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Festnahme : Von Waffensen in die Welt

  • Aktualisiert am

Wurmheimat Waffensen (Wümme) Bild: AP

Der mutmaßliche Urheber von „Sasser“ kommt aus Deutschland: Ein 18 Jahre alter Schüler aus Waffensen im Landkreis Wüppe schickte den Computerwurm auf die Reise. Er wurde festgenommen und hat ein Geständnis abgelegt.

          Das rot verklinkerte Einfamilienhaus liegt am Ortsrand von Waffensen im Kreis Rotenburg/Wümme, gegenüber stehen Pferde auf einer Koppel, dahinter erstrecken sich endlose Felder. Aus dieser 920-Einwohner-Idylle heraus hat ein achtzehn Jahre alter Schüler den Internetwurm "Sasser" in die Welt geschickt, wie er der Polizei gestand. Der Wurm infizierte seit Freitag vorvergangener Woche Millionen Computer und richtete erhebliche Schäden an.

          Am Freitag hatten die Ermittler des Landeskriminalamts (LKA) und der Staatsanwaltschaft Verden das Elternhaus des jungen Mannes durchsucht. Er sei "durchaus überrascht" gewesen, als die Beamten an seiner Tür klingelten, berichtete ein LKA-Ermittler. Die Familie - der Achtzehnjährige hat vier jüngere Geschwister - sah zu, wie die Beamten "umfangreiches Beweismaterial" sicherstellten.

          Ein Einzelgänger

          "Sasser" war geschickt programmiert, nutzte eine Schwachstelle in Microsofts Betriebssystemen Windows XP und 2000 aus. Ein infizierter Computer reichte das Virus an den nächsten weiter. Die amerikanische Fluggesellschaft Delta Airlines mußte sämtliche Wochenendflüge streichen, bei der Europäischen Kommission fielen 1200 PC-Systeme aus.

          In Waffensen, das 1988 im Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" die Goldmedaille errang, heißt es, der Schüler sei eher ein Einzelgänger gewesen. Der Berufswunsch des jungen Mannes, der im April seinen achtzehnten Geburtstag feierte, hat sich dagegen rumgesprochen: Er wollte Informatik studieren. Sehr früh sei er mit IT-Technik in Kontakt gekommen, berichtet das LKA. Die Familie besitzt ein Computer-Service-Geschäft. Der Jugendliche besucht eine Berufsfachschule für Wirtschaftsinformatik.

          Ausmaß das Schadens unterschätzt

          Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Verden wegen Computer-Sabotage. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Haft. Der junge Mann kam nach seinem Geständnis wieder auf freien Fuß. "Der Beschuldigte sagte, er habe das wirkliche Ausmaß das Schadens unterschätzt", berichtete der Leiter der Staatsanwaltschaft, Helmut Trentmann. "Nach der derzeitigen Sachlage ist mit einer Anklage zu rechnen." Außerdem könnten auf den Berufsschüler Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe zukommen. In dieser Dimension sei das Ermittlungsverfahren in Deutschland bisher einmalig, sagte LKA-Chef Rüdiger Butte am Samstag in Hannover.

          Der entscheidende Hinweis auf den Achtzehnjährigen kam offenbar aus seinem Umfeld. "Uns hat ein Anruf erreicht von Personen, die vorgaben, die Identität des Täters zu kennen", sagte Sascha Hanke von Microsoft Deutschland. Der Software-Riese will den Tipgebern jetzt nach einer Verurteilung des Täters eine Belohnung von 250 000 Dollar (210 000 Euro) zahlen, teilte der Microsoft-Vizepräsident Brad Smith in den Vereinigten Staaten mit. Zur Bekämpfung von Viren-Attacken hat Microsoft ein Fünf-Millionen-Dollar-Programm aufgelegt.

          „Leidenschaftlicher Hobby-Programmierer"

          Die Ermittler fanden auf dem PC des Berufsschülers den sogenannten Quellcode des Virus, den in einer Programmiersprache geschriebenen Text des Programms. Der junge Mann gab an, er habe vor "Sasser" auch schon Anti-Viren-Programme geschrieben. Aus dem ursprünglichen Anti-Virus "Netsky" habe er dann "Sasser" entwickelt. Der Jugendliche bezeichnete sich als "leidenschaftlicher Hobby-Programmierer". An der Suche nach dem "Sasser"-Schöpfer waren auch die amerikanischen Sicherheitsbehörden FBI und CIA beteiligt. "Man hatte den ,Sasser'-Urheber erst in Amerika vermutet, später dann in Rußland", sagte der Sprecher des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Michael Dickopf.

          Den deutschen Behörden ging am Wochenende noch ein zweiter Viren-Programmierer ins Netz: In Baden-Württemberg wurde ein 21 Jahre alter Mann festgenommen, der nach eigener Aussage zusammen mit anderen Hackern in Niedersachsen, Hamburg und Bayern den Trojaner "Agobot" programmiert hat, der später in "Phatbot" umbenannt wurde. Sogenannte Trojaner werden unbemerkt in fremde Rechner eingeschleust, um dort die Kontrolle zu übernehmen. Derzeit gebe es keine Anhaltspunkte für eine direkte Verbindung zwischen dem Baden-Württemberger und dem "Sasser"-Programmierer, teilte die Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen am Samstag mit.

          Selbstbestätigung als Motivation

          Auf der ganzen Welt kursieren nach Angaben des Karlsruher Viren-Fachmanns Christoph Fischer rund 75 000 Computer-Viren. Fischer bestätigte, daß es sich bei dem geständigen Urheber des Computerwurms "Sasser" um einen typischen Viren-Programmierer handele. Altersmäßig passe der Junge aus Niedersachsen exakt in die Szene. Manche seien Einzelgänger, manche arbeiteten aber auch in Gruppen zusammen. Als Urheber von Varianten des gefährlichen Blaster-Wurms, auch "Lovesan" genannt, hatten amerikanische Behörden zuletzt im vergangenen Herbst einen Neunzehnjährigen sowie einen weiteren Teenager festgenommen. Ein 24 Jahre alter Student aus Rumänien soll ebenfalls eine Variante des bösartigen Schädlings programmiert haben.

          Die Motivation sei in aller Regel einfach nur Selbstbestätigung. "Die haben ja meist keinen weiteren Vorteil vom Schreiben eines Wurms", sagte Fischer. Eine große "Leistung" stecke allerdings nur bei wenigen Schädlingen dahinter. Im Internet gebe es haufenweise Programm-Code-Rohlinge und entsprechendes Know-how, mit dem ein Viren-Schreiber arbeiten könne. "Das ist wie bei einem Modellbaukasten, bei dem der Schiffsrumpf schon fertig ist. Den muß man dann nur noch lackieren."

          Ihre eigene Eitelkeit wird vielen Viren-Schreibern schnell zur Falle. Untereinander brüsten sich nicht wenige mit ihren Taten nach dem Motto: "Mein Wurm ist aber viel besser als deiner." Auch der rumänische Student und Blaster-Programmierer hatte es selbst verschuldet, daß er geschnappt wurde. Er soll den Dateinamen des ursprünglichen Wurms durch seinen eigenen Spitznamen ersetzt und in einem Textanhang in abschätziger Weise den Namen eines seiner Lehrer genannt haben.

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