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Freitag, 10. Februar 2012
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Finanzkrise Die Party geht weiter

22.06.2009 ·  Finanzkrise? Davon lassen wir uns die Laune nicht verderben! Bei den Investmentbankern in New York knallen wieder die Korken. Nur merken soll es möglichst niemand.

Von Lars Jensen
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Eine Strategie, um die große Rezession in Manhattan zu überstehen: Man hält die laufenden Kosten gering und sucht sich Bekannte aus New Yorks einziger florierender Branche, der Hochfinanz. Ein paar neue Freunde von der Wall Street heben die Laune, denn sie sind inzwischen die einzigen, die ab und zu mal eine Rechnung im Restaurant übernehmen, ohne zu zögern. Modedesigner und Architekten, Werber und Anwälte trifft man dieser Tage am Kühlregal im Discounter. Die Jungs aus der Finanzbranche hingegen genießen ihre Freizeit, als lebten wir im Jahr 2007. Einige von ihnen sind sogar ganz nett.

Mein Bekannter von der Wall Street legt Wert darauf, dass sein Name nicht erwähnt wird. Nennen wir ihn also George. George, 27, arbeitet als Analyst bei einem der fünf großen Hedge-Fonds. Anfang Mai legte ihm sein Chef einen Brief zur Unterschrift vor: Alle Mitarbeiter verpflichteten sich, in der Öffentlichkeit bescheiden und zurückhaltend aufzutreten. Eigentlich gab es Grund zum Feiern: Das erste Quartal 2009 war eines der erfolgreichsten seit Gründung des Unternehmens, und die Aussichten für das Jahr waren glänzend.

Gigantische Bonuszahlungen als Weihnachtsgeschenke

Kurz vor Weihnachten werden George und seine Kollegen gigantische Bonuszahlungen kassieren. Fast wie früher. George rechnet mit einer siebenstelligen Summe. Doch seine Chefs wissen um die Gefahr. Wenn die jungen Kollegen mit ihrem neuen Reichtum die Neider aus der kollabierenden Realwirtschaft provozieren, könnten die Diskussionen um die Gehälter wieder beginnen.

"Niemand kann uns verbieten, Sportwagen zu kaufen", sagt George. "Doch uns wurde deutlich gemacht, dass die Firma Wert legt auf Understatement in der Öffentlichkeit. Wenn einer von uns mit einem Ferrari vorm Restaurant vorfährt und Tausend-Dollar-Weine bestellt, wirkt sich das bestimmt nicht positiv aus auf seine Karriere." Die klassischen Angeber-Restaurants im Meatpacking District meiden George und seine Kollegen. Sie treffen sich lieber in unverdächtigen Lokalen der Lower East Side. Im "Satsko" zum Beispiel, einem Japaner an der Eldridge Street. An Wochenenden wird das enge Restaurant zu einer Mini-Disco für Finanzexperten. Kein Fremder würde ahnen, wie viele Gäste Millionäre sind.

Mit der Baseballkeule durch die Chambers Street

Die meisten New Yorker träumen davon, zur Lunchzeit mit einer Baseballkeule an der Chambers Street oder der Maiden Lane wahllos um sich zu hauen. Mit jedem Schlag würde man den Richtigen treffen, heißt es gern. Auf diesen Straßen drängeln sich die Broker, Analysten, Rating-Experten, Anlageberater, Investmentbanker, deren Geschäftsgebaren mitverantwortlich ist für die Krise, die in jedem Winkel der Erde Vermögen und Arbeitsplätze vernichtet. Überall, nur nicht in den Wolkenkratzern der Finanzindustrie.

Zwar gab es Ende vergangenen Jahres eine Entlassungswelle, bei der etwa jeder zehnte der 400 000 Jobs in New Yorks Finanzbranche verloren ging. Die Banken entledigten sich aber vor allem der unproduktiven Mitarbeiter, die sie ohnehin loswerden wollten. Inzwischen überbieten sich die Firmen wieder mit ihren Gehältern, um die besten Talente unter Vertrag nehmen zu können. "Ich habe keine Veränderungen bemerkt bei den Gehaltsverhandlungen", sagt Sandy Gross von der Personalberatung "Pinetum Partners". "Die Wall Street denkt realistisch. Alle Firmen müssen ihr Humankapital schützen."

Geld für die Banken vom Staat

Sie brauchen es dringend, um phantastische Gewinne zu realisieren, die derzeit möglich sind. Amerikas Leitzinsen liegen seit Monaten nahe null Prozent - der Staat verschenkt Geld an die Banken. Im ersten Quartal 2009 hielten laut "New York Times" allein sechs große Banken 36 Milliarden Dollar zurück, um ihre Mitarbeiter zu bezahlen. Brad Hintz, ein bekannter Veteran der Branche, sagt: "Es ist wie in jeder Krise, sie fangen an zu sündigen, sobald man sie lässt." Bei Goldman Sachs etwa beträgt der Durchschnittsverdienst je Mitarbeiter umgerechnet aufs Jahr 569 220 Dollar. Fast so viel wie im Rekordjahr 2007.

Während des ersten Quartals fielen Aktienkurse und Rohstoffpreise auf historische Tiefs. Seitdem erholten sich die Werte um vierzig oder fünfzig Prozent, was für die Profite im zweiten Quartal durchaus hoffen lässt. Nun beeilen sich viele Finanzhäuser, die staatlichen Kapitalspritzen zurückzuzahlen, weil sich die Empfänger dieser Gelder zu bescheidenen Gehältern verpflichten. Doch wie soll etwa Morgan Stanley seine verdienten Mitarbeiter halten, wenn es keine Boni zahlen darf? Der Konzern sitzt auf Giftpapieren im Nennwert von unbekannter Milliardenhöhe, verlor 578 Millionen Dollar im laufenden Geschäft, legte aber 2,1 Milliarden für Kompensation zurück.

Dilemma im Gemeinwesen

Das Gemeinwesen von New York steht vor einem Dilemma. Alle Bürger und Politiker und selbst viele Banker sind überzeugt, dass die obszönen Gehälter der Finanzbranche reguliert werden müssen. Doch die Stadt würde eine Reform hart treffen. Zwar ist nur einer von 14 Arbeitnehmern in der Finanzbranche beschäftigt, aber diese kleine Gruppe beschert der Stadt ein Viertel ihrer Steuereinnahmen.

Auch New Yorks Luxusindustrie ist abhängig von den Boni der Wall Street - und sie kommt gerade wieder in Schwung. Hall F. Willkie, Chef des exklusiven Maklerbüros "Brown Harris Stevens", sagt: "Wir haben Stress, das Tempo zog plötzlich an." Im März hatte seine Firma zwei Drittel weniger Verträge abgeschlossen als 2008. Für den Mai lag die Zahl der Verkäufe fast gleichauf mit dem Vorjahr.

Auswirkungen auch im Gastronomiegewerbe spürbar

Auch einige Restaurantbetreiber scheinen wieder hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Im Winter hatten sie mindestens ein Dutzend Eröffnungen auf unbestimmte Zeit verschoben. Innerhalb weniger Wochen starten demnächst die ambitionierten Restaurants "Marea", "Oceana", "SD26", "Civetta" und der "Standard Grill" den Betrieb.

Im Erdgeschoss des neuen Wolkenkratzers der Bank of America am Bryant Park investiert Starkoch Charlie Palmer acht Millionen Dollar in das "Aureole". An das neue Understatement seiner Kundschaft passte er sich an. Die Räume sind nüchtern eingerichtet, und einen Teller Nudeln gibt es für 18 Dollar. "Ich habe mein erstes Steakhaus ein paar Wochen nach dem Crash von 1987 eröffnet", sagt Palmer. "Die Geschichte wiederholt sich. Bald werden die Leute wieder ungeniert Filet und Bordeaux bestellen statt Suppe und Sprudelwasser."

Sogar in einigen Kunstgalerien in Chelsea steigen die Verkäufe seit einigen Wochen sprunghaft an. Eine Sprecherin der "David Zwirner Gallery" erzählt, die Umsätze lägen etwa auf dem Niveau des sehr guten Vorjahres. Und bei "Gagosian" lockte eine Ausstellung mit Spätwerken von Picasso mehr Interessenten, als in die Säle passen.

Vorboten des ersehnten Aufschwungs?

Zeigen sich in New York die Vorboten des ersehnten Aufschwungs? Sind steigende Aktienkurse ein Indiz dafür, dass die Arbeitslosen bald wieder Jobs finden? Eher nicht. Aber wer will der Finanzindustrie schon ihre gute Laune verübeln, wo sie doch von der Regierung großzügig mit zwei oder drei Billionen Dollar (genaue Zahlen kennt niemand) alimentiert wird. Die beiden ehemaligen Banker und Wall-Street-Kritiker Sandy Lewis und Bill Cohan schrieben unlängst in einem Essay: "Vor sechs Monaten glaubte niemand, unser Bankensystem sei funktionstüchtig. Warum investiert die Regierung so viel, um dieses Wrack zu reparieren? Alle Programme, von den staatlichen Hilfsgeldern bis zu den Stresstests, versuchen, entweder die Wahrheit zu vertuschen oder den Untergang des Systems hinauszuzögern."

Am Donnerstag zeigten einige Fotos in den Tageszeitungen Börsenhändler, die Finanzminister Timothy Geithner im Fernsehen bei der Präsentation der geplanten Finanzaufsichtsreform zuhören. Die Händler wirken sichtlich entspannt, einige lachen - damit kann man leben. Im "Burger Shoppe" an der Brooklyn Bridge wagen sich die Broker derweil wieder an ihre 175 Dollar teuren Kobe-Beef-Burger mit Trüffeln - und tun so, als handle es sich um ein Vier-Dollar-Modell. Am ehrlichsten formulierte es ein 29 Jahre alter Investmentbanker, der an einem Samstagnachmittag im exklusiven Brunch-Restaurant "Merkato 55" eine Champagnerflasche köpfte und dem Reporter der "New York Times" folgenden Satz in den Block diktierte: "Wenn Sie mich im Oktober gefragt hätten, wäre ich nicht so guter Laune gewesen. Doch dann gab uns die Regierung zehn Milliarden Dollar." Mein Bekannter von der Wall Street sagt, dieser Investmentbanker sei schlecht beraten. Dass das Geld vom Staat komme, dürfe man nämlich niemals erwähnen.

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