29.09.2005 · Es herrscht dicke Luft: Messungen der Nichtraucherinitiative München haben ergeben, daß in mehreren Wiesn-Zelten der EU-Grenzwert zur Feinstaubbelastung weit überschritten wird.
In den Wiesn-Zelten auf dem Münchner Oktoberfest herrscht dicke Luft. Zu diesem Ergebnis kommt eine Partikel-Messung der Münchner Nichtraucher-Initiative (NIM). Demnach wurden in mehreren Wiesn-Zelten die EU-Grenzwerte zur Feinstaubbelastung zum Teil um das Sechsfache überschritten.
Der Chef des Münchner Verbandes und Vizepräsident der Nichtraucherinitiative Deutschland, Ernst-Günther Krause, spricht von „erschreckenden Ergebnissen“. Das Partikelmessgerät zeigte mehrfach Werte von bis zu 300 Mikrogramm pro Kubikmeter an - der Grenzwert liegt bei 50 Mikrogramm.
Gastronomie: Krebs-Gefahr
Vorgenommen hat die Messungen Friedrich Wiebel vom bundesweiten ärztlichen Arbeitskreis „Rauchen und Gesundheit“. Er sieht erhebliche Gefahren für die Besucher und vor allem für die Bedienungen, die acht und mehr Stunden durch die verrauchte Luft laufen müssen. „Die Wiesn-Kellnerin ist um ein vielfaches stärker belastet als der Polizist an der vielbefahrenen Landshuter Allee“, klagt Wiebel.
Der Toxikologe erklärt dies auch mit der Größe der Partikel. Im Tabakqualm sind seinen Angaben zufolge die Teilchen kleiner und können sich so viel leichter in den Atemwegen und der Lunge ablagern. Auch die große Höhe des Festzelts bringe da keine Erleichterung, sagt Wiebel. Die Rauchbelastung sei genauso wie in den Kneipen. Etwa 40 giftige Subtanzen wie Benzpyren oder Blausäure sind im Qualm enthalten.
Der Professor verweist in diesem Zusammenhang auch auf eine US-Studie, wonach im Gastronomiegewerbe die Gefahr, an Krebs zu erkranken, etwa doppelt so hoch ist, wie bei anderen Arbeitnehmern.
Kellnerinnen mit Gasmaske?
Der Mediziner betont: „Auch ein Mundschutz würde keinen Sinn machen, da müßten die Kellnerinnen schon mit der Gasmaske herumlaufen, um den Tabakrauch fernzuhalten.“ Für ihn ist der Qualm das reinste „Kampfgas“. Passivrauchen sei lebensgefährlich. Deshalb fordert die Nichtraucherinitiative für das nächste Jahr ein rauchfreies Wiesn-Zelt. Verbandschef Krause: „Das könnte die neue Attraktion auf dem Oktoberfest werden - ein Exempel auch für anderen große Volksfeste“, gibt er sich optimistisch.
Hier müßten sich die Stadt und die Betreiber zusammensetzen und eine Lösung finden. Was in Italien, Irland und Norwegen gehe, müßte auch in Deutschland funktionieren, ist sich Krause sicher.
Skepsis bei den Wirten
Doch da hat er die Rechnung ohne die Wiesn-Wirte gemacht. Hier herrscht große Skepsis. Wirte-Sprecher Toni Roiderer hat wenig Verständnis für die Forderung und sieht die bayerische Gemütlichkeit in Gefahr: „Wen der Rauch stört, der kann sich ja draußen hinsetzen.“
Roiderer sieht die Gesundheit der Besucher und Bedienungen „für die 16 Tage im Jahr“ nicht beeinträchtigt. Der Chef des Hacker-Zelts verweist dabei auf die modernen Abluftanlagen. Er selber ist stolzer Besitzer eines „Cabriodachs“, mit dem Roiderer für optimale Entlüftung sorgt. „Ich gehe davon aus, daß mir das schon im nächsten Jahr einige Kollegen nachmachen werden“, erklärt der Wirte-Sprecher.
Auch rauchfreie Boxen in den Zelten machen nach Roiderers Ansicht keinen Sinn, da sich der Qualm auch dorthin ausbreitet. Die Chancen für ein Nichtraucherzelt sieht Roiderer eher gering. Hier sei „die Stadt am Zug“ - die müsse ein weiteres Zelt genehmigen.
„Warum nicht auch ein Bierverbot?“
Die gesundheitliche Belastung durch den Rauch kann auch Kellnerin Vroni Egger bestätigen. Die Südtirolerin ist vom Tabakqualm genervt. „Wenn es richtig voll ist, dann ist es schon schlimm - das geht dann richtig auf die Bronchien“. Ein rauchfreies Wiesn-Zelt wäre für sie eine „gute Alternative“.
Bei den Besuchern gehen die Meinungen auseinander. Die Befürworter eines Nichtraucherzelts beklagen neben der gesundheitlichen Gefahr auch den Gestank und Brandlöcher in der Kleidung. Die meisten halten ein Rauchverbot oder ein Nichtraucherzelt für nicht realisierbar. „Da könnte man gleich über ein Bierverbot nachdenken“, gibt ein genervter Zigarrenraucher zu Bedenken.
Nach einer repräsentativen Umfrage des Peinelt-Instituts im Auftrag der Münchner Nichtraucherinitiative begrüßt eine Mehrheit der Befragten ein rauchfreies Wiesn-Zelt. 42,3 Prozent würden ein neues Wiesn-Zelt für Nichtraucher besuchen. 34,8 Prozent lehnen diesen Vorstoß allerdings ab.