04.02.2010 · Sie prügeln, rauchen, trinken Bier und fluchen wie Traktoristen. Eine Doku-Serie über den Alltag an einer Moskauer Schule im staatlichen Fernsehen bringt die Volksseele in Wallung. Befürworter wie Gegner fragen sich: Wie konnte so etwas auf dem Ersten Kanal landen?
Von Moritz Gathmann„Mich interessiert das nicht, was Sie über Puschkin erzählen“, sagt der fünfzehnjährige Ilja Epifanow und fläzt sich auf seinem Stuhl. Die schon etwas ältere Russischlehrerin setzt eine Miene auf wie Hitler im Führerbunker kurz vor dem Untergang. „Na, vielleicht versuchst du es mal“, sagt sie und lässt Epifanow nach vorne treten. „So, was wissen wir über Puschkin?“, fragt der erwartungsvoll in die Klasse. „Dass er ein Schwarzer war, und Schwarze haben einen großen - naaa?“ Die Klasse 9a jubelt, die Lehrerin schickt den triumphierenden Epifanow zurück auf seinen Platz.
So über den hochverehrten russischen Nationaldichter Alexander Puschkin zu reden, das grenzt an Gotteslästerung. Und dann auch noch zur besten Sendezeit um 18.20 Uhr im russischen Ersten Kanal! Kein Wunder, dass russische Lehrer, Eltern und Volksvertreter seit dem Sendestart der Serie „Schkola“ (Die Schule) am 11. Januar auf die Barrikaden gehen.
Die Lehrer kapitulieren
Zehn Folgen lang haben im Schnitt 21 Prozent der russischen Fernsehzuschauer dabei zugesehen, wie die von ihren Hormonen verwirrten Schüler einer neunten Klasse sich prügeln, rauchen, Bier trinken, fluchen wie russische Traktoristen und ihre Lehrer herausfordern. Vor der selbstbewussten und enthemmten Meute kapitulieren in der Serie fast alle Lehrer. Auch die Eltern, in ihrer Mehrzahl alleinerziehend oder Alkoholiker, sind mehr mit ihren eigenen Problemen als mit denen ihrer pubertierenden Kinder beschäftigt. Die Serie erinnert an Filme wie „Dangerous Minds“ oder „Knallhart“, geschossen wird in der 9a allerdings nicht, und die wirklich harten Flüche des Jugend-Slangs haben die Macher auch herausgefiltert.
Dennoch hat „Schkola“ schon mit der ersten Folge in der russischen Gesellschaft eingeschlagen wie eine Bombe. Der Parlamentspräsident Boris Gryslow forderte vom Zweiten Kanal eine „Anti-Schkola“, ein Gegengewicht zu der so negativen Serie im Ersten. Die Duma-Fraktion der Kommunistischen Partei (KP) rief Präsident Dmitrij Medwedjew in einer parlamentarischen Anfrage dazu auf, die Serie einzustellen. „Das ist eine Provokation und ein geplanter Anschlag auf unsere Jugend“, sagte der KP-Abgeordnete Wladislaw Jurtschik und warnte angesichts solcher Serien vor einer „moralisch verkrüppelten Generation“.
Kino soll unterhalten, Kunst muss aufrütteln
Provoziert fühlen sich besonders die Lehrer des Landes: Gerade erst hat ihr Präsident das offizielle „Jahr des Lehrers“ eingeläutet. „So ein Geschenk zum ,Jahr des Lehrers' ist eine Beleidigung!“, tobt ein Lehrer auf „zavuch.info“, dem größten Lehrerforum im Internet. „Der Staat zeigt damit nur sein Verhältnis zu uns Lehrern“, ist ein anderer überzeugt. Weil unter ihren Figuren zumindest bisher kein einziger „positiver Held“ ist, wie es einst der sozialistische Realismus forderte, werfen die Pädagogen der Regisseurin Walerija Gaia Germanika in Tausenden Kommentaren „Lügen, Schwarzmalerei und Nihilismus“ vor. Und dazwischengestreut taucht im russischen Internet immer wieder die Vermutung auf, sie sei a) bisexuell, b) Jüdin oder c) Heidin.
Die junge Filmemacherin genießt ihre Rolle als Provokateurin. „Kino soll unterhalten, aber Kunst muss aufrütteln“, sagt die Fünfundzwanzigjährige, die als ihre Vorbilder Sergej Eisenstein, Albert Camus, Marilyn Manson und Caligula aufzählt. Für ihr Drama „Alle sterben, und ich bleibe“, in dem sich junge Russinnen mit dem Erwachsenwerden abmühten, erhielt Germanika 2008 in Cannes eine besondere Erwähnung in der Kategorie „Goldene Palme“. Schon dieser Film sorgte in Russland für Verstimmungen, weil auch da die jungen Hauptdarstellerinnen so grob reden, wie es eben heute zugeht in der Schule: „Spast“, „Schlampe“ und „Opfer“. „Viele nennen alle anderen Serien ,Trash', und andere nennen das, was ich mache, ,Trash'. Die Gesellschaft hat sich in zwei Pole geteilt“, stellt Germanika fest.
„Alles sehr wahrheitsgetreu“
Auf ihrer Seite steht die Jugend. Viele identifizieren sich mit den einzelnen Figuren: dem coolen Rowdy Epifanow, der frühreifen Sexbombe Olga, der hübschen, aber nicht besonders selbstsicheren Irina. „Alles sehr wahrheitsgetreu“, heißt es auf der Fanseite der Serie im sozialen Netzwerk „vkontakte.ru“, „nur wurde das früher nicht nach draußen getragen.“ Ein anderer Benutzer lobt Germanika dafür, dass sie „keine rosa Seifenblasen filmt“. Besonders gut gefällt den „Schkola“-Anhängern der dokumentalistische Handkamera-Stil: Immer wackelt das Bild, als würde da ein Schüler seine Handykamera mitlaufen lassen.
Über eines aber rätseln Befürworter wie Gegner gleichermaßen: Wie konnte so etwas auf dem Ersten Kanal landen? Der Sender gehört mehrheitlich dem russischen Staat und ist sein wichtigstes Propagandainstrument: Hier kommen Putin und Medwedjew so lange zu Wort, wie sie es für nötig halten, um den Russen zu erklären, wie sie die Welt zu sehen haben. Da es gerade Konstantin Ernst war, der Generaldirektor des Senders, der mit der Idee einer Schulserie auf Germanika zukam, liegt bei russischen Beobachtern die Vermutung nahe, dass der Segen von ganz oben kam. Selbstbewusst greift der Sender jetzt die Kritiker als „Pharisäer“ an, die nicht wollten, dass über Probleme gesprochen werde. Vor wenigen Tagen verteidigte Ministerpräsident Wladimir Putin höchstselbst die künstlerische Freiheit von Germanika, auch wenn er im Gespräch mit Studenten bekennen musste, die Serie selbst nicht gesehen zu haben.
Anomalie im Kreml-Fernsehen
Will der Kreml seine Bürger also im „Jahr des Lehrers“ aufrütteln? Der Zustand der russischen Gesamtschulen ist miserabel. Russlands Bildungsminister bekannte sogar, in Wirklichkeit sei „alles noch schlimmer, als es in der Serie gezeigt wird“. Bis zuletzt aber stand die Schule immer im Schatten anderer Probleme. Ein Lehrer verdient heute im Schnitt um die 17.000 Rubel (400 Euro); Lehrer in der Provinz, besonders wenn sie am Anfang ihrer Karriere stehen, bekommen zuweilen nicht mehr als umgerechnet 100 Euro. Wen wundert es da, dass von den 1,3 Millionen russischen Lehrern aktuell nur sieben bis zwölf Prozent Nachwuchslehrer sind, wie Präsident Dmitrij Medwedjew vor wenigen Tagen öffentlich beklagte. Junge Uni-Abgänger sehen in der Schule keine Perspektive und werden lieber „Bisnesman“ oder Manager. In der Schule bleiben Idealisten zurück und Lehrer, die ihre Ausbildung in tiefsten Sowjetzeiten erhalten haben und mit der MTV- und SMS-Jugend kaum noch eine gemeinsame Sprache finden. In „Schkola“ ist diese Überalterung in einem siebzigjährigen Geschichtslehrer personifiziert, der gleich in der ersten Folge einen Herzinfarkt erleidet.
Eine andere Erklärung für diese Anomalie im Kreml-Fernsehen hat Juri Klawdijew, Drehbuchschreiber der Serie. Er vermutet, mit „Schkola“ versuche der Erste Kanal das junge Publikum wiederzugewinnen, das in den vergangenen Jahren, gelangweilt vom staatlich kontrollierten Fernseheinheitsbrei, zu Privatsendern wie MTV abgewandert ist. Diese Version unterstützt auch Michail Zygar von der wichtigen Tageszeitung „Kommersant“: „Die schockierendste Entdeckung für den Kreml im letzten Jahr war, dass die russische Jugend dem Fernsehen nicht glaubt.“ Die Serie dient demnach als Köder, um bei den 2012 anstehenden Präsidentenwahlen Einfluss auf die junge Wählergeneration ausüben zu können.
Krach machen und durchs Klassenzimmer laufen
Die Diskussion steuert derzeit vermutlich ihrem Höhepunkt entgegen, aber dass die Serie tatsächlich abgesetzt wird, glaubt niemand. Eher noch könnte das Projekt an einem Konflikt hinter den Kulissen scheitern: Eine Sprecherin des Senders bekannte jetzt, dass die Folgen erst bei der täglichen Wiederholung um 23.30 Uhr unzensiert gezeigt würden - die härtesten Szenen wolle man dem „nicht gerade tolerantesten Publikum“ um 18.20 Uhr nämlich nicht zumuten. Nach russischen Medienberichten ist Regisseurin Germanika deswegen zutiefst verärgert.
Derweil bewahrheiten sich die schlimmsten Befürchtungen der Lehrerschaft, zumindest in einer Schule in der Stadt Belgorod. Ein Lehrer berichtet im Internet, seine 7a habe ihn gefragt: „Warum erlauben Sie uns nicht, Krach zu machen und durchs Klassenzimmer zu laufen? Im Fernsehen haben sie eine Moskauer Schule gezeigt, wo während der Stunde geraucht wird und die Schüler fluchen. Und wir sollen nicht mal ein bisschen schreien dürfen?“ Und das, so schreibt der Lehrer bitter, habe man dem „Ersten“ mit seinen Aufklärungsbemühungen zu verdanken.