20.06.2009 · Nach jahrelangem Prozessieren um den „Ötzi“ ist es nun zu einer außergerichtlichen Einigung gekommen. Die Witwe von Helmut Simon, der den Touristen-Magnet fand, forderte Finderlohn. Nach zwei verlorenen Prozessen kam es nun zur Einigung.
Von Reinhard Olt, WienErika Simon ist „erfreut und erleichtert“. Sie hat sich mit Südtirol „verglichen“. In einem Rechtsstreit, der Jahre währte und dessen Ende, den ihr Mann Helmut nicht mehr erlebte, ihr und ihren beiden Söhnen 150.000 Euro eintragen wird. Auf diese Summe hat sich die Südtiroler Landesregierung mit dem Anwalt der Simons in der gerichtlichen Auseinandersetzung um den Finderlohn für die Entdeckung der vorzeitlichen Gletschermumie „Ötzi“ geeinigt. Erika und ihr 2004 während einer Bergwanderung tödlich verunglückter Mann Helmut Simon hatten den „Mann vom Hauslabjoch“ vor knapp 18 Jahren unterhalb des Similaungletschers in den Ötztaler Alpen auf Südtiroler Gebiet gefunden. „Ötzi“, Touristen-Magnet im Bozner Archäologiemuseum, wo er hinter Glas in der eigens für ihn errichteten Kühlkammer zu bestaunen ist, ist die Attraktion nicht nur der Südtiroler Landeshauptstadt, sondern mittlerweile längst Anziehungspunkt für all jene, die sich auf der Welt mit „Mumienforschung“ befassen.
„Wer war ,Ötzi'?“
Kein Wunder also, dass sich die Simons mit den ursprünglich vom Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder angebotenen 50.000 Euro als „Finderlohn“ nicht zufrieden geben wollten. Und schließlich ging es nicht mehr allein darum, sondern auch um die enormen Gerichts- und Anwaltskosten, die im Zuge zweier Prozesse angefallen sind, welche das Land Südtirol verlor. Der Anwalt hatte die Geldforderung mit den hohen Einnahmen begründete, die in Südtirol mit der Vermarktung der Mumie erwirtschaftet werden: „Südtirol ist eine wohlhabende Provinz. Da kann sie auch mal die Nachfahren jenes Mannes finanziell unterstützen, der mit dem Fund die Voraussetzungen für den Ötzi-Boom geschaffen hat“.
Helmut Simon hatte mehrere italienische Gerichte bemüht. Der Fall sollte demnächst vor dem Kassationsgericht in Rom verhandelt werden. Nun habe man nach dem Motto „Ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende“ den Kompromiss akzeptiert, ließ der Anwalt verlauten, die Zahlung wird demnächst in Bozen vorgenommen. Er werde daher eigens von Nürnberg, dem Wohnort der Simons, nach Südtirol reisen, möglicherweise begleitet von den Familienmitgliedern. Die nunmehrige außergerichtliche Einigung sieht vor, dass jede Partei ihre eigenen Anwaltskosten trägt; die Kosten für zwei verlorene Prozesse trage hingegen die Südtiroler Landesregierung.
Blieb unter dem Gletscher über Jahrtausende erhalten
Trotz jahrelanger Erforschung ist die Frage „Wer war ,Ötzi'?“ nach wie vor unbeantwortet. Die Schlußfolgerungen der Wissenschafter nach mehr als sechs Jahren Eismannforschung mit weltweiter Beteiligung und rund sieben Millionen Euro Kosten erbrachten genetisch Unauffälliges. Fest steht, dass „Ötzi ein etwa 45 Jahre alter und 160,5 Zentimeter großer Jungsteinzeitmensch gewesen ist, der vermutlich als Hirte unterwegs war. Sein morphologischer Befund zeigt den Kampf ums Überleben, mit frischen Rippenbrüchen war er möglicherweise auf der Flucht vor Verfolgern über den Alpenhauptkamm schließlich unterhalb des Hauslabjochs in „linksseitiger Schlafstellung“ gestorben. Noch in seiner Todesnacht bedeckte ihn Schnee, so dass er als „Gefriergetrockneter“ unter dem Gletscher über Jahrtausende erhalten blieb Computertomographische und röntgenologische Untersuchungen erbrachten an Befunden: Bruch des linken Oberarmknochens im Zuge der „Einsargung“; Frakturen des Gehirns aufgrund von „Bergungsunglücken“ sowie weitere Deformationen der Eisleiche aufgrund ihres langen Aufenthalts im Gletscher. „Ötzi“ hatte ein gebrochenes Nasenbein, das zu Lebzeiten wieder angeheilt war. Sodann waren seine 6. und 7. Rippe gebrochen, dies kurz vor seinem Tod erlitten, so dass es nicht mehr zu einer Heilung kam.
Das harte Leben des Ötzi bzw. der Menschen in der Jungsteinzeit überhaupt zeigt sich an der Arthrose an seiner rechten Hüfte, an Arterienverkalkung und Verschleißerscheinungen an den Gelenken sowie verheilten Knochenbrüchen und Erfrierungen. Er litt an Blutarmut, dürfte lediglich ein Gewicht von 40 bis 50 Kilogramm gehabt haben. Endoskopische Untersuchungen zeigten starken Wurmbefall im Darm. Das überraschendste Ergebnis für die Ötzi-Forscher war, wie gut die Gewebe erhalten sind.
Outfit des „Ötzi“
Anhand der in Bozen ausgestellten Beifunde ist für den Betrachter eine imaginäre Reise in die Jungsteinzeit möglich. Das Gewand des mehr als 5.300 Jahre alten „Ötzi“ ist die erste vollständig erhaltene respektive rekonstruierbare Kleidung aus dieser Epoche. Seine Ausrüstung mit Waffen, Geräten, Werkzeugen und Behältern gibt ebenfalls Einblick in jungsteinzeitliches Leben. Das „Outfit des „Ötzi“ ist zweckgerecht: Leggings aus Ziegenfell mit „Strapsen“ an einem Kalbsledergürtel befestigt, die Mütze aus Bärenfellstücken, das Cape aus länglichen Ziegenfellstücken, die Schuhe aus Bären- und Hirschfell sowie Gräsern. Das Beil aus Eibenholz und einer Kupferklinge, das Ötzi bei sich hatte, ist hervorragend gearbeitet. Der Urtiroler war außerdem mit einem halbfertig geschnitzten Bogen und einem Köcher unterwegs. Im Köcher waren unter anderem zwei beschädigte Pfeile, zwölf Rohschäfte, eine Bogensehne und ein spitzer Dorn aus Hirschgeweih zum Enthäuten von Tieren. Im Bozner Landesmuseum für Archäologie sind Kleidung und Ausrüstung in zwölf Hochsicherheitsvitrinen ausgestellt. Die Beifunde wurden im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz restauriert und konserviert.
Elisabeth Rastbichler könnte geradezu einen Krimi über Entdeckung und Bergung des Eismannes schreiben. Die Innsbrucker Archäologin hatte einst die Fundgeschichte zu rekonstruieren. Sie war ehedem auch als Zeugin im Prozess der Simons aus Nürnberg gegen Südtirol geladen. Die Wissenschaftlerin hatte insgesamt 22 Personen befragt, darunter die Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner und Hans Kammerlander, die in den vier Tagen zwischen Fund und Bergung der Leiche den Fundort betreten hatten. Die beiden hatten „Ötzi“ zunächst für eine allenfalls zweihundert Jahre unter dem am Rande geschmolzenen Gletscher liegende Leiche gehalten. Das Aufsehen erregende Alter war erst erkannt worden, als Ötzi in Innsbruck auf dem Seziertisch lag. Die Beifunde waren von der Gendarmerie in einem Müllsack abgegeben worden, „für den Archäologen eine Katastrophe“, so Frau Rastbichler.
Entdeckung der Leiche
Die Simons schilderten ihr die Entdeckung der Leiche wie folgt: „Beim Abstieg von der Similaunhütte ins Schnalstal überquerten wir ein Schneefeld mit einem kleinen Schmelzwassersee. Durch Zufall gingen wir links herum und standen plötzlich vor einer Leiche, die zur Hälfte aus dem Eiswasser ragte“. Im Schreck machten sie ein Foto - das letzte auf ihrem Film -, da sie Sorge hatten, sich die Fundstelle nicht genau merken zu können und ihnen niemand glauben würde. Dann gingen sie zurück zur Similaunhütte und meldeten den Fund dem Hüttenwirt Markus Pirpamer.
Der Hüttenwirt habe die Carabinieri von Schnals sowie die Gendarmerie in Sölden verständigt. Von österreichischer Seite sei am Tag darauf ein Gendarmen zur Fundstelle geflogen worden, der mit einem Pressluftbohrer die Leiche aus dem Eis stemmen wollte. Das sei nicht gelungen. Nach einer Stunde sei er ins Tal zurückgeflogen worden und habe Ötzis Beil mit auf den Gendarmerieposten in Sölden genommen. Schließlich sei die Leiche erst drei Tage später geborgen werden. Von der Innsbrucker Gerichtsmedizin verständigt, da bei dem Toten Beil und Steinmesser gefunden worden seien, habe das Ausmaß des Fundes erst am Dienstag festgestellt werden können. Erst dann konnte der (mittlerweile verstorbene) Frühgeschichtler Konrad Spindler der Welt mitteilen, dass die entdeckte Gletscherleiche einige tausend Jahre alt sei. Womit sich „Ötzi“, der Bergtote, in eine Weltsensation verwandelte, deren „höchst rentierliche Vermarktung“ sich Südtirol gerne und mit enormem Aufwand angelegen sein ließ.
Reinhard Olt Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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