Am Sonntag wirkt die Weltstadt Wien wie eine Ruhezone. Der Verkehr hat nachgelassen, Fußgänger spazieren durch die engen Gassen, und bei einem Verlängerten entspannt man sich im Kaffeehaus. Auch der siebte Bezirk ist mehr verschlafenes Nest als Mittelpunkt studentischen Lebens. Der Wind raschelt in den Bäumen, eine Straßenbahn rumpelt die Gleise entlang. Aber dann reiht sich wie aus dem Nichts eine 40 Meter lange Menschenschlange um die Ecke der Kandlgasse. In Zweierreihe warten Jung und Alt vor der Glasfront eines ehemaligen Tapeziergeschäfts, mit Plastikdosen unterm Arm und laut - in der Vorfreude.
Im Schaufenster, an einer langen, geschmückten Tafel, stehen drei Schwestern aus Vorarlberg. Sie lassen heute Nachmittag mit ihrer Backkunst die Herzen der Zuckersüchtigen und Tortenliebhaber höher schlagen. „Guerilla Bakery“ nennen sie ihr köstliches Konzept, das einmal im Monat sonntags in einem beliebigen Café aufpoppt, mit Küchlein und Törtchen. In Wien gehören die jungen Frauen zu den Vorreitern der Pop-up-Küche. Seit gut einem Jahr bereits backen sie so. „Schon vor drei Jahren haben wir uns überlegt, wie schön es wäre, mit Freunden und Bekannten unsere frischen Leckereien zu teilen“, erzählt Isabel, die älteste der drei Schwestern. „Aber typisch österreicherisch haben wir das auf die lange Bank geschoben.“
Das ändert sich, als Sarah, die jüngste, einfach einen Termin über die Online-Plattform Facebook bestimmt und an ihr Adressbuch versendet. Und schon drängt die Zeit. Schnell werden frische Zutaten gekauft, die Mixer rotieren. Mitten in der Nacht werkeln die drei Schwestern, die im selben Haus wohnen, an Cupcakes und Kuchen. Der Innenhof ist erfüllt von Kuchenduft und dem Rattern der Rührgeräte. Ihren ersten Verkaufsstand eröffnen sie in Sarahs Wohngemeinschaft. Klein, fein und privat. Süßes von Freunden für Freunde. Doch nicht nur Bekannte strömen in ihr Wohnzimmer. Auch fremde Menschen, die im Internet auf den Event aufmerksam werden, klingeln an der Tür. Mit erwartungsvollen Augen und leeren Tupperdosen stehen sie vor den Tischen und bestaunen die süßen Sünden.
„Betonküche“ in leerstehenden Gassenlokalen
Das ist der Anfang. Obwohl jede der drei Frauen jeweils mehr als 200 Törtchen backt, sind die Leckereien oft schon nach 20Minuten ausverkauft. Das Ereignis spricht sich in Wien schnell herum, kleine Cafés werden auf die Schwestern aufmerksam. Sie schlagen der „Guerilla Bakery“ eine Zusammenarbeit vor. Einen Sonntag im Monat können die Schwestern die Verkaufsflächen nun nutzen und sind nicht mehr aufs eigene kleine Wohnzimmer angewiesen.
Gerührt und gebacken wird zu Hause, verkauft in der Stadt. Typisch Pop-up schlagen die Mädels kurz vor Verkaufsbeginn in dem Lokal auf, richten ihre Küchlein her, schlüpfen in bunte Schürzen und öffnen den gierigen Massen die Tür. An der Kandlgasse werden sie dieses Mal von den Betreibern der „Betonküche“ aufgenommen. Pop-up trifft Pop-up. „Pop-up zum Quadrat“, grinst Jonathan Aron Lutter, der gemeinsam mit seinen Freunden Martin Fetz und Javier Enrique Mancilla Martinez in Wien für ein Essenserlebnis der besonderen Art steht.
Von Monat zu Monat zieht ihre „Betonküche“ in ein anderes leerstehendes Gassenlokal. Davon gibt es in Wien immer mehr, weil viele Erdgeschossflächen keinen Mieter finden. Mit ihren fünf Betontischen und allerhand Küchenequipment zaubern die drei Jungs aus weißen, einfachen Geschäftsräumen wahre Kulinariktempel. Dieses Mal wird das ehemalige Tapeziergeschäft verwandelt. Pro Wochenende darf ein Koch die bunten Teller der „Betonküche“ füllen. Dafür wird er wie ein Superstar präsentiert. Auf einem Podest und mit großen Lichtinstallationen im Hintergrund wird gekocht, immer in Reichweite der 30 Gäste, die den Koch mit Fragen rund um die Rezepte löchern dürfen.
„Es ist alles minimalistisch“
„Der Koch ist für uns wie ein DJ. Er hat seinen Auftritt und darf mal zeigen, was er kann“, erzählt Fetz, der ebenfalls aus Vorarlberg stammt. Natürlich müssten sich die „Haubenchefs“ darauf einstellen, dass in dieser Küche andere Regeln gelten. „Es ist alles minimalistisch. Das Wasser bekommt man aus einem Schlauch, das Klo ist am Gang, und es kann gut und gerne mal passieren, dass die Sicherung rausfliegt“, sagt Lutter. Aber damit müsse man als Koch und Gast eben leben. Die drei Freunde haben gelernt, kleine Komplikationen zu akzeptieren. Die Aufregung vor dem Kochevent bleibt trotzdem. „Ich frage mich eigentlich jeden Abend wieder, was passieren wird.“
Die Schlange für die bunten Küchlein der „Guerilla Bakery“ ist an diesem Sonntagnachmittag wieder bunt, eine Joggerin, ein älteres Ehepaar und ein Punk geben sich die Klinke in die Hand. Kuchenfreunde finden sich überall, das wissen die drei Schwestern. „Manche nehmen unsere Cupcakes direkt mit nach Hause, andere machen es sich auf dem Gehsteig gemütlich“, sagt Isabel: Festivalstimmung auf einem Wiener Bürgersteig. „Wenn ich ein Mann wäre, ich käme jedes Mal“, sagt Sarah. „Unsere Kunden sind meist Frauen. Da kann man schnell ins Gespräch kommen.“ Dann verstellt sie die Stimme und flötet: „Ach, du hast keinen Cookie mehr bekommen? Ist doch nicht schlimm, nimm einfach meinen!“
Doch die „Guerilla Bakery“ ist mehr als ein Kuchenbuffet mit integrierter Partnerbörse. Die Vorarlbergerinnen wollen Leben in die Stadt bringen, das staubige Image der Wiener Kaffeehauskultur auflockern und das Sonntagnachmittagsgefühl der Wiener ein wenig verändern. Auch den drei Jungs der „Betonküche“ geht es mit ihrem wandernden Restaurant nicht nur ums Kochen. „Wir wollen ein Bewusstsein für diese verwaisten Lokale schaffen“, sagt Lutter. Unter den Gästen habe sich schon oft ein neuer Mietinteressent für die leerstehende Ladenfläche gefunden.
Gewinn werfen die Projekte der Wahlwiener nicht ab. Der Spaß der Leute sei Belohnung genug, sagt Hobbybäckerin Isabel. Nach dem zweitägigen Backmarathon legt sie auf der Couch die Füße hoch. Dazu gibt es ein Würstl, denn nach dem Wochenende voller Süßem muss jetzt erst einmal wieder etwas Deftiges her.