http://www.faz.net/-gum-71z97
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Best Ager - Für Senioren und Angehörige

Veröffentlicht: 09.08.2012, 13:48 Uhr

Fledermaus-Studie Platzgefahr in der Nähe von Windrädern

Mindestens 200.000 Fledermäuse aus Nordosteuropa lassen jedes Jahr an deutschen Windrädern ihr Leben. Der starke Luftdruck hinter den Rotorblättern zerreißt die Organe, wenn die Tiere nur in die Nähe kommen.

von Roland Knauer
© ZB Nicht nur für Fledermäuse, auch für Zugvögel können Windräder gefährlich werden

Der Tod kommt im wahrsten Sinne schlagartig. „Das Innere der an Windrädern verunglückten Fledermäuse ist meist eine einzige blutige Masse“, sagt Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin. Weil sich die Spitzen der Rotorblätter mit einem Tempo von bis zu 300 Kilometern in der Stunde quer zum Wind bewegen, schwankt der Luftdruck dahinter enorm und zerreißt die Lungen und andere Organe einer Fledermaus, wenn sie nur in die Nähe kommt. Mindestens 200.000 Tiere lassen an deutschen Windrädern jedes Jahr ihr Leben.

„Die meisten verunglückten Fledermäuse kommen gar nicht aus der Nähe der Anlagen, sondern aus dem Nordosten Europas und aus Skandinavien“, fasst Christian Voigt das Ergebnis einer Untersuchung zusammen, die er vor kurzem mit seinen Kollegen in der Online-Ausgabe von „Biological Conservation“ veröffentlicht hat. Weil Fledermäuse viele Schadinsekten vertilgen, verursachen deutsche Windräder für diese Länder vermutlich enorme Schäden in der Agrar- und Forstwirtschaft.

Futter für kleine Raubtiere und Krähen

Unter Windkraftanlagen in der Mecklenburgischen Seenplatte, in Brandenburg, in der Lüneburger Heide und im Saarland sammelten die Forscher die Kadaver verunglückter Tiere. „Im Durchschnitt finden meine Kollegen unter einem einzigen Windrad rund zehn Fledermäuse im Jahr“, berichtet Voigt. Bei rund 20.000 Windkraftanlagen in Deutschland wären das 200.000 tote Tiere im Jahr. „Die Zahl dürfte aber deutlich höher liegen, weil viele Opfer im Maul kleiner Raubtiere oder im Schnabel von Krähen landen, bevor wir sie finden.“

Mit dem Bat-Detektor durch die Nacht © dpa Vergrößern Fledermaus-Forscher sind Nachtarbeiter.

Von einigen dieser toten Fledermäuse haben die Forscher um Christian Voigt die Wasserstoff-Atome im Fell analysiert. Von diesem Element gibt es zwei Isotope. Je weiter man in Europa nach Norden kommt, umso höher liegt der Anteil des leichteren Wasserstoff-Isotops in der Natur. Fledermäuse bauen diese Isotope entsprechend der Verhältnisse im Wasser ihres Lebensraums in ihr Fell ein. Die Wasserstoff-Isotope in den Haaren verraten den Forschern ungefähr die Gegend, in der die verunglückten Fledermäuse in den vergangenen Monaten lebten.

Nur die untersuchten Zwergfledermäuse aber kamen nach dieser Isotopenanalyse aus der weiteren Umgebung der Windräder. „Die meisten Rauhautfledermäuse dagegen hatten in den Monaten vor ihrem Tod in Weißrussland und den baltischen Staaten gelebt“, berichtet Voigt. Auch die ebenfalls untersuchten Kleinen und Großen Abendsegler stammten überwiegend aus Skandinavien und Osteuropa.

Wirtschaftliche Schäden für Land- und Forstwirtschaft

Dort können diese Arten kaum überwintern, weil sie bei den häufigen Frösten in ihren Baumhöhlen erfrieren würden. Daher ziehen sie im August und September ähnlich wie viele Vogelarten in mildere Regionen und suchen sich im Westen Deutschlands, im Bodenseegebiet oder in Frankreich Winterquartiere. Da diese Arten gern viele Meter über dem Erdboden oder den Baumwipfeln fliegen, geraten sie dort leicht in die Druckschwankungen der Rotorblätter großer Windkraftanlagen.

Mehr zum Thema

Viele Fledermäuse werden nur sieben oder acht Jahre alt, die Weibchen bekommen jedes Jahr meist nur ein oder zwei Junge. Die deutschen Windkraftanlagen dezimieren daher die Fledermausbestände im Norden und Osten Europas stark. „Es könnte viele Jahre dauern, bis sich die Populationen von diesem Aderlass erholen“, befürchtet Vogt. „Vielleicht schaffen sie das sogar gar nicht mehr.“

Plädoyer für Windstille in der Abenddämmerung

Das aber bedeutet für Osteuropa und Skandinavien unter Umständen enorme wirtschaftliche Schäden in der Land- und Forstwirtschaft. „Viele Fledermäuse vertilgen große Mengen von Insekten, die sonst Maisfelder oder Wirtschaftswälder stark schädigen würden“, erklärt Voigt. In Amerika hat ein Forscher ausgerechnet, dass die Fledermäuse dort ökonomische Schäden in Höhe von vier bis 53 Milliarden Dollar verhindern. Die Energiewende in Deutschland könnte also auf Kosten der Nachbarländer gehen.

Christian Voigt präsentiert auch gleich eine Lösung des Problems: Fledermäuse ziehen meist in der Abenddämmerung für ein oder zwei Stunden. „Wenn die Rotorblätter sich also in den Zugzeiten im August und September nur in diesen beiden Stunden nicht drehen, könnten sehr viele Fledermäuse gerettet werden.“ Weil der Wind in der Abenddämmerung meist ohnehin abflaut, würde eine solche „intelligente Energiewende“ die Gewinne der Windenergiebranche kaum verringern.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Der Fall Unister Aus mit dem Urlaub

Die Reisebranche erlebt eine Großinsolvenz. Der Fall von Unister mit den Portalen fluege.de und ab-in-den-urlaub ist eine verworrene Geschichte. Hinzu kommt jetzt ein Kriminalstück über ein obskures Geschäft des tödlich verunglückten Gründers. Mehr Von Timo Kotowski

22.07.2016, 19:10 Uhr | Wirtschaft
Nach dem Amoklauf Fassungslosigkeit in München, Solidarität in Paris

Nach dem Amoklauf in München herrscht weiterhin Fassungslosigkeit in der bayrischen Landeshauptstadt. Ein im wahrsten Sinne des Wortes strahlendes Beispiel der Anteilnahme haben die Betreiber des Eiffelturms gesetzt – die Stahlkonstruktion leuchtete in Gedenken an die Toten von München in den deutschen Nationalfarben. Mehr

24.07.2016, 11:16 Uhr | Gesellschaft
Ausgrabung bei Hamburg Hobby-Forscher finden elf Millionen Jahre alte Robbe

In einer Kiesgrube nördlich von Hamburg haben Hobby-Paläontologen einen erstaunlichen Fund gemacht. Ermöglicht hat das eine geologische Besonderheit. Mehr

23.07.2016, 16:58 Uhr | Gesellschaft
Verschollener Flug Suche nach MH370 soll eingestellt werden

Die Suche nach MH370, dem seit mehr als zwei Jahren vermissten malaysischen Passagierflugzeug, soll eingestellt werden. Das teilte Malaysias Verkehrsminister stellvertretend für die beteiligten Behörden mit. Mehr

24.07.2016, 10:47 Uhr | Gesellschaft
China Tiger töten Frau in Safaripark

In einem chinesischen Safaripark ist eine Frau aus dem Wagen ausgestiegen und von Tigern angegriffen worden. Sie überlebte nicht. Eine andere, die ihr zur Hilfe kam, wurde auch attackiert. Mehr

24.07.2016, 13:47 Uhr | Gesellschaft

AfD-Vorsitzende Frauke Petry ist geschieden

Frauke Petry hat sich auch offiziell von ihrem Ex-Mann getrennt, Andrea Berg muss wegen ihrer Verbrennungen weiter behandelt werden, und Amber Heard hat sich einen millionenschweren Unternehmer geangelt – der Smalltalk. Mehr 5

Frankfurter Allgemeine Stil auf Facebook
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden