http://www.faz.net/-gum-71z97

Fledermaus-Studie : Platzgefahr in der Nähe von Windrädern

  • -Aktualisiert am

Nicht nur für Fledermäuse, auch für Zugvögel können Windräder gefährlich werden Bild: ZB

Mindestens 200.000 Fledermäuse aus Nordosteuropa lassen jedes Jahr an deutschen Windrädern ihr Leben. Der starke Luftdruck hinter den Rotorblättern zerreißt die Organe, wenn die Tiere nur in die Nähe kommen.

          Der Tod kommt im wahrsten Sinne schlagartig. „Das Innere der an Windrädern verunglückten Fledermäuse ist meist eine einzige blutige Masse“, sagt Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin. Weil sich die Spitzen der Rotorblätter mit einem Tempo von bis zu 300 Kilometern in der Stunde quer zum Wind bewegen, schwankt der Luftdruck dahinter enorm und zerreißt die Lungen und andere Organe einer Fledermaus, wenn sie nur in die Nähe kommt. Mindestens 200.000 Tiere lassen an deutschen Windrädern jedes Jahr ihr Leben.

          „Die meisten verunglückten Fledermäuse kommen gar nicht aus der Nähe der Anlagen, sondern aus dem Nordosten Europas und aus Skandinavien“, fasst Christian Voigt das Ergebnis einer Untersuchung zusammen, die er vor kurzem mit seinen Kollegen in der Online-Ausgabe von „Biological Conservation“ veröffentlicht hat. Weil Fledermäuse viele Schadinsekten vertilgen, verursachen deutsche Windräder für diese Länder vermutlich enorme Schäden in der Agrar- und Forstwirtschaft.

          Futter für kleine Raubtiere und Krähen

          Unter Windkraftanlagen in der Mecklenburgischen Seenplatte, in Brandenburg, in der Lüneburger Heide und im Saarland sammelten die Forscher die Kadaver verunglückter Tiere. „Im Durchschnitt finden meine Kollegen unter einem einzigen Windrad rund zehn Fledermäuse im Jahr“, berichtet Voigt. Bei rund 20.000 Windkraftanlagen in Deutschland wären das 200.000 tote Tiere im Jahr. „Die Zahl dürfte aber deutlich höher liegen, weil viele Opfer im Maul kleiner Raubtiere oder im Schnabel von Krähen landen, bevor wir sie finden.“

          Fledermaus-Forscher sind Nachtarbeiter.

          Von einigen dieser toten Fledermäuse haben die Forscher um Christian Voigt die Wasserstoff-Atome im Fell analysiert. Von diesem Element gibt es zwei Isotope. Je weiter man in Europa nach Norden kommt, umso höher liegt der Anteil des leichteren Wasserstoff-Isotops in der Natur. Fledermäuse bauen diese Isotope entsprechend der Verhältnisse im Wasser ihres Lebensraums in ihr Fell ein. Die Wasserstoff-Isotope in den Haaren verraten den Forschern ungefähr die Gegend, in der die verunglückten Fledermäuse in den vergangenen Monaten lebten.

          Nur die untersuchten Zwergfledermäuse aber kamen nach dieser Isotopenanalyse aus der weiteren Umgebung der Windräder. „Die meisten Rauhautfledermäuse dagegen hatten in den Monaten vor ihrem Tod in Weißrussland und den baltischen Staaten gelebt“, berichtet Voigt. Auch die ebenfalls untersuchten Kleinen und Großen Abendsegler stammten überwiegend aus Skandinavien und Osteuropa.

          Wirtschaftliche Schäden für Land- und Forstwirtschaft

          Dort können diese Arten kaum überwintern, weil sie bei den häufigen Frösten in ihren Baumhöhlen erfrieren würden. Daher ziehen sie im August und September ähnlich wie viele Vogelarten in mildere Regionen und suchen sich im Westen Deutschlands, im Bodenseegebiet oder in Frankreich Winterquartiere. Da diese Arten gern viele Meter über dem Erdboden oder den Baumwipfeln fliegen, geraten sie dort leicht in die Druckschwankungen der Rotorblätter großer Windkraftanlagen.

          Viele Fledermäuse werden nur sieben oder acht Jahre alt, die Weibchen bekommen jedes Jahr meist nur ein oder zwei Junge. Die deutschen Windkraftanlagen dezimieren daher die Fledermausbestände im Norden und Osten Europas stark. „Es könnte viele Jahre dauern, bis sich die Populationen von diesem Aderlass erholen“, befürchtet Vogt. „Vielleicht schaffen sie das sogar gar nicht mehr.“

          Plädoyer für Windstille in der Abenddämmerung

          Das aber bedeutet für Osteuropa und Skandinavien unter Umständen enorme wirtschaftliche Schäden in der Land- und Forstwirtschaft. „Viele Fledermäuse vertilgen große Mengen von Insekten, die sonst Maisfelder oder Wirtschaftswälder stark schädigen würden“, erklärt Voigt. In Amerika hat ein Forscher ausgerechnet, dass die Fledermäuse dort ökonomische Schäden in Höhe von vier bis 53 Milliarden Dollar verhindern. Die Energiewende in Deutschland könnte also auf Kosten der Nachbarländer gehen.

          Christian Voigt präsentiert auch gleich eine Lösung des Problems: Fledermäuse ziehen meist in der Abenddämmerung für ein oder zwei Stunden. „Wenn die Rotorblätter sich also in den Zugzeiten im August und September nur in diesen beiden Stunden nicht drehen, könnten sehr viele Fledermäuse gerettet werden.“ Weil der Wind in der Abenddämmerung meist ohnehin abflaut, würde eine solche „intelligente Energiewende“ die Gewinne der Windenergiebranche kaum verringern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unionskritik an Maaßen-Deal : „Es reicht jetzt langsam“

          Carsten Linnemann, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag, sagt ein baldiges Ende der Koalition voraus, wenn sie „keinen neuen Arbeitsmodus“ findet. Der Vorsitzende der Jungen Union stößt ins gleiche Horn.
          Ökonom Hyun Song Shin

          Niedrige Bewertungen : Immer mehr Zombie-Unternehmen

          „Zombies“ – so werden Unternehmen genannt, die finanziell fragil sind. Diese haben laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich weltweit stark zugenommen. Aber was bedeutet fragil und wie sehen die Prognosen für die Zukunft aus?

          Kaufstreiks : Boykotte, wohin das Auge blickt

          Jedem, der in Amerika linkem oder rechtem Volksempfinden zuwiderläuft, droht der Kaufboykott. Ob Schnellrestaurants, Sportartikel- oder Lebensmittelkonzerne, keiner wird verschont.

          Nordstream 2 : Unser Land, unsere Entscheidung

          Washington ist die Gaspipeline Nordstream 2 ein Dorn im Auge. Die deutsche Industrie kontert: Unsere Energieversorgung geht niemanden etwas an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.