandelt worden - wer hier wohnt, könnte glauben, in der Nähe sei ein Krieg im Gange. Überall laufen junge Männer und auch Frauen in Tarnfarben-Overalls herum, am Eingang zum Hotel ist eine Sicherheitsschleuse aufgestellt worden. Trotzdem oder gerade deshalb ist einigen die massive Militärpräsenz nicht ganz geheuer. Bernd Schell, Einsatzleiter der internationalen Föderation der Rotkreuz-Gesellschaften, erwägt bereits, mit seinen Mitarbeitern die Unterkunft zu wechseln, weil das Novotel aufgrund der vielen amerikanischen Soldaten ein potentielles Anschlagsziel sei.
"Überversorgung an Soforthilfe"
Schell, der inzwischen von einer "Überversorgung an Soforthilfe" spricht, wird das Durcheinander an Nichtregierungsorganisationen und spontan herbeigeeilten Freiwilligen allmählich etwas zu bunt: "Da muß man zwangsläufig den Überblick verlieren."
Hinzu kommt, daß das in der Geschichte wohl einmalige Spendenaufkommen für die Tsunami-Opfer einen Leistungsdruck erzeugt, dem schwerlich entsprochen werden dürfte. Nach einem Wirbelsturm auf den Philippinen im vergangenen November mit 1500 Toten und 30.000 zerstörten Häusern sammelte das Rote Kreuz 2,6 Millionen Schweizer Franken an Spenden für die Betroffenen ein; jetzt sind allein beim Roten Kreuz und allein für die indonesischen Flutopfer 130 Millionen Schweizer Franken zusammengekommen. Was mit dem ganzen Geld künftig geschehen soll? "Das ist natürlich die Frage", sagt Schell unumwunden. Genauso gelöst werden muß die Frage, wer alles dem Kreis der "Betroffenen" zuzurechnen sein wird, denen die zweckgebundenen Spenden am Ende zugute kommen.
Gefahr von Korruption
Daß bei derart großen Summen die Gefahr von Korruption und Vetternwirtschaft besteht, liegt auf der Hand. Und es ist auch absehbar, daß andere Hilfsprojekte, die nichts mit dem Tsunami zu tun haben, künftig weniger Geld abbekommen.
Das Novotel in Medan ist nicht nur Sammelpunkt von Armeeangehörigen, sondern auch von Mitarbeitern der Hilfsorganisationen aus aller Welt. Ein Arzt vom Schweizerischen Roten Kreuz sucht verzweifelt nach Anschluß, weil er einem deutschen Ärzteteam beispringen sollte, das davon aber nichts weiß. Scientologen, die in Banda Aceh ein provisorisches "Trauma-Zentrum" aufgebaut haben, tummeln sich neben Johannitern aus Deutschland und Ärzten ohne Grenzen aus Frankreich in der Hotellobby und koordinieren sich im wesentlichen alle selbst.
Hilfe durch Al Qaida?
Daß der indonesischen Regierung in Anbetracht all dieser Leute - von denen man nicht immer weiß und wissen kann, wer sie eigentlich genau sind - mittlerweile etwas mulmig wird, ist wenig verwunderlich. Zumal beispielsweise die Zentrale des Roten Kreuzes in Genf erfahren haben will, daß eine der Al Qaida zugehörige Organisation in Banda Aceh ein als Hilfsstation getarntes Camp mit 90 Leuten unterhält.
Jedenfalls ist damit zu rechnen, daß von indonesischer Seite in Zukunft restriktiver mit Nichtregierungsorganisationen verfahren werden wird, deren Mitarbeiter beispielsweise unkontrolliert auf dem Militärflughafen von Medan ein- und ausspazieren, wo sie auf einen Mitflug im Hubschrauber der amerikanischen Streitkräfte nach Banda Aceh warten. Der indonesische Militärchef, General Endriartono Sutarto, erklärt die massive Präsenz indonesischer Soldaten in Banda Aceh zumindest damit, daß diese die Katastrophenhelfer vor bewaffneten Übergriffen der islamischen Separatistenorganisation "Bewegung für ein freies Aceh" schützen sollen.
Ob das bei den zu Schützenden auch tatsächlich so ankommt, das steht auf einem anderen Blatt. Denn viele fühlen sich durch das indonesische Militär eher behindert und kontrolliert. Oder wie der in Banda Aceh tätige deutsche Notarzt Norbert Vollertsen es formuliert: "Ich komme mir hier vor wie in Nordkorea."