20.08.2011 · Den Nudisten in Deutschland geht der Nachwuchs aus. Woran liegt's? Kurt Fischer, Präsident des Verbands für Freikörperkultur, über Vergreisung, skeptische Muslime, Nacktwanderer und Spanner um die Ecke.
Herr Fischer, im Gegensatz zu den Fluglotsen scheint der Sommer dieses Jahr schon seit Wochen zu streiken. Harte Zeiten für Nudisten, oder?
Ach, das hängt davon ab, was man gewöhnt ist. Unter den FKKlern gibt es wie unter den Textilen, also den normal bekleideten Menschen, welche, die im Urlaub Sonne brauchen. Die kriegen sie dieses Jahr hier nicht, dazu müssen sie in den Süden fahren. Anderen, wie mir, macht das schlechte Wetter nicht so viel aus, ich bin trotzdem in meinem Wohnwagen auf unserem FKK-Gelände bei Hildesheim.
Und was machen Sie bei Regen und Kälte den ganzen Tag?
Wie jeder Textile sich Gedanken macht, was er tun will, wenn es draußen regnet, so ist das bei uns nicht anders. Wir ziehen erstens etwas Warmes an, und zweitens überlegen wir uns kreativ, wie wir unsere Freizeit genießen - ob beim Rätsel-Lösen, beim Zeitung-Lesen oder beim Musik-Hören.
Wenn es einen friert, darf man also auch im FKK-Verein einen Pullover anziehen?
Anders als früher ziehen wir uns nicht mehr um des Glaubens an die Nacktheit willen aus. Wir praktizieren eine sinnvolle Nacktheit. Die Witterung spielt natürlich eine Rolle, und zwar die gute wie die schlechte. Zu viel Sonne schadet der Haut, also wird sich auch ein FKKler bedecken oder in den Schatten legen. Und bei Kälte ziehen wir uns eben an. Wir sind ja nicht lebensmüde.
In einem Gespräch mit zahlreichen ausländischen Journalisten haben Sie gerade beklagt, dass sich die FKK-Bewegung in Deutschland nicht nur in einem saisonalen Abschwung, sondern in einer strukturellen Krise befindet.
Wie alle Vereine verlieren auch die 150 FKK-Vereine in Deutschland an Mitgliedern. Bei uns sind das jährlich etwa drei Prozent, so dass wir momentan noch etwa 40 000 Mitglieder haben. Zu Hochzeiten der FKK-Bewegung waren es mehr als 100 000.
Was sind die Gründe für den Mitgliederschwund?
Die Zahl der Geburten geht zurück, es gibt immer weniger Deutsche. Viele Sportvereine versuchen deshalb, Mitbürger mit Migrationshintergrund anzuwerben. Für uns ist das aber keine Klientel. Einen Muslim zum Beispiel werden Sie nie dazu bringen, nackt mit uns Sport zu treiben, in der Sonne zu liegen oder in die Sauna zu gehen.
Immigration als Gefahr für die Freikörperkultur in Deutschland?
Gefahr würde ich nicht sagen. Die Migranten lehnen uns ja nicht offensiv ab, schon alleine, weil wir überhaupt keine Berührungspunkte mit ihnen haben. Außerdem gibt es weitere Gründe für den Mitgliederschwund. Die Menschen sind flexibler und wollen sich nicht mehr so stark in Vereinen einbringen, wie wir das erwarten. Die jungen Familien, die wir vor allem ansprechen wollen, sind immer später dran mit ihren Kindern und beruflich stark belastet. Und viele junge Leute definieren sich heute über Mode, da rückt die persönliche Darstellung in den Mittelpunkt. Wer diesem Ideal nachstrebt, wird bestimmt niemals FKK-Anhänger.
Das heißt, den FKK-Vereinen droht die Vergreisung?
Wenn Sie so wollen. In den vergangenen zehn Jahren ist das Durchschnittsalter in unseren Vereinen um zwei Jahre gestiegen, es liegt jetzt bei etwa 50. Und ich nehme an, dass es in Zukunft noch viel schneller steigen wird. Wir haben jetzt schon viele hochbetagte Mitglieder bis an die hundert Jahre.
Gibt es Unterschiede zwischen den Vereinen im Osten und im Westen Deutschlands?
Im Osten gibt es kaum FKK-Vereine, ich kenne nur vier oder fünf.
Dann ist es nur ein Vorurteil, dass die Ostdeutschen besonders FKK-affin sind?
In der DDR war FKK bis 1956 verboten und Vereine generell. Deshalb entwickelte sich dort eine offene Szene an den Seen und Flüssen, Naturisten neben Textilen. Und jetzt, da die Mauer weg ist, sagen sie: "Wenn mir nach Nacktbaden ist, packe ich mein Handtuch ein, fahre an den nächsten See und springe rein, nackig wie ich bin. Wozu brauche ich einen Verein?"
Ja, wozu braucht es heute denn noch FKK-Vereine?
Für eine junge Mutter mit Kindern ist der Aufenthalt an einem Baggersee heute doch ein harter Ritt. Es gibt keine sanitären Anlagen, keine gemeinsame Aufsicht für die Kinder - aber Spanner um die Ecke. Das ist doch die Wahrheit an den freien Stränden. Wir wollen auf unseren Geländen nackt sein unter Gleichgesinnten und füreinander da sein. Das Entscheidende bei uns ist das Miteinander von Männern und Frauen, jung und alt, gebrechlich und fit, mit Falten und ohne Falten, ohne Ressentiment dem Einzelnen gegenüber.
Dann ziehen Sie sich also nicht an jedem beliebigen Strand aus oder wandern nackt durch die Berge?
Früher war ich ein ganz strikter Gegner davon, weil ich die Intoleranz vieler dieser freien FKKler, zum Beispiel der Nacktwanderer, nicht tolerieren wollte. Die sagen: Ich will nackt sein, und alle Bekleideten haben das zu akzeptieren. Das geht doch nicht. Wir müssen auch Andersdenkende respektieren und dürfen sie mit unserer Nacktheit nicht belästigen. Für mich ist Nacktwandern gar nichts, aber heute toleriere ich diejenigen, die es machen.
Im Gegensatz zu früher ist Nacktheit heute aber doch sowieso fast allgegenwärtig.
Ja, aber sagen Sie mal ehrlich: Was ist denn das für eine Nacktheit? Das ist doch nicht der total nackte Körper, sondern es ist der Körper bekleidet mit Stoffresten, die einen Sexreiz erzielen sollen, je kleiner und bunter, desto besser. Beispiel Nacktrodeln: Das war letzten Winter im Harz ein großes Medienspektakel. Und abgebildet wurde anschließend eine junge Frau, die barbusig, mit Bikinihöschen, Skischuhen, Sturzhelm und warmen Handschuhen auf dem Rodel lag und den Berg hinunterflitzte. Das hieß dann Nacktrodeln. Dabei war es nur Nacktbusig-Rodeln - mehr nicht. Und schon gar kein FKK.
FKK heißt also doch: ganz nackt?
Der wichtigste Unterschied ist, dass die FKK-Nacktheit nicht mit einem erotischen Anreiz verbunden ist. Ein nackter Mensch schaut dem anderen in die Augen, er will wissen, wer ihm gegenübersteht, mit wem er redet. Ich sehe natürlich trotzdem, ob es ein junger, hübsch gebauter Mensch ist oder nicht, aber ich begrapsche ihn nicht mit den Augen.
Was machen FKK-Vereine, um neue Mitglieder zu werben?
Wir versuchen es über den Sport, aber auch das ist oft schwierig. Weil wir uns überwiegend nackt bewegen, haben wir bisher vor allem Sportarten wie Volleyball, Indiaca, Faustball oder Schwimmen angeboten. Trendsportarten wie Skaten oder Mountainbiken setzen sportliche Bekleidung voraus, zum Schutz des eigenen Körpers. Deshalb gibt es FKK-Vereine, die diese Sportarten anbieten und sich außerhalb des Geländes im Wald oder auf der Skateanlage treffen - angezogen.
Geben Sie damit nicht Ihre Prinzipien auf?
Ich finde, man muss sich mit den Gegebenheiten arrangieren. Was nützt es, sich auf ein hohes Ross zu setzen und zu sagen: Wir spielen wie vor 50 Jahren nackt Ringtennis - wenn wir damit alleine sind auf dem Planeten? Aber es gibt auch Grenzen. Wenn wir in unseren Schwimmbecken, wo nackt zu schwimmen das oberste Gebot ist, plötzlich einem Neumitglied gestatten würde, textil zu schwimmen, dann würden wir unsere Identität verraten.
"es gibt immer weniger Deutsche" : FKK = Verklemmte
anna bez (berlin)
- 20.08.2011, 15:30 Uhr