Home
http://www.faz.net/-gum-14vr6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Flugzeugabsturz vor libanesischer Küste Kaum noch Hoffnung auf Überlebende

25.01.2010 ·  Vor der libanesischen Küste suchen Helfer weiter nach möglichen Überlebenden des Flugzeugabsturzes. Bis zum späten Nachmittag bargen die Einsatzkräfte die Leichen von 30 Passagieren aus dem Meer, darunter die von zwei Kindern.

Von Thomas Scheen und Hans-Christian Rößler
Artikel Bilder (11) Video (1) Lesermeinungen (0)

Eine Armada von Schiffen, Flugzeugen und Hubschraubern hat am Montag nach überlebenden Insassen einer Passagiermaschine gesucht, die mit 90 Menschen an Bord vor der Küste Libanons abgestürzt ist. Für die 90 Menschen an Bord des verunglückten Verkehrsflugzeugs der Ethiopian Airlines bestand kaum Hoffnung, den Absturz ins Meer vor der libanesischen Küste überlebt zu haben. Bis zum späten Nachmittag bargen die Einsatzkräfte die Leichen von 30 Passagieren aus dem Meer, darunter die von zwei Kindern.

Die libanesische Regierung hält einen Terroranschlag als Ursache für den Absturz für unwahrscheinlich. Staatspräsident Michel Suleiman sagte, es spreche nach ersten Ermittlungen nichts für einen terroristischen Hintergrund oder für Sabotage. Die Boeing 737-800 der Gesellschaft „Ethiopian Airlines“ war mit 90 Menschen an Bord am Montagmorgen wenige Minuten nach dem Start ins Meer gestürzt. Der libanesische Verkehrsminister Gahzi Aridi wies laut Agenturberichten auf das stürmische Wetter hin, das zum Zeitpunkt des Unglücks geherrscht habe. Die libanesische Armee teilte mit, die Maschine habe unmittelbar nach dem Start kurz nach zwei Uhr morgens Feuer gefangen. Augenzeugen berichteten, dass das Flugzeug, das auf dem Weg in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba war, in einem Feuerball ins Meer gestürzt sei. Ein Flughafensprecher sprach von einem Blitz, der ins Flugzeug eingeschlagen sein könnte. Es kommt allerdings selten vor, dass Blitze ein Flugzeug zum Absturz bringen.

Das Wrack soll in 500 Metern Tiefe liegen

Rettungskräfte aus dem Libanon, aus Zypern sowie von der UN-Friedenstruppe Unifil machten sich sofort auf die Suche nach Überlebenden. Das seit dem Wochenende herrschende äußerst schlechte Wetter mit Stürmen und Gewittern, die im Land schon Überschwemmungen zur Folge hatte, erschwerte die Bemühungen; bis zum Nachmittag wurde nur die Bergung von mehreren Leichen gemeldet. Den Einsatz an der Absturzstelle, die knapp vier Kilometer von der Küste entfernt liegt, leitete das deutsche Marineschiff „Mosel“. Auch das Marineboot „Laboe“ beteiligte sich nach Angaben des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam an der Aktion und habe mehrere Leichen geborgen. Das Wrack soll nach Aussagen von Rettern auf dem Meeresgrund in 500 Meter Tiefe liegen. Tatsache ist jedenfalls, dass der Funkkontakt zur Maschine schon kurz nach dem Start abriss.

Nach Angaben des libanesischen Verteidigungsministers Elias Murr hat der Pilot des Passagierflugzeugs vor dem Unglück die letzten Instruktionen des Towers ignoriert. Der Kontrollturm in Beirut habe den Piloten wegen eines Sturms zur Umkehr aufgefordert, stattdessen sei die Maschine in die entgegengesetzte Richtung weitergeflogen, sagte Murr am Abend im libanesischen Fernsehen. „Wir wissen nicht, was passiert ist und ob der Pilot das Flugzeug noch unter Kontrolle hatte“, fügte der Minister hinzu.

Das libanesische Verkehrsministerium teilte weiter mit, an Bord des Flugzeugs hätten sich 54 Libanesen und 22 Äthiopier befunden. Zu den Passagieren zählten auch zwei Briten, ein Iraker, ein Syrer sowie die Ehefrau des französischen Botschafters im Libanon, wie die französische Botschaft in Beirut unterdessen bestätigte. Mehrere Libanesen hatten offenbar eine zweite Staatsangehörigkeit. Zudem waren sieben Besatzungsmitglieder im Flugzeug.

Herzzerreißende Szenen

In der VIP-Lounge des Beiruter Flughafens spielten sich am Montagvormittag herzzerreißende Szenen ab: Weinende Väter und schluchzende Mütter und Ehefrauen trauerten um ihre Angehörigen. „Mein Sohn und meine Neffen waren an Bord“, klagte die Hausfrau Um Ali Dschaber, die aus der Kleinstadt Nabatijeh im südlichen Libanon angereist war. „Mein Mitgefühl ist mit Ihnen“, versuchte sie der junge Ministerpräsident Saad al-Hariri zu trösten. „Wir werden alles tun, um die Überlebenden zu finden.“ Tatsächlich hatten sich die Hoffnungen der verzweifelten Angehörigen noch eine Zeitlang an erste Medienberichte geklammert, denenzufolge die libanesische Armee sieben Menschen aus dem stürmischen Meer gerettet hätte. Doch diese Hoffnungen zerstoben, als klar wurde, dass die Rettungskräfte bislang nur Leichen geborgen haben.

Nach Angaben der Fluggesellschaft wurde die Unglücksmaschine zuletzt vor einem Monat gewartet. Die Inspektion habe keine Mängel ergeben. Falls es wirklich ein Feuer an Bord gegeben habe, dann deute dies darauf hin, dass die Piloten in relativ niedriger Höhe die Kontrolle verloren hätten, sagte Sidney Dekker, Professor für Flugsicherheit an der Universität von Lund in Schweden und selbst 737-Pilot. Auch schlechte Sicht in Kombination mit starkem Wind könne zu dem Unglück beigetragen haben. Ein anderer Experte sagte, er könne sich nicht vorstellen, dass eine heftige Bö ursächlich für den Absturz war. Die Berichte über ein Feuer an Bord sprächen für den Ausfall eines Triebwerks, erklärte Chris Yates, Luftsicherheitsanalyst aus Manchester.

Die Linie gilt als hochprofitabel

Die staatliche Ethiopian Airlines zählt zusammen mit South African Airways und Kenya Airways zu den größten Fluggesellschaften des afrikanischen Kontinents. Die Linie gilt als hochprofitabel, ihre Flugzeuge als gut gewartet und die Piloten als exzellent ausgebildet. Ethiopian Airlines unterhält gegenwärtig eine Flotte von 38 Passagier- und Frachtflugzeugen, betreibt seit einiger Zeit aber eine aggressive Expansionsstrategie, um sich als die wichtigste afrikanische Fluglinie insbesondere auf den Routen nach Indien und China zu etablieren.

Zurzeit fliegt Ethiopian Airlines 53 Ziele an, die meisten davon in Afrika. In diesem Jahr soll das Streckennetz auf 60 Ziele ausgeweitet werden. Zu Peking, Gunangzhou, Delhi und Mumbai sollen Schanghai sowie die indischen Städte Chennai und Bangalore kommen. In Afrika wiederum will Ethiopian Airlines künftig unter anderen Pointe Noire in Kongo-Brazzaville sowie die Bergbaumetropole Lubumbashi in Kongo-Kinshasa anfliegen. Im vergangenen Jahr beförderte die Gesellschaft knapp 2,6 Millionen Passagiere. In diesem Jahr sollen es mehr als drei Millionen werden. Zudem bewirbt sich Ethiopian Airlines um Aufnahme in den von der Lufthansa geführten Verbund Star Alliance.

Ehrgeizige Ziele

Zur Verwirklichung seiner ehrgeizigen Ziele hat Ethiopian Airlines eine spektakuläre Modernisierung seiner Flotte eingeleitet. Das Unternehmen zählte zu den ersten Fluggesellschaften, die im Jahr 2006 insgesamt zehn Modelle der aus Verbundstoffen gefertigten Boeing 787 bestellte, dem sogenannten Dreamliner. Seither ist Ethiopian Airlines weiter auf Einkaufstour gegangen und sorgte im vergangenen Jahr für Aufsehen, als die Fluglinie fünf zweistrahlige und auf extreme Langstrecken ausgelegte Boeing 777 orderte sowie zwölf der noch in der Entwicklungsphase befindlichen Airbus A 350.

Der Absturz vor der libanesischen Küste ist der dritte Unfall der Fluggesellschaft seit ihrer Gründung 1945. Im Jahr 1988 war eine Boeing 737 beim Start im äthiopischen Bahir Dar mit einem Schwarm Tauben kollidiert, woraufhin beide Treibwerke ausfielen. Bei der anschließenden Notlandung kamen 31 der 105 Menschen an Bord ums Leben. Im Jahr 1996 verunglückte eine Boeing 767 bei einer versuchten Notwasserung vor den Komoren, wobei 123 der 175 Menschen an Bord ihr Leben verloren. Das Flugzeug war zuvor entführt worden, und den Luftpiraten war nach Aussage der überlebenden Piloten nicht beizubringen gewesen, dass ein Flugzeug Treibstoff zum Fliegen braucht. Als die Tanks leer waren, hatten die Piloten eine Notwasserung in schwerer Dünung versucht, wobei sich die Maschine überschlug. Seit dieser Zeit wird jeder Flug der Airline von bewaffneten Sicherheitsleuten begleitet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kondolierte dem äthiopischen Regierungschef Meles Zenawi. In einem am Montagabend veröffentlichten Schreiben drückte sie Zenawi und den Familien der Opfer ihr Beileid aus. Auch Außenminister Guido Westerwelle (FDP) übermittelte seinen Kollegen im Libanon und in Äthiopien sein Mitgefühl, wie das Auswärtige Amt in Berlin mitteilte. Ähnlich äußerte sich der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, in Washington.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

Jüngste Beiträge

Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

Jüngste Beiträge