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Festspiele im Regen Im Anorak durch die Galaxis

 ·  Das Wetter als besondere Herausforderung für die Schauspieler und das Publikum: Nachts, wenn die Sonne ohnehin nicht scheint, kann der Regen Teil des Festspielsommers werden.

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© dapd Platzkonzert: Auch beim Auftritt der Berliner Philharmoniker in der Berliner Waldbühne im Juni waren Regencapes das Accessoire der Stunde

Ein wenig Abenteuerlust gehört dazu. Wenn heute Abend auf der Bregenzer Seebühne ein Raumschiff startet, um zum Planeten Solaris zu fliegen, weil sich der Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem diesen Flug vor über 50 Jahren erdacht hat und der Komponist Detlev Glanert heute darin den Stoff einer modernen Oper sieht - dann gehört der Sternhimmel dazu. Und diesen, so Axel Renner, Kommunikationschef der berühmten Festspiele, gibt es nur „bei einer Darbietung in ihrer ursprünglichsten Form“, draußen, in der Natur. So werde der Charme der Veranstaltung aber auch ihr größtes Risiko. Denn es sei möglich, dass die 7000 Besucher bei der Uraufführung von „Solaris“ heute im Regen sitzen werden.

Mit Niederschlägen und Kälte ist in diesem Sommer immer zu rechnen. Er sei aber noch nicht aufzugeben. „Der August ist ja auch noch da“, sagt man beim Deutschen Wetterdienst, der die gerade herrschende Jahreszeit als „Schaukelsommer“ bezeichnet und die Beschwerden mit Zahlen untermauert. Das Sommerwetter in diesem Jahr liege hinter seinem statistischen Soll zurück, weil bislang ein stabiles Sommerhoch fehle. Während sich Betreiber von Biergärten und Betriebswirte in der Landwirtschaft über die Regenmenge und das Ausbleiben der Sonne besorgt zeigen, sehen es die Veranstalter des Festival- und Festspielsommers allerdings eher locker.

Bei schönem Wetter kommen mehr Gäste spontan

Heike Faude, Projektleiterin der Kulturarena, eines siebenwöchigen Veranstaltungsmarathons unter freiem Himmel in Jena, erwartet eine insgesamt ausgeglichene Wetterbilanz. Es sei sogar so, sagt sie, dass das Theaterspektakel, das zum Auftakt an den vier ersten Abenden nacheinander aufgeführt wird, in diesem Jahr im Trockenen gespielt werden konnte, während es im vergangenen Jahr an allen Abenden regnete. Nicht nur die Veranstalter, auch die Besucher wissen aber darüber Bescheid und kommen gut vorbereitet: mit Jacken und Decken. Einen Dresscode gibt es bei Open-Air-Veranstaltungen nicht, weder in Jena noch in Bregenz. Nur auf Schirme solle man aus Sicht- und Sicherheitsgründen verzichten.

Schlechtes Wetter könne sogar Teil eines Programms werden, sagt Ina Rumpf von den Bad Hersfelder Festspielen. Im Musical Anatevka, das in diesem Jahr in der Ruine der Stiftskirche gespielt wird, steigen die Protagonisten gegen Ende des Stückes in ein mit Daunenbettwäsche ausgestattetes Bett. Wenn es regnet, erwartet das Publikum diesen Moment besonders. Es selbst sitzt nämlich unter einem schließbaren Dach, das Frei Otto, der auch für die berühmten Dächer das Münchener Olympiaparks verantwortlich ist, vor 44 Jahren gebaut hat. Schon zuvor, wenn im Schauspiel Tevje Michael Schanze im Regen stehend den Satz „Lieber Gott! War das nötig?“ mit anschließender Pause und in den Himmel gerichtetem Blick spricht, wird die Botschaft mit Lachern und Applaus im Publikum verstanden.

Erst einmal in mehr als 60 Festspieljahren musste eine Vorstellung in Bad Hersfeld abgebrochen werden. In diesem Jahr gab es allerdings schon zwei Unterbrechungen, eine davon in der Anatevka-Premiere - der aufs Dach prasselnde Regen wurde zu laut. Unter zu wenig verkauften Karten leide man auch in diesem Jahr nicht, sagte Rumpf. Allerdings kommen bei schönem Wetter, wenn das Dach offen bleiben kann, mehr Gäste spontan.

Bei schlechtem Wetter Umzug nach drinnen

Diese Erfahrungen machen auch die Veranstalter der Eutiner Festspiele. Bei schlechter Wettervorhersage kämen eher die erfahrenen Gäste, die wissen, was sie dann anzuziehen haben, die aber auch wissen, dass sich das Wetter in Küstennähe nie so genau vorhersagen lässt, sagt Kerstin Ahrens von den Festspielen. Die Kostüme auf der Bühne werden bei Regen mit großen, durchsichtigen Regencapes geschützt. Wenn doch einmal abgebrochen werden muss, lädt der Veranstalter als Ersatz zu einer Lesung ins Kulissenlager. Bislang blieb es jedoch trocken, nur zu einer Vorstellung der Kinderoper habe es einmal kurz geregnet.

Beim Rheingau-Musik-Festival schlägt das schlechte Wetter auch nicht unmittelbar auf das Gemüt der Veranstalter oder des Publikums. Auf mehr als 45 Bühnen zwischen Mainz und Lorch werden Konzerte in historischen Umgebungen, oft unter freiem Himmel, gespielt. Bei schlechtem Wetter können sie kurzfristig nach drinnen verlegt werden. Dabei werde aber nicht nur an die Künstler und Gäste, sondern auch an die Instrumente gedacht, sagt Dramaturgin Anna-Kristina Laue. In den Räumen, in die ausgewichen werde, gebe es zwar oft genug Sitzplätze, allerdings sind viele alte Gemäuer ungünstig geschnitten, so dass doch mit Qualitätseinbußen zu rechnen sei. Manchmal aber, etwa bei der Ladies’ Night, sei der Umzug ins Innere dem Konzerterleben sogar dienlich. Der Jazzsängerin Irma China Moses gelang es drinnen, eine Bar-Atmosphäre herzustellen, die es unter freiem Himmel wohl nicht gegeben hätte.

Zu jedem Sommer gehört auch Sonne

Doch schlechtes Wetter hat auch ärgerliche Folgen. Wenn es im Rheingau regnet, sind die Wiesenparkplätze an den Spielorten kaum noch zu benutzen. In Bregenz können Abende, die abgebrochen werden, nicht an anderen Tagen wiederholt werden, dafür wäre der organisatorische Aufwand viel zu hoch. Sie müssten stattdessen von vornherein ins Festspielhaus verlegt werden, das nicht für alle Zuschauer Platz bietet und auch nur „halbszenische Versionen“ der Opern erlaubt. Es komme aber nur sehr selten vor, dass draußen abgebrochen werden müsse und Besucher auf das Finale einer Oper verzichten müssen, sagt Renner. Solch eine Entscheidung falle den künstlerischen und kaufmännischen Geschäftsführern der Festspiele sehr schwer. Sollte es zu mehr als drei Abbrüchen kommen, griffe in Bregenz sogar eine Versicherung; sie garantiert die Erstattung der Eintrittspreise. In Jena gibt es gar kein Ausfallkonzept. Würde es zu stark regnen, könnte man die Bühne mit einem eisernen Vorhang vor dem Wetter schützen, das Publikum müsste dann im Regen warten, bis es weitergeht. Doch die Abbruchvorgabe der Feuerwehr - „Windstärke 8“ - wurde bislang noch nie erfüllt. Dafür, sagt Faude, liege Jena auch zu günstig in einem Tal.

Kaum einem Veranstalter bereitet dieser Sommer besondere Sorgen. Sie berufen sich stattdessen auf jahrzehntelange Erfahrungen, die zeigten, dass zu jedem Sommer auch Sonne gehört. Ein Festspiel unter freiem Himmel sei eben eine besondere Herausforderung, für die Schauspieler und das Publikum. Wer sich auf sie einlässt, kann Besonderes erleben: Hochkultur unter freiem Sternhimmel, in Decken eingemummelt, bei einer Tasse warmen Tee.

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