04.07.2004 · Warum sind so viele meiner Landsleute eigentlich so wahnsinnig fett? Der Regisseur Morgan Spurlock hat nachgeforscht: Einen Monat lang hat er sich nur von Fast food ernährt - und einen Film darüber gedreht.
Warum sind so viele meiner Landsleute eigentlich so wahnsinnig fett? Der Regisseur Morgan Spurlock hat nachgeforscht: Einen Monat lang hat er sich nur von Fast food ernährt - und einen Film darüber gedreht.
Haben Sie nach dem Ende Ihres dreißigtägigen Fast-food-Selbstversuchs jemals wieder bei McDonald's gegessen?
Ich war zwar hinterher noch ein paar Mal dort - jedoch nur für Dreharbeiten. Gegessen habe ich bei McDonald's nicht mehr. Aber um eines klarzustellen: Ich selbst mag Hamburger sehr gern - wenn die Qualität stimmt und die Zutaten gut sind. Leider ist das
bei den Ketten-Schnellrestaurants eben nicht der Fall.
Woraus bestand Ihre erste Mahlzeit nach dem Fast-food-Marathon?
Gegenüber von meinem Büro in New York gibt es so eine japanische Nudelküche, und da habe ich mir eine große Schale Miso-Suppe bestellt mit Bergen von Gemüse drin. Ich habe dem Besitzer gesagt: "Machen Sie richtig viel Gemüse rein." Der arme Mann konnte gar nicht fassen, wieviel frisches Gemüse ich haben wollte - mein Appetit darauf war einfach unbändig.
Welche körperlichen Veränderungen haben Sie an sich während des Selbstversuchs festgestellt?
Die deutlichste Veränderung war nicht einmal körperlicher, sondern eher seelischer Art. Nach einiger Zeit war es so, daß ich nach einem Essen bei McDonald's geradezu euphorisiert war, dann aber später in einen Zustand der Niedergeschlagenheit und Erschöpfung verfiel. Außerdem bekam ich Kopfschmerzen, die erst verschwanden, wenn ich wieder bei McDonald's gegessen hatte. Völlig verrückt. Mal abgesehen davon, daß ich irgendwann Erektionsstörungen bekam, daß mein Cholesterinspiegel und mein Blutdruck besorgniserregend anstiegen und meine Leber so fett wurde, daß mein Arzt sie mit einer Pastete verglich. Natürlich nahm ich auch an Gewicht zu, rund elf Kilo in dreißig Tagen.
Klingt ziemlich ungesund...
Das war es auch. Die Ärzte rieten mir, das Experiment abzubrechen.
Kann man süchtig nach Fast food werden?
Ich glaube nicht, daß die Fast-food-Ketten irgendwelche Zusatzstoffe in ihre Produkte mischen, um ihre Kunden süchtig danach zu machen. Aber ich bin überzeugt davon, daß der menschliche Körper sich an eine übermäßige Fett- und Zuckerzufuhr so sehr gewöhnen kann, daß ein regelrechtes Suchtverhalten daraus entsteht. Das gilt ja nicht nur für Hamburger oder Pommes frites, sondern zum Beispiel auch für Kaffee. Denken Sie doch nur daran, wieviel Zucker und Sirup man sich in Läden wie "Starbucks" in den Latte Macchiato schütten kann.
Ist McDonald's ein Fall für die Drogenfahnder?
(lacht) Das müssen die Drogenfahnder schon selbst entscheiden.
In Ihrer Heimatstadt New York ist das Rauchen an öffentlichen Orten verboten, gleichzeitig gibt es aber Tausende Fast-food-Filialen. Wenn Ihr Selbstversuch tatsächlich so ungesund war, ist das eigentlich inkonsequent...
Na ja, die Konsequenz wäre dann ja, daß man Hamburger-Essen in der Öffentlichkeit verbietet. Aber der Unterschied besteht natürlich darin, daß niemand rauchen muß, wohingegen Essen lebensnotwendig ist.
Niemand ist gezwungen, sich von Fast food zu ernähren.
Stimmt, aber zumindest in Amerika ist Fast food inzwischen so dominierend, daß es für die meisten Menschen zum ganz normalen Bestandteil ihres Lebens geworden ist. Selbst in jeder Tankstelle wird man ja heute mit Fett und Zucker geradezu bombardiert - überall stehen Chips oder Schokoriegel rum. In meiner Kindheit gab es an Tankstellen allenfalls noch Motorenöl oder Scheibenwischer zu kaufen.
Aber wenn man bedenkt, daß Studien zufolge fettreiche Ernährung in Amerika nach dem Rauchen die zweithäufigste vermeidbare Todesursache ist, müßten die Gesundheitsbehörden doch alarmiert sein. Warum schreitet der Staat nicht ein?
Wahrscheinlich, weil man sich dieser ganzen Problematik derzeit erst richtig bewußt wird.
Werbeverbote für Fast food? Warnhinweise auf Hamburger-Schachteln?
Ich glaube, die Bevölkerung müßte zumindest besser über die Gefahren informiert werden, die von dieser Art Nahrungsmittel ausgehen können. Das Schlimme aber ist, daß an unseren Schulen das Thema gesunde Ernährung praktisch nicht stattfindet. Statt dessen serviert man den Kindern solches Essen schon in der Schulkantine und formt sie so zu Fast-food-Junkies.
Fast food in Schulkantinen?
Na klar, das hängt mit den schrumpfenden Budgets zusammen, über die die öffentlichen Schulen bei uns verfügen. Da muß dann gespart werden, und da freut sich natürlich eine Schulleitung, wenn ein Fast-food-Konzern sagt: "Paßt mal auf, wir bewirtschaften eure Kantine, und ihr bekommt dafür die Hälfte der Umsätze." Mit dem Ergebnis, daß die Kinder nur noch Mist zu essen kriegen und mit Fett und Zucker vollgepumpt werden. Das Übergewicht wird an den Schulen sozusagen programmiert...
... und ist nicht unbedingt in erster Linie ein typisches Problem von Menschen aus unteren Einkommensschichten, wie es oft heißt?
Zwei Drittel aller erwachsenen Amerikaner leiden mittlerweile unter Übergewicht. Das können ja nicht alles arme Leute sein. Nein, Übergewicht und Fettleibigkeit sind längst zu einem klassenübergreifenden Problem geworden. Das hängt auch damit zusammen, daß die Portionen immer größer werden - die früher normale Portion Pommes frites bei McDonald's zum Beispiel ist heute die kleinste und hat 200 Kalorien. Inzwischen bekommen Sie dort sogar eine Super-sized-Portion mit rund 600 Kalorien.
Mit Ihrem Film haben Sie in Amerika ja eine große Diskussion über dieses Thema angestoßen. Aber erreichen Sie auf diese Weise überhaupt die eingefleischte Fast-food-Kundschaft?
Mittlerweile schon, der Film läuft ja in mehr als 250 amerikanischen Kinos. Also erreiche ich natürlich auch die sogenannten "Super Heavy Users" - Leute, die drei- bis viermal in der Woche bei McDonald's essen.
Wie reagieren die?
Es gibt im wesentlichen zwei Fraktionen. Die einen kommen aus dem Kino und sagen: "Ich werde mein Leben lang keinen Hamburger auch nur mehr anfassen." Die anderen sagen: "Ich sollte wirklich besser auf meine Ernährung achten und mache erst mal halblang mit Fast food." Und dann gibt es natürlich noch ein paar wenige, die haben von den vielen Burgern im Film so einen Appetit bekommen, daß sie gleich als erstes zu McDonald's gehen.
Die Fast-food-Ketten haben ja offenbar selbst erkannt, daß ihnen allein mit Hamburgern und Pommes frites ein Image-Problem droht, und setzen neuerdings verstärkt auf Salate. McDonald's hat sogar ein "Step-o-meter-Menü" im Angebot, bei dem den Kunden ein Schrittzähler mit aufs Tablett gelegt wird. Sieht so die Zukunft des Fast food aus?
Ich glaube, daß es in Zukunft ganz neue Typen von Schnellrestaurants geben wird, die tatsächlich gesünderes Essen verkaufen. Ob McDonald's mit dieser Strategie Erfolg haben wird, wage ich allerdings zu bezweifeln. Die Leute gehen halt zu McDonald's, um einen Big Mac zu essen, und nicht wegen Salat. Tatsache ist doch, daß weniger als ein Prozent aller McDonald's-Kunden einen Salat bestellen.
Wie hat eigentlich die Fast-food-Industrie auf Ihren Film reagiert?
In den Vereinigten Staaten hat McDonald's meinen Film als Unfug abgetan. Komischerweise haben die aber angekündigt, daß das "Super-sizing" - für einen geringen Aufpreis bekommt der Kunde eine extragroße Portion - Ende des Jahres eingestellt werden solle. Außerdem brachte McDonald's gerade erst ein Ronald-McDonald-Fitness-Video auf den Markt, was wirklich ziemlich komisch ist. Als ich unlängst in Australien unterwegs war, lobte der dortige Boß von McDonald's meinen Film sogar, weil er auf das Problem der Übergewichtigkeit aufmerksam mache. Als der Film dann rauskam, startete McDonald's allerdings eine millionenteure Gegenkampagne. Und in Amerika habe ich es oft erlebt, daß Radio- oder Fernsehsender nicht über den Film berichteten, weil McDonald's damit drohte, die Rundfunkwerbung zu stornieren.
Konnten Sie sich schon von der Qualität der deutschen McDonald's-Filialen überzeugen?
Bisher leider noch nicht.
An Thanksgiving vor zwei Jahren saß Morgan Spurlock auf der Couch im Wohnzimmer seiner Eltern in West Virginia und sah Nachrichten. Zuvor hatte sich die Familie über den traditionellen Truthahn hergemacht, jetzt lief im Fernsehen ein Bericht über zwei Mädchen, die gegen McDonald's klagten.
Es war der Moment, in dem der damals 32 Jahre alte Spurlock, Regisseur und Produzent mit Wohnsitz in New York, sich zwei weitreichende Fragen stellte: Warum sind so viele meiner Landsleute eigentlich so wahnsinnig fett? Und warum sollte man dieser Frage eigentlich nicht in einem Dokumentarfilm nachgehen? Der Film ist mittlerweile fertig, heißt "Super Size Me" und war in Amerika ein großer Überraschungserfolg. Nicht nur beim Publikum (bis heute haben ihn rund 8,5 Millionen Zuschauer gesehen), sondern auch beim renommierten Sundance Film Festival, wo Morgan Spurlock dieses Jahr mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde.
Die Rahmenhandlung dieses in Michael-Moore-Manier erzählten Dokumentarfilms über Fast food und die Folgen besteht aus einem Selbstversuch: Dreißig Tage lang ernährte Spurlock sich ausschließlich bei McDonald's - morgens, mittags und abends. Eine weitere Regel: Wenn ihm bei McDonald's ein "Super-sizing" des Menüs angeboten wurde, also extragroße Portionen für einen geringen Aufpreis, durfte er nicht ablehnen.
Und Aufessen war natürlich Pflicht. Da kann einem manchmal schon übel werden: Nach dem Verzehr eines "Super-Sized"-Menüs in seinem Auto muß Regisseur und Testperson Morgan Spurlock ziemlich schnell die Fensterscheibe runterkurbeln, um sich zu übergeben. Aber keine Sorge: Er wurde während des gesamten Fast-food-Marathons von einem Ärzteteam überwacht. "Super Size Me" kommt am 15. Juli in die deutschen Kinos. (mar.)